Karlheinz, der Protagonist eines ganz erstaunlichen Buches © Metrolit Verlag

Zum Lesen

Heinz Helle: "Eigentlich müssten wir tanzen", Suhrkamp
Fünf Männer im Schnee, so fängt's an: Heinz Helles Roman Eigentlich müssten wir tanzen beginnt mit einem Ausflug auf eine Skihütte und endet in der Apokalypse. Rauch steigt auf über dem Tal, die Menschen sind verbrannt, und die fünf jungen Männer ziehen durch die verschneite Ödnis. Hier ist das Ende der Zivilisation. Frieren, Hunger, Verrohung. Helle entwirft diese Endzeitfantasie mit sprachlicher Eleganz und findet gelungene, zum Teil absurdkomische Bilder, die den Schrecken nur noch unerträglicher machen. "Der Winter kommt", droht uns die Lieblingsfernsehserie der ganzen Welt mit jeder Staffel. In Heinz Helles Roman ist er schon lange da. David Hugendick

Matthias Nawrat: "Die vielen Tode unseres Opas Jurek", Rowohlt Verlag
Matthias Nawrats Die vielen Tode unseres Opas Jurek sollte man nicht nur angesichts der düsteren Aussichten lesen, die derzeit in Polen aufziehen. Nawrat erzählt vor dem Hintergrund beinahe eines Jahrhunderts polnischer Geschichte über die Zurichtungen, die Diktaturen am Menschen und an seiner Sprache vornehmen. Vielleicht deshalb kann dieser Roman gar nicht anders, als einer der lustigsten des Jahres zu sein: Das Grauen wird ganz im Stile Slawomir Mrożeks in absurden Anekdoten erzählt. Wiebke Porombka

Karl-Ove Knausgård: "Träumen", Luchterhand
Wie entsteht Literatur? Wie kommt es dazu, dass jemand aus dem, was er sieht, erlebt und denkt, Buchstaben formt und Worte und schließlich einen Text, der mehr ist als die Geschichte, die er erzählt? Karl-Ove Knausgård ließ uns bereits in drei Bänden am Werden seines Ichs teilhaben: an seiner Kindheit, am Tod seines Vaters, an seinen Lieben. Im vierten Band, Träumen, geht es nun ums Schreiben. Das ist eine ziemliche Mühsal. Das Lesen dieser Mühsal ist freilich das reinste Vergnügen. Wenke Husmann

Lily King: "Euphoria", C.H. Beck
Euphoria beruht auf einer Episode im Leben der Anthropologin Margaret Mead. Es geht um drei Ethnologen in Neuguinea: den Ich-Erzähler Bankson und das Ehepaar Nell und Fen. Nell, die matriarchalische Strukturen beim Stamm der Tam erforscht, ist eine Koryphäe ihres Fachs; Fen ist – beruflich gesehen – lediglich ihr Mann. "Der Reiz der Anthropologie lag für ihn nicht darin, die Geschichte der Menschheit zu ergründen, er lag darin, barfuß zu laufen, mit den Fingern zu essen und für alle hörbar zu furzen." King ergründet die Beziehungen, psychischen Dispositionen und gelernten Verhaltensweisen der drei Forscher: Sie beobachtet die, die beobachten. So versteht man, warum sie nicht verstehen. Klaus Raab

Billy Hutter: "Karlheinz", Metrolit
Wieso bewahrt ein Mann die Hinterlassenschaften eines anderen mehr als 25 Jahre auf? Vielleicht, um endlich dieses Buch zu schreiben. Karlheinz, der Protagonist dieses Debüts, war einer unter vielen, ein Spießer der Nachkriegszeit, der dazu neigte, sein Leben zu dokumentieren, vielleicht, weil so wenig darin passierte. Er sammelte Regenmäntel, führte über alles Buch, selbst über seine sexuellen Vergnügungen und versteckte seine Pornos in einer Metzgertüte. Der Ludwigshafener Autor Billy Hutter hat über Jahrzehnte das Leben dieses Mannes nachzuvollziehen versucht, sorgsam, nüchtern, ein Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, wahnsinnig komisch und irre traurig. Daraus ist nun ein einzigartiges Buch entstanden, das in seinen Verstrebungen die Geschichte zweier Männer abbildet. Auch wenn Karlheinz ein Einzelgänger war, dieses Buch erzählt mehr über die deutsche Seele der Nachkriegszeit, als man bisher zu wissen glaubte. Silke Janovsky

Juan S. Guse: "Lärm und Wälder", S. Fischer
Lärm und Wälder ist der Debütroman des jungen Schriftstellers Juan S. Guse und unglaublich abgeklärt. Es geht um den Niedergang der westlichen Kultur, um bürgerliche Paranoia, den traumatisierten Mittelstand. Seine Sprache ist artifiziell, genau, subtil, selbstironisch. Dass das Buch in der Zukunft spielt, fällt kaum auf: Die meisten Prophezeiungen haben sich längst bewahrheitet. Auf diesen Autor wird man achten müssen: Besser waren die Debüts von Literaturstars wie Daniel Kehlmann oder Jonathan Franzen auch nicht. Felix Stephan