"Star Wars ist nur für Jungs", beschied mir vor wenigen Wochen meine vierjährige Tochter. "Warum?", fragte ich erstaunt zurück. "Das hat Moritz gesagt." Moritz, das ist einer ihrer guten Freunde in der Kita, er ist fünf und eher zart und mir bisher noch nicht durch ausgeprägten Machismo aufgefallen. Aber gut, Kinder haben bisweilen eigenwillige Vorstellungen über die Geschlechter – sie sind schließlich noch in der Orientierungsphase. Überdies muss man Moritz zugutehalten, dass er den neuesten Star-Wars-Film, Das Erwachen der Macht, der am Donnerstag in die Kinos kommt, natürlich noch nicht hat sehen können. Sofern er unter Star Wars überhaupt die Filme versteht, und nicht vielmehr die Lego-Figuren.

Catherine Newmark lebt in Berlin und arbeitet als Kulturjournalistin mit Schwerpunkt Film, Philosophie und Geisteswissenschaften. Sie ist Autorin und Redakteurin bei Deutschlandradio Kultur und beim "Philosophie Magazin" sowie Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Was die bisherigen sechs Filme betrifft, so könnte man seinem Urteil vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grad zustimmen. Den beiden Trilogien aus den siebziger/achtziger und aus den neunziger/nuller Jahren ist eindeutig etwas Jungshaftes zu eigen. Star Wars, diese Kreuzung aus nachgerade klassischer epischer Erzählung mit Fantasy-Elementen und traditionellem US-amerikanischem Western, ist ziemlich männlich besetzt. Mythische Figurationen wie der Konflikt zwischen Vater und Sohn (Darth-"Ich bin dein Vater"-Vader gegen Luke Skywalker), eine ritterliche Ständegesellschaft mit ihren Jedi-Rittern und zu rettenden Prinzessinnen sowie Shoot-Outs in den Sternen mit Cowboys wie Han Solo gibt es in ihnen zuhauf.

Was hingegen kaum vorkommt, sind Frauen. Zwar haben die beiden Trilogien mit Prinzessin Leia und Padmé Amidala jeweils eine frisurentechnisch unglaublich interessante weibliche Hauptfigur an zentraler Stelle, aber neben und hinter diesen Protagonistinnen scheint es in der weit entfernten Star-Wars-Galaxie kaum weibliche Exemplare unter den so vielfältigen außerirdischen Spezies zu geben. Pro Trilogie kann man die weiblichen Nebenfiguren, inklusive Statisten-Hundertscharen, jeweils ziemlich exakt an einer Hand abzählen. Und penible Rechercheure haben die Gesamtredezeit von Frauen außer Prinzessin Leia in den insgesamt 386 Minuten der ersten drei Filme ausgerechnet. Sie kamen auf spektakuläre 63 Sekunden.

Männlicher Detailreichtum

Nun gibt es viele Film- und Erzähl-Genres, die traditionell männerdominiert sind, und insofern erstaunt es nicht, wenn ein Weltraum-Western vor allem männliche Kämpfer zeigt. Aber Star Wars ist nicht nur Epos, Mythologie, Western und Fantasy, sondern auch Science-Fiction, es imaginiert Welten hinter unserem Horizont, in den Weiten des Universums. Es entwickelt technologisch unglaublich fortgeschrittene Szenarien. Und es malt mit einer unfassbar ausgreifenden und liebevollen Detail-Fantasie Planeten, Sternensysteme und vor allem Aliens aller Arten aus. Dass dieser Detailreichtum bezüglich der dargestellten Geschlechter so einseitig bleibt, dass all die Mühe, die in die Erschaffung der bunt gemischten Aliens ging, so gar keine weiblichen Exemplare hervorgebracht hat, ist dann doch erstaunlich.

Oder auch nicht. Schließlich sagen uns Fantasy- und Science-Fiction-Filme immer viel mehr über die Welt, in der sie hergestellt wurden, als über die von ihr imaginierten Welten. Denn wenn sie auch nicht realistisch unsere jeweiligen sozialen Verhältnisse abbilden, so zeigen sie doch, was wir uns jeweils gerade noch plausibel vorstellen können. Und Star Wars bietet uns mit seiner Langlebigkeit mittlerweile bald 40 Jahre Anschauungsmaterial dazu, was in punkto Geschlechterbeziehungen denkmöglich war.

Da sind zunächst die siebziger und achtziger Jahre, die Hochphase der zweiten Frauenbewegung. Sie bescherten uns nebst einem noch ziemlich machoiden Han Solo und einer rein männlich besetzten Kampfwelt auch eine recht taffe Prinzessin Leia. Nur ganz zu Beginn muss sie als klassische damsel in distress vom jugendlichen Helden befreit werden, danach entwickelt sie sich rasant zur aktiven Kämpferin und macht jede Schießerei mit. Und lenkt sogar – fast singulär im Hollywood-Mainstream-Kino – bei einer "Motorradszene" den Düsenschlitten, während Luke hinten sitzt. Dass ihr Luke während der ganzen Szene von hinten überflüssige Anweisungen geben zu müssen meint, schmälert die emanzipatorische Bildsprache nur unwesentlich.

Die Heldin als Schrottsammlerin

Dann kommen die neunziger und nuller Jahre und bringen uns zumindest im Hintergrund die Denkmöglichkeit, dass auch einzelne Pilotinnen oder Jedi-Ritterinnen (in Massenszenen) weiblich sein könnten. Sie führen aber auch an der Figur der Padmé Amidala einen eigenartigen Backlash durch: Die zunächst kämpferische Königin entwickelt sich zunehmend zur leidenden Liebenden, die sich um ihren langsam auf die dunkle Seite hinüberrutschenden Anakin sorgt und spätestens mit ihrer Schwangerschaft jedes Interesse an Politik verliert und sich vor allem über die Einrichtung des zukünftigen Kinderzimmers Gedanken zu machen scheint.

Und was sagt uns der neue Film, Episode VII? Was kann man sich 2015 in Hollywood an weiblichem Personal vorstellen? Zunächst: eine Heldin, die nicht Prinzessin oder Königin ist, sondern Schrottsammlerin. Sodann eine weibliche Figur, die kleinwüchsig und seherisch veranlagt ist und weise Ratschläge gibt – mithin so etwas wie die Yoda-Position einnimmt. Vor allem aber: mehr Frauen, und das nicht nur im Hintergrund. Frauen, die miteinander interagieren – die Denkmöglichkeit also, dass Frauen nicht mehr nur als einzelne Ausnahmeerscheinungen auftauchen, ob nun in den Chefetagen dieser Welt oder in den handlungsantreibenden Heldenpositionen von Star Wars.

Bechdel-Test: bestanden

Der Film ist ansonsten in seinem Anschluss an die ursprüngliche Serie die leibhaftige Verkörperung des Copy-and-paste-Zeitalters. Er ist groß, bombastisch und fantastisch und wird niemandem, der die ersten sechs Filme nicht gesehen hat, auch nur im Geringsten einleuchten. Treue Fans hingegen werden den kalkulierten und in vielerlei Hinsicht total unoriginellen Rückgriff auf die Protagonisten, die Motive, ja selbst auf die Handlungsstränge und Action-Sequenzen der ersten Trilogie jubelnd begrüßen – es ist wie ein vertrautes Heimkommen zu den deutlich attraktiveren Figuren Han Solo und Leia, nach langen Jahren von Anakin Skywalker im Selbstzweifel über seinen Weg zur dunklen Seite und der unfassbar kitschigen Anakin-Padmé-Lovestory, durch die wir uns in der zweiten Trilogie geplagt haben.

Und neben den vertrauten Figuren und abgekupferten Kampfszenen gibt es doch noch einige aufregende neue Wendungen und Details – Disney bittet alle Journalisten inständig, sie nicht zu verraten. Ein besonders aufregendes kann hier allerdings schon festgehalten werden: Mit seinem aufgestockten weiblichen Personal ist Episode VII der bisher erste und einzige Star-Wars-Film, der den sogenannten Bechdel-Test besteht – also jenen eher humorvoll gedachten feministischen Test für die aktive Präsenz von Frauen, durch den erstaunlich viele Filme durchfallen, weil sie das denkbar niedrigschwellige Kriterium weiblicher Präsenz nicht erfüllen: zwei Frauen, die miteinander sprechen – über etwas anderes als einen Mann.

Das Erwachen der Macht liefert uns nach 38 Jahren genau dies – eine weibliche Heldin, die nicht ganz allein auf weiter Flur steht. Und gibt als Spiegel des aktuellen Standes der Emanzipation durchaus Anlass zu Optimismus. Wir mögen zwar hienieden noch mit Vorurteilen, Diskriminierung und Lohnungleichheit kämpfen, aber die gute Nachricht ist die: In einer weit, weit entfernten Galaxie kommen Frauen fortan als Force-User ernsthaft infrage. Inklusive Lichtschwerter. Wahrlich, "there has been an awakening in the force" – es hat ein Erwachen gegeben in der Macht. Es war eindeutig weiblich. Moritz wird staunen.