Das zählt zum Guten. Gutes erlebe auch ich, die ich seit sechs Wochen am Bahnhof Uelzen mit Dutzenden weiterer Freiwilliger Geflüchtete versorge, die mit den letzten Zügen ankommen und den Rest der eisigen Nacht am geschlossenen Bahnhof verbringen müssen, bis der erste Morgenzug sie mitnimmt. Wir führen sie in warme Räume, bieten ihnen Nachtlager mit Decken, Suppe, Kleider, Dusche. Es kommen Familien mit fiebrigen Babys, es kam eine Gruppe syrischer Transgender, es kam eine Syrerin allein mit sieben Kindern; doch die meisten sind junge Männer. Und weil in der Flüchtlingshilfe Männer stark unterrepräsentiert sind, waren wir nachts schon oft eine Crew aus lauter Frauen.

Auch das Folgende wird nicht, kann nicht für alle Geflüchteten gelten, schließlich beherbergten wir bisher nur 350 Menschen, darunter etwa 250 Männer. Aber fast alle 250 waren die höflichsten, zurückhaltendsten Zeitgenossen, die man sich denken kann. Das sind die Männer, vor denen ich am wenigsten Angst habe, wenn ich nach Mitternacht die Uelzener Bahnsteige patrouilliere. Meines Wissens nur ein einziges Mal kam es dazu, dass ein Flüchtling eine junge Helferin anmachte; seitdem er Syrien verlassen hatte, sagte er, übte er Deutsch mit einer App. Und die ließ er an jenem Abend in Richtung der jungen Frau übersetzen: "Ich habe Gefühle für dich." Wir erstarrten. Er fragte: "Ist das gut?" "Nein", sagte ich, "das ist gar nicht gut". Er wusste unsere Mienen recht zu deuten und ließ es dabei bewenden.

Schräge Auffassung von Frauensolidarität

Aber was sollen wir nun mit jenen anderen Flüchtlingen tun, die sich an Silvester zum Frauenangrapschen treffen? Politiker*innen diverser Parteien suchen sich derzeit mit Härteparolen zu übertrumpfen. Bereits jetzt können straffällige Asylbewerber nicht nur in Deutschland inhaftiert, sondern, je nach Delikt, ausgewiesen werden. Was gibt es Drastischeres als eine Abschiebung? Die Todesstrafe etwa oder einen Flug zum Mond?

Doch schon zum Thema Abschiebung möchte ich all die spontanen oder auch dauerhaften Feminist*innen, die dieser Tage eine noch härtere Abschreckungspolitik fordern, einmal fragen: Wollt Ihr solche Männer, die versuchen, sexuelle Gewalt sogar gegen einen soliden westlichen Rechtsstaat durchzusetzen, etwa wieder zurück zu "ihren" Frauen schicken? Falls tatsächlich auch Syrer unter den Grapschern und Vergewaltigern wären: Ist das wirklich Euer Verständnis von Frauensolidarität, solche Männer in ein Bürgerkriegsgebiet zurückzusenden, wo wir doch wissen, dass alle Formen von Kriegen, Bürgerkriegen und Aufständen sexuelle Gewalt noch um ein Vielfaches anwachsen lassen? Ist das wirklich eine feministische Position – oder hat das nicht eher das politische Niveau vieler Bürgerinitiativen mit dem Prinzip Nicht-vor-meiner-Haustür? Also zum Beispiel: Grillen und Klopse zum Abwinken, aber keinen Schweinestall vor meiner Haustür!

Deutschland täuscht Gleichbehandlung nur vor

Was also sollte nach "Köln" an der Asylpolitik geändert werden? Gar nichts. Jetzt schon steht das Credo, dass Frauen in Deutschland Gleichbehandlung erführen, in allen möglichen Infos für Asylsuchende. "Deutsches Leitungswasser können Sie trinken. Deutsche Frauen werden respektvoll behandelt." Das kommt so überzeugend rüber wie nur sonst was.

Als Schriftstellerin glaube ich daran, dass ein Leser es merkt, ob etwas phrasenhaft und aufgesetzt ist – oder ob der Sprecher/Schreiber es ernst meint. Ein Flüchtling merkt spätestens dann, dass wir es nicht ernst meinen, wenn er an dem Pappaufsteller im Supermarkt vorbeikommt, wo auf einem nackten Frauenkörper verschiedene Würste drapiert sind. Er merkt es an der Werbung für den Schwarzwald mit liegender Frauensilhouette: "Steile Hügel, feuchte Täler." Oder an dem Plakat der Jungen Union, das nur einen weiblichen Unterkörper, einen schwarzen Slip und eine Hand zeigt, die sich in selbigen schiebt. Wenigstens den Slogan dazu kann der Flüchtling zunächst nicht verstehen: "Wir gehen tiefer."

All diese Bilder und ja, auch Herrenwitze à la Brüderle, und ja, auch dieses Weglachen – "war doch nicht so gemeint", "Darf man nicht so eng sehen!" – all das sind Praktiken in unserer Gesellschaft, die dazu verleiten, Frauen verdinglicht und respektlos zu behandeln. Sie zeigen, dass wir es eben doch nicht ernst meinen mit dem Sprüchlein: Frauen werden respektvoll behandelt. Das heißt nicht, die Schuldfrage zu verschieben, denn Schuld am Begrapschen haben natürlich die Täter. Wenn wir Neuankommenden aber wirklich signalisieren wollen, dass Frauen in Deutschland nicht nur Trägerinnen von Brüsten und beliebig "nutzbaren" Geschlechtsteilen sind, muss sich das in unseren Bildern widerspiegeln. Wir müssen sexistische Werbung abschaffen und Gameshows ändern, in denen Frauen nur Preise durch die Gegend tragen. Wir müssen uns in jedem gesellschaftlichen Bereich fragen, welche Botschaften wir einstellen oder aussenden müssen, um neue und alte Praktiken sexueller Gewalt nicht zu ermutigen, sondern im Keim zu ersticken.