Was würde Loki tun?

Mein schönstes Berlinale-Erlebnis? Das war, als der englische Schauspieler Tom Hiddleston unerwartet bei einer Serienpremiere auflief – ich hab' mir ein Autogramm erkämpft. Eine Filmkritikerin sollte auf einem Festival vielleicht was anderes zu tun haben. Aber ich kann meinen Anfall von Fan-Fieber erklären: Der Mann hat Kulturgeschichte geschrieben. Als unberechenbarer Gegenspieler des Superhelden Thor und der Avengers in den Marvel-Filmen machte Hiddleston eine vergessene nordische Sagengestalt zum intellektuellen und sexualpolitischen Leitbild einer neuen Generation.

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für DIE ZEIT, "chrismon.de" oder den "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Reden wir also mal über Loki. Der war vor ein paar Jahren eigentlich nur noch Mythenforschern, Opern-Abonnenten und älteren Comiclesern ein Begriff. In der mittelalterlichen Edda-Epik zog er als windiger Ausputzer mit Thor und Odin um die Häuser. In Wagners Rheingold diente er dem Godfather Wotan als Consigliere. In den Marvel-Heften war er der erste Gegner der Avengers, ein Magier und Gestaltwandler mit herbem Profil und lächerlich gehörntem Helm. Damit hatte es sich so ziemlich. Selbst aus der Schule schien der Typ zwischenzeitlich verschwunden zu sein. Und wenn man in Amazons Buchrubrik nach "Loki" suchte, erschien nur eine Handvoll Titel – Edda-Versionen, Nacherzählungen, die Loki-Schmidt-Memoiren.

Heute stehen da mythologische, romantische und erotische Romane, Parodien und Graphic Novels in Menge zur Auswahl. Darunter nicht nur bizarre Titel wie Loki, Pirates and Giant Robot Chickens, sondern auch recht lesbare Urban Fantasy wie die I Bring the Fire-Serie, die den irrlichternden Gott in die USA der Gegenwart transferiert. Und es gibt eine frische Marvel-Comicreihe mit einem jungen, aufgehübschten Loki, der von Tom Hiddlestons Interpretation der Figur inspiriert ist.

Superschurke vom anderen Stern

Hiddleston, bei seinem Auftritt im ersten Thor-Film 2011 noch ein Unbekannter, hat Loki eine schöne Mischung aus Irrsinn, großäugiger Verletzlichkeit und physischer Grazie mitgegeben in Avengers und Thor 2 haben sie ihm dann manische Monologe und coole Einzeiler ins Drehbuch geschrieben – passgenau wie das fetischistische Lederoutfit. Loki-Hiddleston wurde der mem-igste Mann im Netz, gefeiert in Fanvideos auf YouTube, in Gifs und Cartoons auf Tumblr. Suchen Sie mal nach "You just got loki'd" für "reingelegt": Den Song spiel ich mir vor, wenn ich den Steuerbescheid kriege. Und in besonders öden Sitzungen frage ich mich: "Was würde Loki tun?" (Ich arbeite noch dran, die Sprinkleranlage telepathisch in Gang zu setzen.) Bisher hat unser Superschurke vom anderen Stern seine Eroberungspläne nicht recht auf die Reihe gekriegt. Aber er ist der populärste Charakter des Marvel-Franchise. 

Die Schurken, könnten Sie jetzt sagen, sind immer interessanter als die Helden. Loki ist allerdings nicht irgendein guy you love to hate. Schon in der Edda war er ein schillernder, weniger bösartiger als unangepasster Charakter: als Sohn eines Eisriesen immer etwas fremd in der Göttergesellschaft von Asgard, peinlich, weil er sich in eine Stute verwandeln konnte und ein achtbeiniges Fohlen austrug. Der Typ, der auf einer Party die dreckigen Geheimnisse seiner noblen Kollegen ausplauderte und schließlich den Weltuntergang, Ragnarök, einleitete.

Der Schriftsteller Lewis Hyde hat Ende der neunziger Jahre die richtige Spur ausgelegt. In Trickster Makes This World, einer Analyse indianischer, nordischer, griechischer Mythen und Sagen, beschreibt er Loki als eine dieser Figuren, deren "disruptive Imagination" erstarrte Kulturen in Bewegung versetzt und voranbringt: schamlos, redselig, erfindungsreich, voller Appetit, auch auf neue Erfahrungen, deshalb oft nah am Abgrund und geübt darin, produktiv mit dem Unvorhersehbaren umzugehen – ein "kataklysmischer Agent des Wandels".

Es gibt ihn auch als Intersex-Version

Viele Fans, das merkt man, haben dieses Buch gelesen; "Trickster", die Bezeichnung, unter der Hyde die listigen Chaoten der Mythen zusammenfasst, ist als Beiname für Loki durchgesetzt. Und die Fanfiction-Geschichten, in denen Zuschauer, meist Frauen, die Helden populärer Filme und Serien ausleihen, um eigene Fantasien mit ihnen zu bevölkern – hat die subversiven Elemente des Mythos aufgenommen: Eine regelrechte moderne Loki-Folklore ist da entstanden. In Tausenden von Fanfics stellt Loki klassische Erzählmuster auf den Kopf. Oft muss er sich als nerdiger, androgyner Außenseiter in einer Gesellschaft hypermaskuliner Dumpfbacken behaupten.  

Immer wieder tritt er als Repräsentant unterdrückter Minderheiten auf, und viele Geschichten kreisen um das Problem seiner ethnischen Identität. Im ersten Thor-Film sieht man, dass Loki qua Geburt, als Eisriese, blaue Haut und rote Augen hat. Er wäre also eine ziemlich bunte Erscheinung, hätte Odin ihn nicht mit einem Zauber belegt, damit er in Asgard als weiß durchgeht. Aus diesem zweifelhaften Impuls, der in den Filmen nicht wirklich problematisiert wird, hat sich in der Loki-Fanliteratur eine Art Subgenre entwickelt, das an – vor allem amerikanische – Diskurse über Rassismus anschließt und für Toleranz plädiert. Die Fans lieben Lokis Eisriesen-Look. Und am Ende transzendiert so ein Gestaltwandler ohnehin alle kulturellen Normen.

Dabei ist noch nicht mal was über seine Sexualität gesagt. Selbst in der seit jeher von experimentellen Beziehungsmustern und seltsamen Kinks geprägten erotischen Fanfiction ist Loki eine unberechenbare Kraft. Seine Partnerinnen schätzen ihn als "Dom", und in seinen explosiven Männerbeziehungen – gerne mit Powertypen wie Thor oder Iron Man – kann alles passieren. Zum Beispiel geht er als Kerl aus dem Haus und trifft als Frau im Restaurant ein. Loki ist zu einem Symbol der Genderfluidität, der Queerness geworden. In den Fanstorys kursiert er seit einer Weile in einer sehr beliebten Intersex-Version, mit Penis und Vagina, wahlweise mit Brüsten – und stellen Sie sich das in Königsblau vor! Hinreißend. Jeder, der sich mit Loki einlässt oder über ihn schreibt, muss seine eigene Orientierung überdenken, seine Sprache, seine geübten, nun ja, Verkehrsformen. Loki ist das Nichtidentische, das Inkommensurable. Wenn ihn der DFB einstellen würde, gäb's sofort den Preis für Geschlechterdiversitätsmanagement.

Scharfe Wangenknochen sind allerdings ein Muss. Ob Mr. oder Mrs., blass oder blau – in jeder Loki-Iteration steckt ein Rest Tom Hiddleston. Irgendwann hat der sympathische, seinen Fans zugeneigte Star die Befürchtung geäußert, das Publikum habe langsam genug von Loki. Aber selbst im Jahr drei seit dem letzten Loki-Film läuft mein Twitter-Account noch täglich heiß. Der Trend zum Trickster hat nicht nachgelassen. Und glücklicherweise ist unter den vielen kommenden Marvel-Projekten auch eines, das den Titel Ragnarök trägt. Das Star-Barometer der Internet Movie Database platziert Loki-Hiddleston auf der Besetzungsliste jetzt ganz oben. Wie hat er in den Avengers gesagt? "Am Ende werdet Ihr immer niederknien."