Die Frage ist aber eher, warum man ein Dark Tourist ist. Weil man das Leid anderer nachempfinden möchte? Oder weil man sich an genau diesem Leid erbaut? Es gibt eine Lust am Schrecklichen, die fest in der menschlichen Psyche verankert zu sein scheint. Früher waren es Hexenverbrennungen, Gladiatorenkämpfe, Pranger, die bis in das 19. Jahrhundert hinein eine Unterhaltungsattraktion fürs Volk darstellten. Heute ist es das Dschungelcamp und Dark Tourism. Durch das Betrachten des Schrecklichen versichert sich der Mensch seiner eigenen Unversehrtheit. Schau, ich lebe noch. Schau, ich werde nicht gefoltert. Schau, ich muss keine Würmer essen. Der Mensch wird in eine Hochstimmung versetzt und erkennt endlich, endlich, dass er am Leben ist.

Es ist diese grausame Lust am Schrecklichen, über die sich Karl Kraus schon 1921 in seiner Fackel-Polemik empört. Den Ausschlag gibt eine Anzeige der Basler Nachrichten, welche die "Schlachtfeld-Rundfahrten nach Verdun, Ventoux und Fort Beaumont für 117 Franken" bewirbt, Übernachtung, erstklassige Verpflegung, Wein, Kaffee, Trinkgelder, Passformalitäten – alles inbegriffen. "Reklamefahrten zur Hölle", nennt Kraus solche Ausflüge – und eine Schande für die Menschheit: "Sie erfahren, daß 1 ½ Millionen eben dort verbluten mußten, wo Wein und Kaffee und alles andere inbegriffen ist. Sie haben vor jenen Märtyrern und jenen Toten entschieden den Vorzug einer erstklassigen Verpflegung in der Ville-Martyre und am Ravin de la Mort. Sie fahren im bequemen Personen-Auto aufs Schlachtfeld, während jene nur im Viehwagen dahingelangt sind… Und wenn Sie dann noch nicht erkannt haben, daß Sie durch Ihre Geburt in eine Mördergrube geraten sind und daß eine Menschheit, die noch das Blut schändet, das sie vergossen hat, durch und durch aus Schufterei zusammengesetzt ist – dann hol’ Sie der Teufel nach einem Schlachtfeld par excellence!"

Wir wären Ungeheuer, wenn wir kein Mitgefühl für jene aufbringen könnten, die nicht wir selbst sind und die nicht zu uns gehören. Wir wären Monster, wenn wir uns selbst nicht auch mal vergessen könnten. Aber wir müssen dafür nicht an fremde Orte reisen, an denen wir fremdes Leid mit dem eigenen Maßstab messen und Gefahr laufen, uns daran zu ergötzen. Wir müssen den Tod nicht als Objekt im Schaukasten betrachten. Wir können auch einfach zu Hause bleiben und uns den Stacheldrahtzäunen zuwenden, die in unserer Nähe errichtet werden, den bewaffneten Soldaten, die uns an wiedereingeführten Grenzen vor ausgezehrten, kraftlosen Geflüchteten beschützen. Den panischen Maßnahmen, die getroffen werden, damit bloß nirgends ein neuer Tunnel gegraben wird. Dann würden wir erkennen, dass das Leid der anderen längst auch unser Leid geworden ist.