Natürlich liegt in einem aufgeräumten Zuhause die Verheißung, dass die Mühe, die das Leben ohnehin bereitet, nicht sofort am Zimmer zu erkennen sei. In tatsächlich geordneten Verhältnissen zu leben ist unmöglich, in einer geordneten Wohnung indessen einigermaßen machbar.

Ein schwedisches Möbelhaus wirbt seit einiger Zeit mit einem Spot, in dem ein schöner junger Mann und eine schöne junge Frau knutschend ins Schlafzimmer stolpern. Die Frau liegt bald in Unterwäsche auf dem Bett, während der Mann sich mit größter Gelassenheit entkleidet, das Hemd auf den Bügel hängt, die Armbanduhr an ihren Platz in die Schublade legt und die Hose ins Regal. Der Frau ist die Lust vergangen, der Mann blickt stolz auf den akkurat gefüllten Kleiderschrank, damit alle wissen, wie viel Spaß Ordnunghalten macht, trotz erotischer Versuchung auf dem Bett.

Pessimistische Geister könnten glauben, dass hier im Namen puritanischer Lustfeindlichkeit Aufbügeln und Zusammenfalten als Mittel empfohlen wird gegen das Chaos der Affekte. Oder ist Aufräumen einfach die neue Erotik? Der Spot jedenfalls passt in eine Zeit, in der Millionen Menschen angefangen haben, freiwillig ihre Socken zu falten. Und daran ist Marie Kondo schuld.

"Decluttering" nach der KonMari-Methode

Marie Kondo ist Japanerin, eine zierliche Person um die dreißig (so genau weiß man das nicht). Und sie ist die größte Aufräumberühmtheit, die derzeit den Planeten ordnet. Ihre Bücher haben sich weltweit mehr als sieben Millionen Mal verkauft, sind in 27 Sprachen übersetzt. Frauenzeitschriften bezeichnen Kondo als "Sortierkönigin", eine US- amerikanische Kolumnistin nannte sie die "Zen-Version" von Aristoteles, was zunächst insofern stimmt, als Kondo auch das Glück zum Ziel des guten Lebens erklärt.

In ihren Büchern führt der Weg zu Glück und innerer Ordnung einzig über ein ordentliches Zuhause. In ihrem ersten Buch The Life-changing Magic of Tidying beschreibt sie, wie sie mit fünf Jahren Haushaltsmagazine gelesen habe und sich an den akkurat organisierten Flächen und Regalen erfreut hätte. Dass man jemandem, der als Kind nicht spielte, sondern lieber aufräumte, erst einmal misstrauen könnte – auf die Idee ist bisher keiner gekommen. Vermutlich, weil Marie Kondo so sympathisch wirkt. Und vermutlich auch, weil ihr "KonMari-Methode" genanntes Verfahren wirklich zu funktionieren scheint und das decluttering, das Entwirren des eigenen Besitzstandes, so etwas wie ein Trend geworden ist.

Für klar Schiff machen gibt es ein neues Verb

Kondo erzählt sogar inzwischen Google-Angestellten, wie richtiges Aufräumen geht: In einer bestimmten Reihenfolge wird ausgemistet. Erst die Kleidung, dann die Bücher, danach die Papiere und der Kleinkram und zuletzt die Erinnerungsstücke. Diese Praxis wurde in den USA sogar zu einem Verb, "to kondo", das Menschen begeistert benutzen, wenn sie in ihrem Schrank klar Schiff gemacht haben oder in YouTube-Videos Vorher-nachher-Bilder ihrer Wohnung zeigen. Vorher herrscht Chaos, nachher penibelste Klarheit.

Marie Kondos Erfolg ist nicht allzu überraschend: Der Markt für praktische Lebenshilfe ist gigantisch, und auch die Sehnsucht nach Autoren, die einem sagen, wie man in der Welt nicht bescheuert wird. Im Januar erschien Spark Joy, eine illustrierte Version ihrer Ordnungsmethode, mit Schaubildern und Faltanleitungen. Auch das Buch ist wieder ein Bestseller.

Marie Kondo, mit ihren vordergründig unsentimentalen Ermunterungen, Dinge dringend wegzuwerfen, passt überaus gut in eine Zeit, in der der Messie als asozial gilt, der Wegschmeißer hingegen zum Vorbild taugt. Und ihre Anleitungen passen ebenfalls auf den ersten Blick in eine Gesellschaft, in der Menschen ihr Dasein zum Wohnen gesteigert haben, von dem sie pausenlos berichten: von Appartementsuche, Designerstühlen und klaren Formen. "Früher lasen wir Pornomagazine, heute sind es Möbelkataloge", heißt es in Chuck Palahniuks Fight Club.

Der zur unbedingten Modernität entschlossene Mensch lebt oft in einer Wohnung, die bestenfalls aussieht wie ein Hotelzimmer, schlimmstenfalls wie ein Ausstellungsraum oder ein Apple-Store. Sogenannte Interiorblogs verbreiten Hunderte Bilder von weißen Zimmern, in denen Menschen, die meistens erfolgreich etwas machen, sich interessantgewohnt haben mit einem kleinen Ensemble an Möbeln, auf dem Tisch ein paar tiefsinnig verdorrte Blumen und Schriftzüge in schlichter Helvetica, dem Comic Sans aller Menschen mit Googlemail-Adresse. Alles ist sorgsam ausgesucht und hingestellt und arrangiert. Und alles ist so rein und klar und wesentlich und sachlich, dass man den Leuten aus schierer Notwehr eine Schrankwand in die Bude rollen möchte, mit Brettspielen, Münzsammlungen, Fußballpokalen und allen Bravo-Hits bis Folge 47. Es wäre ja Platz genug.

Lebenskunst. Wohnkunst. Besitzkunst

Man kann dieses nahezu entmenschlichte, ornament- und affektbefreite Wohnen auch als Ästhetik der Läuterung bezeichnen, wobei man gleich fragen müsste: Geläutert wovon?

Der Kollege Felix Stephan hat kürzlich geschrieben, dass in den leeren Räumen europäischer Großstadtwohnungen eine "Verzichtsperformance" erkennbar sei, die man sich leisten können müsse. Und im ZEITmagazin hat Matthias Stolz vor einiger Zeit entdeckt, der moderne Mensch, den man vorwiegend in urbanen Ballungsräumen antrifft, "kuratiere" seinen Besitz, anstatt ihn wie früher einfach anzuhäufen, was wiederum bedeutet, sein Hab und Gut nicht nur zu musealisieren, sondern es, mehr oder weniger, in den Rang der Kunst zu erheben. Lebenskunst. Wohnkunst. Besitzkunst, worin der einst verhärmte Großmütterseufzer, dass man ja "nicht viel brauche", zum Wohnstil wird. Was allerdings als Postmaterialismus ausgegeben werden soll, also die Abkehr vom Besitztum, ist lediglich verdichteter Materialismus, der nicht mehr fragt "Wie viel?", sondern "Wovon?".

Es geht um magisches Denken

Marie Kondos Aufräumfibeln haben viel mit dieser Lakonie des Wohnens gemein: das Abwerfen von Ballast, die Strenge, mit der sie rät, sich von Erinnerungsstücken zu trennen und die kühle Systematik, die einem Hochleistungscomputer ähnelt. Und es ist nicht auszuschließen, dass vor allem Großstadtbewohner kondoen, um die Leere zu kultivieren, die sie für Geschmack halten.

Nur, und das ist der entscheidende Unterschied, geht es Kondo weder um Ästhetik noch um das, was heute als konsumkritische Askese in westlichen Wohlstandsgesellschaften gilt. Es sind, trotz aller Anschlussfähigkeit, therapeutische Bücher. Man kann das, wie Frauenzeitschriften, "Philosophie" nennen, aber in The Life-Changing Magic of Tidying steht bereits das Wort, um das es hier in Wahrheit geht: um magisches Denken.

Marie Kondo rät, neben allerlei lebenspraktischen Weisheiten, vor allem, jeden Gegenstand in die Hand zu nehmen und sich zu fragen, ob er einem Freude bereitet. Wenn ja, darf er bleiben, wenn nicht, muss er weg. Das Profane wird heilig, allein dadurch, dass es bleiben darf. Hier liegt der alltagsreligiöse Kern und auch das Zeremonielle der "KonMari-Methode"und ihre binäre Logik ist möglicherweise ein Anlass, warum Technologiekonzerne Marie Kondo zu Vorträgen buchen. Auch die notorische Achtsamkeitsbewegung mag ein Grund sein, warum Kondo außerhalb Japans so erfolgreich ist, einem Land, in dem die Wohnungen ohnehin kleiner sind und Ratschläge nicht als Lifestyle verstanden werden, sondern einfach als nützlich.

Die Rückverzauberung der Dinge

Und wo Achtsamkeit zunächst helfen soll, im unter aller Flüchtigkeit und allem Stumpfsinn bestatteten Alltag überhaupt wieder so etwas wie Spaß an den Dingen zu empfinden, erhebt Kondo die Freude zum Hauptkriterium ihrer Unterscheidungen. Das ist bei aller Naivität zutiefst menschenfreundlich. In Kondos Büchern gibt es einen Kult der Unmittelbarkeit: Freude entstehe durch Berührung, völlig egal, um was für einen Gegenstand es sich handelt. Der Besitz erhält einen Artefaktcharakter, alles andere wird entsorgt. Man kann sich zu leicht vorstellen, wie Menschen fürderhin Staubsauger, Nagelscheren, Zahnbürsten, Wäscheständer und Leitern zum Wertstoffhof tragen, weil sie viel damit verbinden, aber keinen Spaß. Das wäre jedoch ein ähnliches Missverständnis wie jenes, in Kondo eine Agentin des Optimierungswahns zu sehen. Es geht um den Zauber der Dinge, beziehungsweise auch um ihre Rückverzauberung.

Kondo erzählt, wie sie sich bei ihren Schuhen bedankt, für die harte Arbeit, die sie täglich für sie leisten. Sie spricht mit ihren Socken, mit eigentlich allem, und rät den Lesern, es ihr gleichzutun. Die Beseelung der Dingwelt. Das ist ein hübscher Gedanke. Eine Kinderfantasie.

All das sollte man bedenken, bevor man diesen Ratgebern nun mit schweren Geschützen begegnet. Bevor man wieder beginnt, Lifestylephänomene discountpolitisch auszudeuten, wie es ja Mode geworden ist. Im Joggen nur die Verwirklichung des "neoliberalen Leistungsgedanken" zu sehen, der ja inzwischen für alles herhalten muss. Im grünen Smoothie nur den Wunsch, künftig gesund und tüchtig im kapitalistischen System zu funktionieren. Und eben in Marie Kondos kindlichem Animismus lediglich die Verleugnung einer Welt, vor der man sich ins Private zurückgezogen hat, weil sie, wie es dann auch unentwegt heißt, "immer komplexer" werde. Dabei ist es seit jeher besser, Menschen wünschen zu Hause ihrer Hose einen guten Tag, als dass sie draußen herumpöbeln, Fahnen schwenken oder Stromkästen anbrüllen, weil die Welt so verkommen ist.

So wenig wie in jedem unordentlichen Zimmer ein "kreativer Kopf" wohnt, so wenig ist jeder, der vor dem Falten mit seinen Socken redet, ein weltfremder Pedant, der dringend zum Psychiater muss. Und das Chaos kann ja jeder weiter feiern, der will. Das Schöne ist, dass es dazu keine Ratgeber braucht. In Elias Canettis Blendung beginnt das wirkliche Elend übrigens erst, als eine Haushälterin in die Wohnung kommt. Aber das ist eine andere Geschichte.