Aus den Versprechen aber spricht auch die blühende Erfindungskraft der Islamisten. Genauso wie der größte Teil ihrer Tradition Erfindung ist. Denn diese neue, angeblich alte Tradition, die der IS verherrlicht und jetzt lebt, die gab es so niemals, sie hat nicht viel mit dem Islam zu tun. Und doch genug. Und Hitler? Sein Deutschland war auch nicht das Deutschland der Realitäten, es war ein sehr erfundenes Deutschtum, das dennoch viel zu tun hatte mit seinem Volk, zum Beispiel mit der schönen Nazi-Frau, die nun im Fernseher Adolf Hitlers Parolen in ihr Tagebuch schreibt.

Jugendbewegung, Judenhass, Frauenbild, Tradition und Todeskult, alles ähnelt sich auf verrückte Weise. Genauso wie der Welteroberungs- und Untergeh-Wahnsinn. Oder die Art des Allianzenschließens. Zwar haben die Islamisten vermutlich niemals etwas Schriftliches mit Baschar al-Assad gehabt, wie Hitler einst mit Stalin in ihrem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, und dennoch ging die Story dieser Partner ähnlich: zuerst mit Assad Deals abschließen und dann doch gegen Assads Truppen schießen, dann doch sein Land erobern wollen.

Hochmodern, hochprofessionell

Doch die vermutlich größte NS-Parallele sind die Methoden der Islamisten-Propaganda. Den Volksempfänger tauschen sie einfach ein gegen das Internet. Alles ist – bei aller Rückwärtsgewandtheit – hochprofessionell, ist hochmodern, orientiert nach Zielgruppen, und auch an Blutrünstigkeit kaum zu übertreffen, wenn es eine bestimmte Zielgruppe betrifft: die neuen Untertanen des IS, die eingeschüchtert werden sollen mit grauenhaften Bildern. Vielleicht haben die Islamisten von der Gräuelpropaganda des NS gelernt. Und vielleicht nicht nur das. Denn sogar die IS-Idee, den gefangenen britischen Korrespondenten John Cantlie für ihre Filmchen zu benutzen, wirkt abgeschaut von den Ideen des NS. Cantlie musste vor Kameras berichten, wie schön es ist in Syrien, wie schön unter der Führung des IS. Wie schön es war unter den Nazis, mussten vor Kameras auch einmal Juden spielen, beim Dreh zum Film Der Führer schenkt den Juden eine Stadt, der fürs KZ Theresienstadt eine Art Werbung werden sollte.

Vor dem KZ rettet der Dokudrama-SS-Mann jetzt Juden, und ich schalte den Fernseher aus. Die IS-NS-Überblendung aber leuchtet mir immer noch vor Augen. Was sagt schon dieser alte und totgeschriebene Vergleich, der tausendfach nur falsch benutzt wird, in diesem Fall aber tatsächlich passt? Was folgt daraus? Wenn man ein Optimist ist, wahrscheinlich diese Einsicht: Die neuen Islamisten sind, wie es Nationalsozialisten waren, nur die Zukurzgekommenen, sind unoriginelle Selbstbetrüger, die denken, etwas Besonderes zu sein, es aber niemals werden. Und wenn sie wirklich Nazis plagiieren, sind sie sogar noch größere Versager. So oder so werden sie enden wie die Toten und Besiegten.

Und wenn man pessimistisch ist? Reicht es dann, nur sechs deutsche, einsame Tornados nach Syrien zu schicken und ein Boot? Und überhaupt, dieser beinah angeberhaft groß angekündigte Einsatz, besteht er nicht nur aus der harmlosen Aufgabe, Fotos von Syrien zu machen? Ist es vielleicht ein Alibi-Einsatz? Nachdenken geht nicht, denn jetzt klingelt das Telefon. Maja. Aufgeregt fragt sie, ob ich weiß, dass Martin nicht bestanden hat, sie hat es eben im Internet gelesen. Ja. "Hauptsache, er gibt jetzt nicht auf", sagt Maja. Darauf eine Minute Small Talk: Der Taxifahrer war ganz nett. Das Essen etwas teuer. Telefonieren nächste Woche.

Nicht aufgeben, das wollte auch die Halb-Bekannte sagen, die Martin zu dem Carry-on geraten hat, denke ich jetzt und dann daran, dass die Keep-calm-and-carry-on-Parole auch mit dem Nazideutschland etwas zu tun hat. In London wurden die Beruhigungsworte – kurz bevor England gegen Hitler in den Krieg zog – gedruckt auf rote Poster, um Klein- und Großstädte zu plakatieren. Doch dazu kam es nicht, denn Hitler griff dann Polen an, und anstatt der Beruhigungsworte klebte man an die Wände Worte, die beunruhigten, sie sagten: Freedom Is In Peril.

Die ganze Welt muss sich erheben

Ist heute auch nicht Freiheit in Gefahr? Haben denn die Beruhigungsworte heute Sinn? Nicht die, die Martin gelten. Nein, die Beruhigungsworte, die nun Politiker aufsagen im Kampf gegen die Islamisten. Sind sie nicht nur die Unentschlossenheit, ein Hilflos-Sein und Augenschließen? Ja, und auch noch die Gemütlichkeit. Denn wenn man weitermacht wie immer, bleibt alles, wie es ist. Außerdem will in Deutschland niemand mit Kriegsparolen um sich werfen. Weil das angeblich den IS nur stärke. Weil diese Islamisten sich selbst angeblich nur die Kriegserklärung wünschen würden.

Was sich diese Islamisten wünschen, sollte aber egal sein, eigentlich. Wichtiger ist, was wir uns wünschen. Und offensichtlich ist es nur das Weitermachen. Doch das wird nicht genügen. Denn der IS, das sind nicht nur brutale und verrückte Orientalen, die irgendwo weit weg im Nahen Osten auf Menschen schießen, Menschen köpfen, nein, der IS ist jetzt das große Böse auf der Welt, das die Demokratie, das freiheitliche Leben töten will, wie es damals die Nazis wollten. Und weil man Adolf Hitler auch nicht mit Ausgehen, Reisen und Satire hat besiegen können, sollte das keine Antwort sein auf den IS. Die ganze Welt sollte sich endlich gegen ihn erheben, zusammen und entschlossen und mit Soldaten zu Luft, zu Wasser, aber auch zu Boden.

Ist das ein ausgewachsener und echter Kriegstick in meinem Kopf? Ist nur dieses Nazi-Dokudrama schuld an diesem Tick? Wieder wird Nachdenken vom Telefon gestört. Rebecca. Eine SMS. "Komm jetzt." "Nein, ich mache heute nicht mehr weiter. Außerdem kann man mit der Party, dem Weitermachen, auch niemals den IS besiegen", tippe ich ins Telefon hinein. Wie immer antwortet Rebecca mit Emojis: ein Cocktailglas. Ein Weinglas. "Die Party geht noch lange."