Fast so berühmt wie ihr fließender Baustil wurde ihre Schuhsammlung. 500 Paare soll Zaha Hadid besessen haben, mehr als jedes Fachgeschäft für aufregendes Gehwerk. Wie viele sie davon tatsächlich trug, ist nicht überliefert. Als Architektin wagte sie auch Ausflüge in die angrenzenden Bereiche des Designs – sie entwarf Möbel und Geschirr, Weinflaschen, Besteck sowie den Prototyp eines Autos.

Bei Zaha Hadid schienen zu Beginn ihrer Karriere nicht nur die Häuser zu explodieren, fragmentierte, splitternde Gebäude wie die Feuerwache im Vitra-Werk in Weil am Rhein. Bald knallten auch die Vorurteile kräftig aneinander. Abgesehen davon, dass die Architektin wohl kein einfacher Charakter war, war sie vor allem eine Frau – und zwar lange Zeit die einzige unter den weltweit berühmten Architekten. Das provozierte eine Menge Klischees.

In einer Fernsehdokumentation wurde Hadid einmal als "Löwin unter Wölfen" bezeichnet. Diese Verengung des Blicks war ungerecht, denn bei keinem ihrer Kollegen wurden vergleichbare Überlegungen angestellt: Ob ein Architekt etwa ein Sportwagenfetischist sei und statt eines übervollen Schuhschranks eine Autosammlung besitze? Egal. Ob einer sich als Tyrann gerierte und seine Mitarbeiter knechtete? Egal. Ob einer egozentrisch über Leichen gehe, um seine Vorstellungen von Architektur zu verwirklichen? Egal.

Erst nachdem sie 2004 und 2009 die beiden wichtigsten Preise der internationalen Architekturwelt gewonnen hatte, den Pritzker-Preis und den Praemium Imperiale, war sie anerkannt genug, um selbstbewusst über diese Stereotypisierungen hinweg sehen zu können. Nur selten kam sie noch darauf zu sprechen, was sie nach ihren ersten Erfolgen in vielen Interviews gebetsmühlenartig wiederholt hatte: "Die Architektur ist ein sehr männliches Gewerbe. Die meisten Bauherren sind Männer, und die meisten von ihnen haben Schwierigkeiten damit, dass ich eine Frau bin. Man ist herablassend, weil ich so bin, wie ich bin."

Erst messerscharfe Kanten, dann weiche Formen

Groß geworden ist Zaha Hadid als Dekonstruktivistin, mit spitzen Winkeln und messerscharfen Kanten. Im Laufe der Zeit wurde ihre Formensprache immer weicher, dabei war nicht alles Gold, was in diesem Stil in exquisiten Beton gegossen wurde: Das Wissenschaftscenter phaeno war zwar Aufsehen erregend und landete fotogen wie ein Raumschiff auf einem Platz in Wolfsburg, aber drinnen zeigte das Gebäude, in dem sich Kinder und Jugendliche technischen Phänomenen nähern können, auch einige strukturelle Defizite. Hadid verfeinerte jedoch gemeinsam mit ihrem deutschen Büropartner Patrik Schumacher ihr Formenrepertoire immer weiter: Das Museum für moderne Kunst MAXXI in Rom und das BMW-Werk in Leipzig sind Häuser, die mit ihren eleganten Schwüngen und überraschenden Raumerfahrungen vollendet erscheinen. Für das Zentralgebäude des Automobilherstellers erhielt sie 2005 den Deutschen Architekturpreis.

In letzter Zeit war es etwas ruhiger geworden um die Baukünstlerin – zum einen, weil durch Wirtschaftskrisen, aber auch allmähliche Gewöhnungseffekte die Phase der ikonischen Bauten à la Hadid oder Frank Gehry sowieso abnahm, zum anderen weil jüngere Kollegen wie der ghanaisch-stämmige Architekt David Adjaye oder der aktuelle Pritzker-Preisräger aus Chile, der 49-jährige Alejandro Aravena, mit einer deutlich sozialeren Ausrichtung näher am Zeitgeist bauten.

Von Deutschland aus zum Weltstar

Zaha Hadid hat dennoch ihre Branche geprägt, als exzentrische Skulpteurin von Beton, die in Deutschland ihre große Karriere begann und mit den hiesigen Bauten zum Weltstar aufstieg. In den vergangenen Jahren baute sie vor allem außerhalb Europas, viel in Asien und den USA, so das Rosenthal Center for Contemporary Art in Cincinnati, das Opera House in Guangzhou und den Innovation Tower in Hongkong. Dazu kamen einige Sportanlagen wie die wunderbare Bergisel-Schanze bei Innsbruck, an der jeder mit dem Auto vorbeifährt, der über den Brennerpass nach Italien unterwegs ist, oder das Schwimmstadion für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London.

Zaha Hadid wurde 1950 in Bagdad geboren, sie starb in Miami, Florida, nach einer Bronchitis an Herzversagen, im Alter von nur 65 Jahren. Ihre Gebäude werden bleiben, und auch die Schuhe, die sie 2008 für die brasilianische Marke Melissa Plastic Dreams als Designerin entwarf, sommerliche Damensandalen aus natürlichem Kautschuk, die, ihren Gebäuden nicht unähnlich, mit fließenden Bewegungen wie schwebend den Fuß umspannen.