Der gespitzte Stift ist ein Ausrufezeichen. Ein lockendes, energisches, impertinentes Alizarinkarmesin. "Nimm mich! Lass die anderen! Mach mich zur Tulpe!" Fuchsia und Magenta haben das Nachsehen, Karmesin wird also die Tulpe. Solche Dramen spielen sich minütlich ab. Die Bühne ist ein Blatt Papier, 120 Buntstifte sind das Ensemble, und von oben führt jemand mit ruhiger Hand Regie.

Auf dem Programm steht nicht etwa ein Zeichenkurs für Stillleben, sondern eine Übungsstunde in Entspannung, zu Haus, am Schreibtisch, mit einem Malbuch für Erwachsene. Filigrane Blütenmeere, wilde Gewächse, alle nur denkbaren Biotope breiten sich aus und warten auf ihre Gestaltwerdung in Farbe. Henri Rousseau, der große Autodidakt und Urwaldmaler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hätte seine Freude.

Mein Zauberwald, Mein verzauberter Garten, Mein phantastischer Ozean heißen die erfolgreichsten Malbücher dieser Art. In den vergangenen zwei Jahren hat die schottische Illustratorin Johanna Basford weltweit mehr als 15 Millionen Exemplare von ihnen verkauft. Im August erscheint ihr vierter Band. Die angeschlossene Hobbybewegung nennt sich Adult Coloring und beherrscht soziale Medien und Bestsellerlisten: Unter den 100 meistverkauften deutschen Büchern bei Amazon finden sich zehn Malbücher für Erwachsene. In der fremdsprachigen Abteilung stehen allein vier in den Top Ten. Und Mein phantastischer Ozean ist die Nummer eins in der Kategorie "Besinnliche Geschenkbücher". Womit wir dem Phänomen näher kommen.

Nur das Papier, der Stift und das Muster

Es wurde schon viel geschrieben über die wundersame Rückbesinnung Volljähriger auf eine Kulturtechnik aus Kindertagen, auf vordigitale Zeiten. Warum greifen Mütter und Manager nach getaner Arbeit zum Stift und malen Muster aus? Die meisten berichten von einer stresslösenden Wirkung: Die Konzentration auf die Motive und Farben lasse sie alles andere vergessen, Puls und Atmung verlangsamten sich – eine beglückende, unkomplizierte Entspannungsmethode. Nur das Papier, der Stift und das Muster. Die Gedanken kreisen um die Entscheidung, welche Farbe welches Feld füllen soll. Dazu das leise Kratzen der Mine auf dem Untergrund und das Schälen des Anspitzers, allein diese Geräusche bereiten vielen Anhängern warme Schauer.

Ausmalen erfordert keine Vorkenntnisse, kein Talent, man muss weder besonders elastisch sein wie beim Yoga noch diszipliniert wie beim autogenen Training. Jeder, der einen Stift halten und die vorgezeichneten Linien erkennen kann, wird erfolgreich sein. Das ist ja mittlerweile auch in der Freizeit oberstes Gebot.

Die Bewegung kam 2013 aus Frankreich. Innerhalb eines Jahres verkauften sich dort 3,5 Millionen Erwachsenenmalbücher mit hübschen Ornamenten. Ausgerechnet in Frankreich, dem Land der Künstler und des verfeinerten Lebens? Gleich wurde ein Zusammenhang zwischen dem dort besonders hohen Verbrauch an Antidepressiva und der farbstiftenden Selbstberuhigung konstruiert. Psychologen hingegen betonen immer wieder, man dürfe Malbücher nicht mit einer Therapieform verwechseln. Sie könnten zwar einen therapeutischen Nutzen haben, aber mit Kunsttherapie beispielsweise hätten sie nichts zu tun.

Dekoratives Sudoku

In einem Beitrag für Psychology Today schreibt die Kunsttherapeutin Cathy Malchiodi: "Die positiven Effekte einer künstlerischen Betätigung – also mit den Händen etwas nach der eigenen Vorstellungskraft zu erschaffen – sind vielfältig und gut erforscht." Es bereite vielen zweifellos ein Wohlgefühl, eine Malbuchseite auszufüllen, aber der eigene kreative Ausdruck sei doch eine ganz andere Erfahrung. Im Guardian fügt Donna Betts, die Vorsitzende des amerikanischen Kunsttherapeutenverbands, hinzu, es sei wie der Unterschied zwischen Musikhören und Musikmachen. Solange die medizinische Wirkung noch unerforscht ist, stellen wir Adult Coloring also lieber in eine Reihe mit seit 40 Jahren als Stresslöser bekannten Techniken wie Stricken oder Gärtnern. Oder nennen es dekoratives Sudoku.

Was früher einmal kritzeln hieß, hat jetzt auch einen neuen Namen: Zendoodle. Das bedeutet so viel wie die ästhetische Optimierung der allseits beliebten Telefonkrickeleien mit entspannendem Nebeneffekt. Man beachte: Zen! Im Gegensatz zum Malbuch sind hier keine Linien vorgegeben. Dem geneigten Doodler erklärt das amerikanische Unternehmen Zentangle gern, wie er mit schwarzem Fineliner hübsche Muster entwickelt. Das helfe gegen Panikattacken, Schlaflosigkeit, stärke das Selbstbewusstsein und die Kreativität. Im besten Fall kommt am Ende etwas heraus, das aussieht wie die unkolorierte Seite eines Malbuchs.