Wer die Geschichte nicht aufarbeitet, der ist gezwungen, sie zu wiederholen. Das dunkle Kapitel der antisemitischen und rechtsradikalen Gewalt an der Universität Wien unter den Nazis hatte eine lange, gern im Nebel der Vergangenheit belassene Vorgeschichte. Lange vor dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurden bereits jüdische und linke Studierende und Professoren von schlagenden Burschenschaftlern ausgegrenzt und attackiert. Es gab Verletzte und einen Toten. Die Polizei durfte das Areal nicht betreten, weil der Rektor dies nicht für nötig hielt, was immer wieder zu tageweisen Sperren führte, um die Lage zu beruhigen. Die Polizei sah bei Ausschreitungen passiv zu, was die Opfer als besonders quälend empfanden. Diese Geschichte muss man sich vor Augen halten, wenn man sich mit dem Angriff der Identitären, einer in Österreich als rechtsextrem eingestuften Bewegung, auf eine Jelinek-Aufführung im Audimax der Wiener Universität auseinandersetzt. Sie stürmten auf die Bühne, unterbrachen die Vorstellung und spritzten mit Kunstblut um sich. Es gab ein Handgemenge und nach Angaben des Publikums auch Verletzte. Der Angriff ist gleich aus mehreren Gründen besonders verurteilenswert.

Julya Rabinowich wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Sie ist Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin. Ihr Jugendbuchdebut "Dazwischen:Ich" erschien 2016 im Hanser Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Margit Marnul

Elfriede Jelineks Schutzbefohlene wurden in Tina Leischs und Bernhard Dechants nestroypreisgekrönter Inszenierung überwiegend mit Geflüchteten besetzt, darunter auch Kinder. Auch im Publikum saßen viele Schicksalsgenossen. Der Angriff erfolgte im verdunkelten Saal, die Bühne nur von einem Lichtkegel erleuchtet. Kriegsüberlebende, Kinder im Dunkeln anzugreifen – dazu gehört schon eine besondere Portion Perfidie und Feigheit. Was für eine Wirkung ein solcher Tumult, das Handgemenge und das Verspritzen von Kunstblut auf Kriegsüberlebende haben, sollte man sich leicht ausmalen können. Bei manchen Traumatisierten reichen schon Geräusche und Gerüche aus, um Flashbacks auszulösen. Die Angreifer warfen Flugblätter ins Publikum: "Multikulti tötet!" Der Flugblatttext stellte eine Verknüpfung zwischen Geflüchteten, den Helfenden und dem Massaker im Pariser Bataclan her. Nach dem Überfall drohten die Identitären, dass "Multikultis" in Österreich "kein sicheres Hinterland mehr" finden würden.

Wären die Identitären zu logischem Denken und sinnerfassendem Lesen fähig, wüssten sie, dass es in Paris auch viele migrantische Opfer gegeben hatte. Migrantische Helden, die andere retteten. Vor allem fiele ihnen die ungeheuerliche Unsinnigkeit ihrer Verallgemeinerung auf, denn mit derselben Logik könnte man auch jeden einzelnen Identitären nicht nur für sämtliche sexuellen Übergriffe der Eingeborenen, sondern auch für die Waffenexporte Österreichs verantwortlich machen, die den großen Brand mit befeuern, der Auslöser dafür ist, dass sich immer neue Exoduswellen in Bewegung setzen, um in verschlammten Massenlagern und am Grund des Mittelmeeres zu enden. Manche hier wollen diese Wellen still und leise irgendwo auslaufen sehen. Wo? Das ist egal. Hauptsache nicht hier. Hauptsache leise. Hauptsache mit möglichst wenig "hässlichen Bildern", die Österreichs Außenminister Sebastian Kurz als etwas Unausweichliches angekündigt hatte. Gottgegebenes Schicksal, gegen das Normalsterbliche eben nichts ausrichten können.

Jelinek war noch nie um hässliche Bilder und harte Worte verlegen und ist Aggressionen von rechts gewöhnt. Für die Schauspielenden aber war diese Aufführung eine Möglichkeit, sich neu zu definieren. Nicht als passive Hilfesuchende. Nicht als Opfer. Als Menschen, die anderen etwas zu erzählen und zu zeigen, die anderen etwas zu geben haben. Als Mitglieder der Gesellschaft, und nicht als Zaungäste, gezwungen, aus der Distanz und vom Rand aus zuzusehen. Bemerkenswert ist auch, dass die Aufführung nach der Unterbrechung und trotz des Schocks fortgesetzt wurde. Die Akteure wollten sich nicht erneut zu ohnmächtigen Opfern degradieren lassen. Das, was gern von Geflüchteten verlangt wird – das Erlernen der Sprache und die Teilhabe an gesellschaftlichem Zusammenleben –, wurde von den Identitären mit Gewalt sabotiert. Dabei sind die Anpassung an das neue Land und vor allem der Spracherwerb immer wieder vorgetragene Forderungen vieler rechtsorientierter Gruppierungen.

Die Identitären beriefen sich auf "linken Aktionismus", den sie kopiert haben wollen. Linker Aktionismus hätte sich allerdings nicht gegen die Schwächsten der Gesellschaft gerichtet. Immerhin hätten die Angreifer auch das Parlament für ihren Protest auswählen können. Es wäre allerdings mit Gegenwehr und mit Exekutive vor Ort zu rechnen gewesen. Viele Angreifer konnten aus dem Audimax unerkannt entkommen. Glücklicherweise gibt es reichlich Video- und Fotomaterial, das den Angriff auf die Schutzbefohlenen festhält.

Ermittelt wird nun wegen Körperverletzung. Die Anzeige wegen Störung einer Versammlung wurde bereits fallen gelassen. Auch Hausfriedensbruch wurde verworfen: Mit einer Gewaltabsicht sei die Aktion nicht verbunden gewesen, sagte der Polizeisprecher. Man fragt sich, ob das auch bei der Stürmung einer Opernvorstellung durch linke Demonstranten so gewesen wäre, man ist gespannt darauf, wie sich Polizei und Justiz weiter verhalten werden.  

In Österreich herrscht gerade Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten. Nur drei Kandidaten haben sich deutlich und verurteilend zu den Vorgängen im Audimax zu Wien geäußert: Alexander Van der Bellen, ehemaliger Bundessprecher der Grünen, Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und Andreas Khol (ÖVP). Heinz-Christian Strache, Parteichef der FPÖ, teilte via Facebook ein Werbevideo der Aktivisten über die Aktion ("Komm in die Identitäre Bewegung") und lobte ihren "friedlichen Aktionismus". FPÖ-Kandidat Norbert Hofer distanzierte sich hingegen – ein österreichischer Eiertanz am Seil. Die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss, ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes, schwieg bis jetzt zu der Causa. "Schon wieder das Nazi-Thema", sagte sie in einem Interview, auf die NS-Zeit angesprochen. Das Nazi-Thema sei überhaupt derzeit "sehr beliebt". Man würde sich in Anbetracht der Ereignisse von einer angehenden Bundespräsidentin doch etwas weniger Zynismus in einer so heiklen Angelegenheit wünschen. Man könnte jetzt auch ein Zeichen setzen. Mit einem Blick in die Vergangenheit. Aus der Vergangenheit. Für die Zukunft. Man könnte.