Vor Kurzem gab der Presserat einer Beschwerde gegen die Süddeutsche Zeitung recht, und bestätigte, dass "die journalistische Forderung der Tatsachengenauigkeit" in der Zeitung verletzt worden sei. Thorsten Schmitz, Vorgänger von Münch in Israel, hatte 2014 in einem Kommentar geschrieben, es gebe "Zehntausende Israelis, die vor der Politik des israelischen Premierministers nach Deutschland geflohen sind". Beweise für die Zahlenangaben gab es keine. Nach dem nun erfolgten "Hinweis", dem sanftesten Sanktionsmittel des Presserats, steht hinter dem beanstandeten Satz in Klammern: "Anmerkung der Redaktion: Bei der Zahl handelt es sich um eine umstrittene Schätzung." Die Reaktion ist korrekt, zu mehr war die SZ nicht verpflichtet. Problembewusst ist sie nicht.

Die Debatte um verbalen Antisemitismus wird oft heuchlerisch geführt. Es kann einem Autor mit Kenntnis der deutschen Vergangenheit nicht entgangen sein, dass das Lexem "fliehen" vor dem Hintergrund der Schoah eine lebensbedrohende Gefahr impliziert, und er dem Leser, der von israelischer Innenpolitik in der Regel keine Ahnung hat, vermittelt, dass es jetzt Netanjahu ist, der das jüdische Volk aus dem "Gelobten Land" in das "Land der Täter" treibt. Israelis in Berlin, einige mit deutschem Pass, suchen nach neuen beruflichen und kulturellen Möglichkeiten, sie sind keine Flüchtlinge. Noch dazu hatte die SZ die Chuzpe, sich damit herauszureden, der Kommentar sei "wohlwollend" gemeint gewesen, denn "die Politik Netanjahus impliziere auch, dass er keine Friedensgespräche mit den Palästinensern mehr führe, darin liege eine Hoffnungslosigkeit". So zitiert der Presserat die Redaktion in seinem Entscheidungspapier zur Beschwerde. Die Geisteshaltung der SZ muss in einer tief verankerten Selbstüberheblichkeit begründet liegen. In letzter Konsequenz meint sie es ja gut mit den armen Juden, die wir zu Tausenden in Deutschland aufnehmen, weil sie hoffnungslos aus einem Land fliehen müssen, in dem nur einer, nämlich Netanjahu, dafür verantwortlich ist, dass Friedensgespräche unmöglich geworden sind.

Ein Viertel der Bevölkerung hegt antisemitische Vorurteile

Israel darf und kann kritisiert werden. Mit konstruktiver Kritik an der Politik der israelischen Regierung hat es aber nichts zu tun, wenn ein Journalist wiederholt in Kauf nimmt, dass deutsche Juden die Prügel einstecken müssen für alles, was in Israel passiert oder nicht passiert. "Jeden Tag lese und höre ich in den Medien über ihre widerwärtigen und mörderischen Kriegsverbrechen. Aber man darf ja bei uns kein kritisches Wort gegen Israel sagen! … Schande über alle Juden!" Diese E-Mail erhielt die Israelische Botschaft in Berlin im Juli 2014 nach einem Fernsehauftritt von Jürgen Todenhöfer bei Anne Will, in dem er Israel unter anderem als europäische Kolonie auf arabischem Boden bezeichnete. Es ist nur eine Zuschrift von vielen, die Schwarz-Friesel und der Historiker Jehuda Reinharz für ihre im Herbst unter dem Titel Into the antisemitic mind in den USA erscheinenden Studie analysierten; es ist nur ein Beispiel dafür, wie Fehlinformation und Halbwahrheiten bei Medienkonsumenten Ressentiments gegen Juden schüren. Zwischen 20 und 25 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen hegen antisemitische Vorurteile.

Auch gebildete Antisemiten melden sich immer öfter zu Wort, und Juden nehmen die Gefahr ernst. Mit Befindlichkeiten hat das nichts zu tun. Über die Probleme der Juden wisse der normale, uninteressierte Fernsehzuschauer und Zeitungsleser nichts, schreibt die Autorin Sibylle Berg in einer Spiegel-Online-Kolumne. "Außer dass sie natürlich für die politische Situation in Israel verantwortlich sind."

Wir brauchen eine Berichterstattung über diese Region, die weiß, wovon sie spricht, die über die elementaren Fakten des israelisch-palästinensischen Konflikts unterrichtet ist, sich den komplexen Fragen stellt und keine irrigen Vorstellungen transportiert. Autoren, die den Spagat wagen. "Die einen kommen mit einer vorgefassten Meinung in ein Krisengebiet und schreiben nur das, was ihre Meinung bestätigt. Dann gibt es jene, die sich irgendwann auf eine der beiden Seiten stellen und nur noch demgemäß berichten. Die dritte Gruppe versucht den Spagat, beide Seiten zu verstehen", sagte Richard C. Schneider, langjähriger Studiochef der ARD in Tel Aviv, in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen.

Das Thematisieren antisemitischer Israelkritik bleibt heikel, auch weil es schnell als Medienschelte abgehandelt wird. Auf den Kulturseiten der SZ wählt Gustav Seibt in seiner Besprechung des Nahost-Buchs In der freien Welt von Norbert Gstrein vielsagende Worte, die er als Einreden auf zweiter Ebene bezeichnet: "Wer Israel zu leidenschaftlich kritisiert, gerät in den Verdacht des Antisemitismus." Ja, genau so ist es. Und das hat Gründe.