ZEIT ONLINE: Herr Staeck, in Deutschland wird wegen des Falls Böhmermann gerade heftig diskutiert, was Kunst darf und was nicht. Was sagen Sie als politischer Künstler und Satiriker: Wie ist es derzeit um die Kunstfreiheit in Deutschland bestellt?

Klaus Staeck: Um die Kunstfreiheit in Deutschland ist es gut bestellt. Wegen meiner politischen Plakate sind 41 Mal Verfahren gegen mich eröffnet worden. Und ich habe immer Recht bekommen. Ich habe volles Vertrauen in die deutschen Gerichte. Es werden aber auch zwei Begriffe durcheinandergebracht in der aktuellen Debatte: Geschmack und Satire sind zwei getrennte Bereiche. Über Geschmacksfragen lässt sich nicht streiten. Über Satire schon. Da sind die Grenzen in Gesetzen festgelegt. Satire ist kein Freibrief für Beleidigungen aller Art. So strotzt das Netz nur so von bösartigen Beleidigungen. Man kann hinterher nicht einfach sagen: Hör mal, das war Satire. Ich beneide die Richter nicht, die zu einer Entscheidung kommen müssen, sollte es im Fall Böhmermann zum Prozess kommen.

ZEIT ONLINE: Böhmermann hat sein Gedicht ja eingebettet in einen satirischen Rahmen.

Staeck: Das ist ein interessanter Trick. Jedenfalls bin ich überrascht, wie viele begeisterte Verteidiger der Satire es auf einmal gibt. Da werden ganze Seiten in den Zeitungen gefüllt mit Titeln wie Der letzte Held und Mr. Germany. Das freut mich grundsätzlich. Obwohl ich nicht weiß, ob Böhmermanns Gedicht der richtige Anlass für diese Debatte ist. Nicht jeder Tabubruch ist gleich Satire. Maßstäbe muss man sich bewahren. So möchte ich auch nicht in einer tabulosen Gesellschaft leben.

ZEIT ONLINE: Wo liegen für Sie also die Grenzen der Satire?

Staeck: Die Grenzen sind die bestehenden Gesetze. An oberster Stelle steht die Verteidigung der Menschenwürde. Es gibt für mich keine Satire ohne Verantwortung. Satire ist die Verteidigung der unverschuldet Schwachen gegen den Übermut der Starken. Wer sind in diesem Fall die Schwachen? Bei der extra 3-Satire war das anders, die hat von den Menschenrechtsverletzungen und der Verletzung der Pressefreiheit gesprochen. Für mich muss Satire immer einen Erkenntniswert haben. Etwas offenlegen, etwas deutlich machen.

ZEIT ONLINE: Man könnte ja sagen, der Erkenntniswert in diesem Fall ist, dass Böhmermanns Schmähkritik diplomatische Verwicklungen hervorgerufen hat.    

Staeck: Na schön. Ich verstehe nicht, was Erdoğan mit seinem Handeln bezwecken will. Ebenso wenig verstehe ich das Handeln der Kanzlerin. Sie kann sagen: Wir mischen uns da nicht ein und fertig. Da legt die Satire tatsächlich etwas offen. Dass wir uns im vorauseilenden Gehorsam für alles gleich entschuldigen.

ZEIT ONLINE: Sie sind selbst Jurist. Wie schätzen Sie den Fall rechtlich ein?

Staeck: Der Fall ist so kompliziert, weil es in Paragraf 103 StGB ein Sonderschutzrecht für ausländische Staatsoberhäupter gibt. Ich hoffe, dass es nicht zu einer Anklage kommt. Dass die, die sich beleidigt fühlen, davon Abstand nehmen. Ich würde Frau Merkel dringend raten, Erdoğans Antrag abzulehnen und keine Ermächtigung zu erteilen, damit es gar nicht zu einem Verfahren kommt. Bloß keine juristischen Fakten schaffen. Das wünsche ich auch Jan Böhmermann. Erdoğan, der in der Türkei die Meinungsfreiheit mit Füßen tritt, hat schon gar kein Recht, sich in unser freiheitliches Rechtssystem einzuklagen.

ZEIT ONLINE: Ist die Causa Böhmermann nicht eine rein politische Frage geworden?

Staeck: Ja. Und es ist dann doch wieder gut, dass es so weit gekommen ist. Aber den Weg dahin muss man schon hinterfragen. Wenn allerdings darüber eine neue Debatte über den Flüchtlingsdeal zwischen der EU, Merkel und Erdoğan entsteht – dann hat es sich gelohnt. Ob das Jan Böhmermanns Absicht gewesen ist, weiß ich nicht.

ZEIT ONLINE: Sie unterstellen ihm Effekthascherei?

Staeck: Ich bin ein alter Protestant, mir ist das alles einen Hauch zu kasperig. Aber wir leben nun einmal in einer freien Medienrepublik, in der sich die Erregungsspirale immer weiter dreht. Und offenbar gedreht werden muss, wenn man wahrgenommen werden will. Böhmermann musste nach der extra 3-Sendung noch eine Schippe nachlegen. Und wenn eine nicht reicht, dann eben zwei oder drei. So funktioniert unser Mediensystem. Aber ich halte nichts von Attacken unter der Gürtellinie. Das ist der Fall, wenn von "Ziegenfickern" die Rede ist.   

ZEIT ONLINE: Auch die heute show im ZDF hat sich letztens dieses Vokabulars bedient – da heißt es über die Iren "Nur vom Sex mit Schafen kann man nicht leben". Verschieben sich gerade die Grenzen der Satire?

Staeck: Ja, die Grenzen verschieben sich. Da hilft es auch nicht, ständig unseren Freund Tucholsky zu zitieren: "Satire darf alles." Ich wehre mich dagegen, dass der Begriff Satire inflationär gebraucht wird. Müssen wir über Begriffe wie "Ziegenficker" reden, um über Meinungsfreiheit zu sprechen? Da stimmt doch etwas nicht. Wir ereifern uns über ein Gedicht und gleichzeitig passieren ungeheuerliche Dinge in Europa. In Idomeni werden gerade Flüchtlinge mit Gummigeschossen und Tränengas zurückgetrieben. Das ist doch verrückt.