ZEIT ONLINE: Herr Etter, zusammen mit den Fotografen der New York Times (Tyler Hicks, Mauricio Lima und Sergey Ponomarev) sind sie am Montag in der Kategorie Breaking News Photography mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden! Wir können Ihnen jetzt leider nur telefonisch gratulieren. Wie geht es Ihnen?

Daniel Etter: Ich bin erschöpft, ich habe letzte Nacht nicht geschlafen. Was gestern passiert ist, habe ich noch nicht so richtig realisiert. Es ist eine Mischung aus Erschöpfung und Begeisterung.

ZEIT ONLINE: Wie lange haben Sie an der Geschichte gearbeitet, für die Sie jetzt ausgezeichnet wurden?

Etter: Mein Beitrag zum Pulitzerpreis der New York Times ist ein Bild, das ich im August 2015 fotografiert habe. Insgesamt war ich nur drei Tage unterwegs. Das war ein klassischer Tageszeitungsauftrag, bei dem es schnell gehen musste. Aber der Moment, den ich dort einfangen konnte, war der emotionalste meiner Karriere und es war mir bewusst, dass das auch ein Foto ist, das andere Menschen berührt. Weil ich auf eine Deadline hinarbeiten musste, konnte ich nicht viel Zeit mit der Familie verbringen und habe sie nach dem Foto aus den Augen verloren. Ich habe die Familie erst einige Wochen später wiedergefunden. Ein Kollege ist zufällig auf sie gestoßen.

ZEIT ONLINE: Welche Gedanken gehen Ihnen heute durch den Kopf, wenn Sie dieses Foto betrachten?

Etter: Ich muss meine Gedanken gerade noch sortieren. Die Eindrücke von gestern überwiegen gerade. Ich musste im Newsroom der New York Times eine Rede halten, was eine unglaubliche Ehre ist. Das Bild – das war einer der emotionalsten Momente, die ich in meiner Karriere erleben durfte. Und das ist bis heute so. Die Familie liegt mir sehr am Herzen. Ich versuche sie seit gestern zu erreichen. Leider habe ich es bis jetzt noch nicht geschafft, mit ihr zu sprechen. Scheinbar ist das Telefon ausgeschaltet. Es ist noch unklar, was die Familie jetzt erwartet, ob ihr Asylantrag in Deutschland durchkommen wird oder nicht.

Daniel Etter arbeitet freiberuflich für verschiedenste internationale Medien, unter anderem auch für ZEIT ONLINE. Seine Ausbildung hat der 34-jährige Fotograf an der Deutschen Journalistenschule in München absolviert. Er ist oft in Krisengebieten unterwegs und porträtiert dort auch Menschen, die auf der Flucht sind. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet. © privat

ZEIT ONLINE: Auffällig an Ihren Fotos ist die unglaubliche Nähe, die Sie zu den Menschen haben. Wie gelingt es Ihnen, die aufzubauen und im Bild auch festzuhalten?

Etter: Ich muss den richtigen Moment festhalten, und oft bleibt keine Zeit, vorher eine Beziehung aufzubauen. Das kann man in so einem Moment einfach nicht. Aber es ist nicht so, dass ich mich danach umdrehe, weggehe und meine Bilder abschicke. Ich erkläre, wer ich bin, was ich mache und versuche, mehr über die Menschen zu erfahren, die ich fotografiert habe.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2014 haben Sie für ZEIT ONLINE eine beeindruckende Reportage über Flüchtlinge in Libyen vor ihrer Überfahrt nach Europa produziert. Inwieweit ist die Situation der Flüchtlinge damals in Libyen mit der Situation der Flüchtlinge heute in Griechenland vergleichbar?

Etter: Die Zustände, die ich in Libyen sehen konnte, kann man kaum beschreiben. Es ist verstörend, wie menschenunwürdig Flüchtlinge dort behandelt werden, wie sie in Käfigen gehalten, gefoltert, erpresst werden, und welche Risiken sie auf sich nehmen, um von dort in völlig überfüllten Booten Richtung Italien aufzubrechen. Im Vergleich ist die Route von der Türkei nach Griechenland viel sicherer. Die Flüchtlinge müssen nicht befürchten, dass sie auf der türkischen Seite im Gefängnis landen, sie müssen nicht befürchten, dass sie tagelang im Mittelmeer treiben, ohne Aussicht auf Rettung.

ZEIT ONLINE: Sie haben geschildert, wie Sie Menschen begegnet sind, die gefoltert wurden. Als Fotojournalist dokumentieren Sie Ausnahmezustände, Konflikte und Schicksale. Wie verarbeiten Sie all das?

Etter: Ich versuche, meine Arbeit gut zu machen und danach eine Distanz zur Arbeit zu schaffen. Ich nehme dann einfach zeitlich Abstand. Ich habe jetzt einen kleinen Bauernhof im Norden Spaniens, um den ich mich kümmere. Das ist gut, um auf andere Gedanken zu kommen und die Sachen, die ich gesehen habe, nicht zu nahe an mich herankommen zu lassen. Ich will meine Arbeit gut machen, und dafür ist die psychische Gesundheit wichtig.

ZEIT ONLINE: Sie kommen den Menschen in all ihrer Not mit der Kamera oft sehr nahe. Wo liegt da die Grenze zum Voyeurismus?

Etter: Sicherlich habe ich als Journalist auch meine Grenzen. In Momenten, die ich als zu intim erachte, lasse ich die Kamera bewusst ruhen. Andererseits: Wenn ich Bilder machen will, die andere Menschen berühren, dann muss ich als Fotograf intime Momente suchen und in diesen Momenten Hemmungen überwinden und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Meine Rechtfertigung dafür ist, dass das eben solche Bilder sind, die andere Menschen erreichen und sie dazu bringen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie suchen nach diesen intimen Momenten. Welche Rolle spielt dabei Geduld?

Etter: Geduld und Ausdauer sind die größten Tugenden, die ein Fotograf braucht. Im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, das erfordert warten, warten, warten.

ZEIT ONLINE: Was machen Sie als Nächstes?

Etter: Ich fliege zurück nach Hause, nach Spanien. Ich werde sicherlich weiter am Flüchtlingsthema arbeiten. Das wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen.

ZEIT ONLINE: Wie verändert dieser Preis Ihren Alltag?

Etter: Wenn ich das wüsste! Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich glaube, dass relativ schnell wieder Normalität in meinen Alltag einkehren wird. Über den Preis wird jetzt ein paar Tage lang gesprochen und dann wird sich das wieder beruhigen.