Deutschland debattiert schon den zweiten Frühling über das Phänomen, Mutterschaft zu bereuen: regretting motherhood. Die einen beschimpfen die bereuenden Mütter als narzisstische, hysterische Heulsusen. Die anderen erinnern uns in leicht herabsetzendem Tonfall, dass Mutterschaft ausschließlich Glück und Freude bringe, und berichten über all die gut ausgebildeten Frauen, die zum Wohl ihrer Kinder und Familie auf ihre Arbeit und Karriere verzichtet hätten. Zwei Perspektiven, die nur zwei Seiten derselben Medaille sind, nämlich des überidealisierten Mutterbildes. Denn während Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz sich an dem Phänomen der bereuenden Mütter reibt, findet das Thema in Frankreich keinerlei Echo: kein einziger Kommentar, kein Hashtag, kein Satz dazu im Fernsehen. Warum? Nicht weil Mutterschaft und Elternschaft eine viel entspanntere Angelegenheit wären. Nicht weil die französischen Kinder – wie manche populären Sachbücher behaupten – sich viel besser benehmen und schlafen könnten. Nicht weil die französischen Väter sich besonders viel mehr engagieren und gleichberechtigt den Haushalt mit ihren Partnerinnen teilen würden. Und schon gar nicht, weil die Unternehmen besonders familienfreundlich wären.

Cécile Calla, 1977 geboren, war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde" und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Als Herausgeberin entwickelt sie "Medusa", eine neue Zeitschrift für Frauen, die sich mit Politik, Gesellschaft, Kultur und Feminismus auseinandersetzt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Nein, die Erwartungen und Anforderungen der Gesellschaft gegenüber den Müttern sind schlicht nicht so hoch, was wiederum weniger Schuldgefühl und schlechtes Gewissen bei all den verschiedenen Entscheidungen erzeugt, die man als Mutter oder werdende Mutter treffen muss. Es fängt mit der Geburt an, die sehr pragmatisch angegangen wird: Die weitaus meisten Französinnen gebären unter Periduralanästhesie, um möglichst wenig von den Wehensschmerzen zu spüren – 77% eine der höchsten Raten weltweit. Manche meiner Freundinnen lasen Zeitung während der Geburtswehen.

Weiter geht es mit einer Vorliebe für künstliche Milch: Französinnen geben ihren Babys viel öfter die Flasche. Viel früher als deutsche Mütter versuchen sie, ihnen einen festen Schlafrhythmus beizubringen. Und sie lassen sie auch viel früher, oft schon mit vier Monaten, von anderen betreuen. Als Rabenmutter fühlen sie sich dabei nicht, denn erstens existiert das Wort in der französischen Sprache nicht, und zweitens wird das Thema "Fremdbetreuung" nie oder nur sehr selten thematisiert. Auch die Bindungsforschung hat sich in Frankreich nie wirklich entwickeln können. Manche Mütter sind sehr stolz, wenn sie überhaupt um 18 Uhr ihre Arbeitsstelle verlassen können. Und viele Eltern denken sogar, dass die frühe Betreuung ihrer Kinder soziale Kompetenzen fördert.

Die Kinder hemmungslos anschreien

Auch die Erziehung und das Schulsystem sind autoritärer als in Deutschland. Alle Versuche, ein Verbot von Schlägen, der "fessée", per Gesetz zu verabschieden, scheiterten mit folgender Begründung: Der Staat solle sich nicht in die Kindererziehung einmischen und ein Klaps habe "ja niemandem geschadet…". Die meisten französischen Eltern sehen darin eine Autoritätsgeste. In Berlin erkenne ich auf der Straße oft französische Eltern an der Lautstärke, in der sie ihre Kinder hemmungslos anschreien.

Niemand würde die Stirn runzeln, wenn eine Mutter bei einem Abendessen mit vielen Freunden ihrem Ärger über ihre Kinder Luft macht und sich sehnsüchtig eine Auszeit wünscht. Auch wenn die Geschichte radikalere Züge annimmt: So erzählte der Film Lulu femme nue (2013) mit der populären Karin Viard von der Frustration einer Mutter und ihrer Selbstfindung durch die Flucht aus ihrem bisherigen Leben mit der Familie. 2011 hatte die Schauspielerin Anémone öffentlich gestanden, ihre Mutterschaft zu bereuen. Und auch die Schriftstellerin Éliette Abécassis hat in ihrem Roman Ein freudiges Ereignis (2005) klare Worte über die Strapazen von Schwangerschaft und Mutterschaft gefunden. In Deutschland werden solche Geständnisse höchstens der besten Freundin anvertraut.

Diese Einstellung hängt natürlich mit der französischen Familienpolitik zusammen, die seit ein paar Jahrzehnten dafür gesorgt hat, dass die Mütter so schnell wie möglich auf den Arbeitsmarkt zurückkehren. Sie hängt aber auch mit einer Unternehmenskultur zusammen, die mehr Präsenz als Effizienz fordert, sowie mit einem bestimmten Frauenbild, das den Akzent eher auf Weiblichkeit beziehungsweise die verführerische Frau als auf die Mutter legt. Erotik und gutes Aussehen sind viel stärker Thema des öffentlichen Diskurses und seiner Bilder. Es gilt als gesund und erstrebenswert, dass eine Mutter schnell wieder in ihre Karriere und in ihr Sexappeal investiert – anstatt zu viel Zeit mit ihrem Baby zu verbringen. In der Zeit, in der deutsche Mütter sich für Pekipkurse anmelden, gehen viele Französinnen bereits arbeiten und beginnen, ihren Körper wieder zu optimieren.