Wir setzen voraus, dass wir alle dasselbe denken, wenn wir die Bilder des kenternden Flüchtlingsboots sehen: Wir werden von der Not dieser Menschen im Innersten berührt und sind entsetzt über die Umstände, die sie in diese Lebensgefahr gebracht haben.

Aber trifft diese stillschweigende Solidaritätsannahme überhaupt zu? Und vor allem: Wer will sie sich hier zunutze machen? Sind wir uns tatsächlich alle einig über den Zweck, den die italienische Marine verfolgt, die diese Bilder veröffentlicht hat?

Wir wissen, dass Bilder von großer emotionaler Wirkung viel Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken können. Immer wieder bilden sie Höhepunkte in der multimedialen Dramaturgie von Krisen. Weil eine Fotografie oder ein kurzes Video die Komplexität des Themas reduziert und mit inszenatorischen Mitteln ein starkes Gefühl erzeugt.

Wirkt wahrhaftig

Dabei ist die Objektivität von dokumentarischen Aufnahmen nur behauptet. Sie stützt sich auf deren besondere Ästhetik: Der Aufbau wirkt wie zufällig und nicht bewusst gewählt, Bildqualitäten wie Auflösung, Tiefenschärfe, Belichtung müssen nicht optimal sein. Im Gegenteil: Gerade eine scheinbare Nachlässigkeit darin betont, dass es dem Fotografierenden nicht um das ästhetische, kunstvolle Präsentieren des Bildmotivs ging, sondern allein ums Festhalten. Er will vermeiden, dass der künstlerische Eingriff auch das Leid ästhetisiert. Dies würde nicht nur dessen Rohheit entgegenwirken, sondern auch dem Bestreben nach einer wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe, die ohnehin nur eine Illusion ist. Diese Erkenntnis wird im Dokumentarischen allerdings weitgehend ignoriert.

Hier sehen wir Flüchtlinge, es sollen 550 sein, andere Medien sagen: 570, auf einem überfüllten Boot, das kentert. Die Menschen, es scheinen ausschließlich Männer zu sein, fallen oder springen ins Wasser. Die Aufnahmen wurden von einem etwa hundert Meter entfernten Schiff aus gemacht. Weitere Bilder zeigen, wie den Gekenterten Schwimmwesten und Rettungsinseln zugeworfen werden, wie man ihnen an Bord des Schiffes hilft. Fünf Menschen sind gestorben. Andere berichten: sieben.

Wir können die Toten nicht erkennen wie auf manch anderen Bildern. Die Todesangst der namenlosen Flüchtlinge sehen wir aber schon. So werden sie zu Statisten in einem Drama. Das ist pietätlos, sagen jene, die solche Bilder nicht zeigen wollen. Muss man, um über das Leid streiten zu können, das Leid zeigen? Reicht nicht ein Beschreiben? In jedem Fall müssen wir das Leid erst wahrnehmen, um überhaupt darüber streiten zu können: Was sind seine Ursachen? Wie kann man sie möglicherweise bekämpfen?

Wem nutzt es?

Tatsächlich wäre es nur böser Kitsch, im schlimmsten Fall Gewaltpornografie, wenn es beim Zeigen der Bilder lediglich um das Erzeugen von Mitleid ginge. Dennoch begnügen sich manche damit, solche Bilder in den sozialen Netzen mit einem traurigen Smiley zu kommentieren. Man kann ein nur oberflächliches Gerührtsein beim Betrachter nicht ausschließen. Deswegen begleiten gute Journalisten ein Bild mit einem Text, in dem die Umstände und Ursachen erklärt und belegt werden. Das geschieht übrigens auch, wenn Bilder als Propaganda eingesetzt werden. In jedem Fall soll das Darstellen des Leids ein entschlossenes, nachhaltiges Handeln auslösen. Das ist es, was der Publizierende beabsichtigt. Also ist es wichtig zu fragen: wer? Und: warum?

Bilder von Flüchtlingsbooten, die so überfüllt und seeuntauglich sind, dass sie kentern müssen, gibt es bereits. Frontex und Hilfsorganisationen dokumentieren seit Langem ihre Einsätze auf dem Mittelmeer. Ebenso wie die italienische Marine, die die aktuellen Bilder aufgenommen hat. Warum veröffentlicht Letztere die Aufnahmen vom kenternden Boot also gerade jetzt?

Die Bilder stammen nicht von der Küste vor Lesbos, die 2015 der Großteil der Flüchtlinge erreichen wollte. Die Bilder stammen von der Küste vor Italien, aus dem Kanal von Sizilien. Für den kommenden Sommer wird erwartet, dass wieder mehr Flüchtlinge von Libyen aus den Weg nach Europa wagen werden. Die italienische Regierung fürchtet, dass die nördlichen Grenzländer Österreich, Schweiz und Frankreich ihre Grenzen so dicht verschließen könnten wie es die Nachbarländer von Griechenland getan haben.

Um darauf aufmerksam zu machen, hat die italienische Regierung die Bilder publizieren lassen. Vermutlich werden sich nicht alle Betrachter einig sein darüber, wie diese Absicht zu bewerten ist. Deswegen ist es so wichtig, dass man sie kennt, wenn man die Bilder betrachtet.