Wenn es um Essstörungen oder ein ungutes Körpergefühl geht, sind die Sündenböcke schnell gefunden: Frauenmagazine, die Modeindustrie, Photoshop, Germany’s Next Topmodel. Doch eigentlich beginnt das Problem bei unseren eigenen Eltern.

Stefanie Lohaus ist Journalistin. Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Eltern finden es gut, wenn ihr Kind dünn ist. Schlankheit steht nicht nur für Schönheit, sondern auch für Erfolg und Disziplin, für Aufstieg, die oberen gesellschaftlichen Schichten. Und wer wünscht sich das nicht alles fürs eigene Kind?

Diese Körperideologie, die Gewicht mit Klasse und Leistung verbindet, ist nicht erst gestern entstanden. Auch die Generation meiner Eltern, in den 1950ern geboren, wurde schon mit unrealistischen Körper- und Schönheitsidealen konfrontiert. Zwar gab es früher noch nicht in epidemischem Ausmaß mit Bildbearbeitungsprogrammen verzerrte Darstellungen (nackter) Körper und Gesichter, aber dafür spätestens seit den 1970ern rigide Diäten und Ernährungsvorschriften, manche strenger als heute.

Butter und Sahne überall

Nach den mageren Kriegs- und Wiederaufbaujahren ließen es sich die Menschen, die oft schweren Hunger gelitten hatten – mein Großvater konnte, seit er aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, keine Äpfel mehr essen, da er sich von unreifem Obst ernährt hatte – richtig gut gehen. Das Erleben von elementarem Hunger führt zu einem unentspannten Verhältnis zur Nahrung, verständlicherweise.

Und damit begann das Problem: Butter und Sahne überall ran, Saucen, Braten und jeden Tag Wurst, und immer schön den Teller leer essen. Das erzeugte eine wachsende Anzahl gut genährter Wohlstandsbäuche. Und dann traf dieser Bauch der Wirtschaftswunderzeit auf das dünne Rolemodel Twiggy – und später auf den Fitnesstrend, der aus den USA herüberschwappte. Der Bauch wurde vom Zeichen des Wohlstands zum Symbol für mangelnde Leistungsbereitschaft.

Es begann eine Diätflut, die bis heute nicht abgeklungen ist. Abnehmkuren, von denen wir eigentlich wissen, dass sie unverantwortlich, weil ungesund und einseitig sind, wurden in Büchern und Zeitschriften als Wundermittel gepriesen. Es gab damals wenig Forschung zu Diäten und ihren langfristigen Auswirkungen. Heute lesen wir immer wieder, dass sie den Stoffwechsel senken und dicker statt dünner machen sollen. Tabellen, etwa in der Brigitte, schrieben früher vor, welche Maße frau an Brust, Bauch und Po bei welcher Körpergröße zu haben hatte, die Werbung für das dazugehörige Mieder, das das unperfekte Fleisch in Form presste, prangte auf der gegenüberliegenden Seite.

Wenn ich mit Angehörigen meiner Generation, die irgendwo zwischen X und Y liegt, darüber spreche, was uns an unseren Körpern stört und warum, dann landen wir regelmäßig bei Kindheitserinnerungen: Mütter, die ihre eigenen Arme, Beine, Bauch und Po als zu dick abwerteten, die permanent auf ihre "schlanke Linie" achteten. Die sich über Konfektionsgröße 36 freuten und über 40 ärgerten. Die zwar für die Familie kochten, aber dann selbst nichts davon anrührten und dafür heimlich nachts am Kühlschrank anzutreffen waren. Bei denen es nie Süßigkeiten gab – nicht wegen uns, sondern damit Mama und Papa sich nicht an ihnen vergriffen.