Elaine Scarry schreibt, dass der Schmerz keine Stimme habe und sich der Sprache entziehe. Joan Didion erklärt, wie schwierig es ist, an einer unsichtbaren Krankheit wie Migräne zu leiden. Kafka wollte seiner geliebten Felice den Kopfschmerz von der Stirn küssen. Hans-Georg Gadamer sagt, im Schmerz seien die Dimensionen des Lebens erkennbar. Und im Himmel sitzt Susan Sontag und grinst. Schließlich hat sie uns immer wieder von Krankheit, Schmerz und Metaphern erzählt, die wir tunlichst vermeiden sollten. Am gesündesten, so Sontag, wäre es immer noch, "sich vom metaphorischen Denken zu lösen, ihm größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen".

Birgit Schmitz, geboren 1971, lebt in Berlin. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie in Köln und arbeitet als Lektorin. Gerade erschien ihr Buch: "Der Schmerz ist die Krankheit. Wie ich lernte, mit meine Kopfschmerzen zu leben". Sie ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Als mir vor zehn Jahren die Diagnose "chronischer Spannungskopfschmerz" gestellt wurde, war alles sehr viel weniger prosaisch: Nach drei Monaten gelegentlichen bis häufigen Kopfschmerzen, die auf eine Operation zurückzuführen waren, blieben sie einfach da: nicht zwei Tage die Woche, sondern jeden Tag zwölf Stunden lang. Die Medizin spricht dann von Wind-up, neuroplastischer Veränderung und Schmerzgedächtnis. Der Schmerz, sonst ein Warnsignal, hat in dem Fall keine Funktion mehr. Er ist sich selbst genug.

Zuerst erzählte ich Ärzten davon. Zur Hilfe nahm ich Zeichnungen, die zeigten, wo genau der Schmerz saß. Mit kleinen Blitzen markierte ich die Stellen, an denen er mir durch den Kopf schoss. In Vordrucken aus dem Internet hatte ich notiert, wann, wie oft und wie heftig die Schmerzen jeden Tag waren. Ziemlich schnell fing ich an, mich auf den Zauberberg zu fantasieren: Eingehüllt in Decken dämmerte ich dort auf einem Liegestuhl, und allein die frische Luft würde den Spuk vertreiben, den ich noch nicht bereit war, Krankheit zu nennen. Mein Neurologe, sensibel und mir stets zugewandt, unterbrach meine Tagträume und fand, dass wir eher "unter realen Bedingungen" arbeiten sollten. Stumm verwies ich auf die vor mir liegenden Zettel. Mehr Belege hatte ich nicht. Der Neurologe ahnte, dass ich ihn von etwas zu überzeugen versuchte, von dem ich wusste, dass nur ich es fühlte, und so sehr er sich auch bemühte, würde er nur einen Schatten dessen wahrnehmen. Aber zumindest zweifelte er nicht an der Existenz meines Schmerzes.

Schmerz ist unvorstellbar

Es ist merkwürdig, dass wir die Fantasie besitzen, uns Dinge vorzustellen, die wir noch nie gesehen oder gefühlt haben: die Erde als Kugel, die Radioaktivität, das Higgs-Teilchen oder unsichtbare Planeten um andere Sterne. Doch beim Schmerz versagt die Vorstellungskraft, und damit auch die Sprache. So sah es jedenfalls Virginia Woolf: "Das Englische, das die Gedanken Hamlets und die Tragödie von Lear ausdrücken kann, hat keine Worte für Fieberschauer und das Kopfweh."  

Heute weiß man, dass man durchaus aus den Worten, die Menschen verwenden, Schlüsse ziehen kann. Häufig erbringen selbst die modernsten MRT keinen Nachweis. Der Schmerz bleibt unsichtbar. Was man aber inzwischen anhand von Gehirnscans erkennen kann, ist, dass das Reden über Schmerz und die damit verbundenen Adjektive wie "brennend", "beißend" oder "stechend" Hirnregionen aktiv werden lassen, die auch an der Verarbeitung der Schmerzreize beteiligt sind. Dann ist der Schmerz ein Fleck auf einer Computertomografie. Immerhin.

Als ich mich hinsetzte und über meinen Kopfschmerz zu schreiben begann, wusste ich, dass ich aus meiner Erinnerung heraus erzählen würde. Wie ich die Tage ununterbrochenen Dröhnens im Kopf ausgehalten habe, wie die klitzekleinen Momente von Schmerzfreiheit mir die größten Hoffnungen gemacht haben, war ja nirgends protokolliert. Nicht das Erlebte, sondern das, was ich davon erinnerte, würde meine Erzählung vom Schmerz prägen.