Vor einiger Zeit erhielt ich eine Mail von DriveNow, in der mir, "Hallo Christiane", das neuste Feature des Carsharing-Services ans Herz gelegt wurde: Drive'n'Pose. Über einen iDrive Controller, so das Versprechen, könnten alle Selfie-Addicts und ich künftig eine Kamera im Rückspiegel steuern und darüber Bilder direkt auf Facebook teilen. Meine Freunde seien dann live dabei, wenn ich mich "z.B. beim Warten an der Ampel oder im Stau" fotografiere. Wow. Im Stau oder an der roten Ampel. Jetzt, dachte ich, ist das Selfie endgültig ganz bei sich selbst angekommen.

Auch wenn Drive'n'Pose ein BMW-Aprilscherz war: In der Theorie trifft das Feature den Puls der Zeit. "Rasender Stillstand" nannte der Kulturtheoretiker Paul Virilio dieses ergebnislose Hyperventilieren im Zeitalter der Telekommunikation schon 1990. Allerdings leben wir heute nicht mehr im Zeitalter der Telekommunikation, sondern in der digitalen Sphäre. Und Selfies sind so wenig eigenbestimmte Selbstporträts wie die Cloud ein fluffiges Etwas. Hinter beiden verbirgt sich eine konkrete Architektur, manifestiert in Algorithmen, Glasfaserkabeln und gigantischen Rechenzentren. Das Bild auf dem Screen ist nur eine Seite des Selfies, die leuchtende, wo du dich selbst im besten Licht festhältst. Völlig egal, ob Selfies Menschen auf Partys, am Strand oder an der roten Ampel zeigen – die wahre Reise findet hinter dem Monitor statt. Leider größtenteils im Dunkeln.

Christiane Kühl, geboren 1966, lebt als freie Journalistin und Theatermacherin in Berlin. 2015 kuratierte sie für den steirischen herbst das Theorieprogramm "Future Perfect. Dystopia, disruption and alternatives". Für die Frankfurter Positionen 2017 entwickelt sie mit dem Videokünstler Chris Kondek eine Performance zum Thema digitale/bürokratische Doppel. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Chris Kondek

Während immer mehr Menschen Spaß daran haben, immer mehr Fotos von sich mit immer mehr anderen über digitale Plattformen zu teilen, haben sich Selfies von einem Medium, in dem wir unser Selbstbild kontrollieren, entwickelt zu einem Medium, das uns kontrolliert. Nicht nur über psychologische Feedbackschleifen, die das Selbstwertgefühl administrieren, auch ganz direkt: Die entscheidende Qualität von Selfies ist heute nicht mehr das Repräsentieren, sondern das Identifizieren von Personen. Im folgenden eine Reihe von Beispielen, mehr oder minder bekannt, mehr oder entscheidend weniger lustig.

Zum einen kommunizieren Selfies, wie alle geposteten Fotos, Ort, Zeit und das Handymodell ihrer Aufnahme. Um diese Informationen zu sehen, muss man nicht über Geheimdienstkräfte verfügen, sondern lediglich die Exif-Daten auslesen. Je mehr Selfies gepostet werden, desto akkurater das Bewegungsprotokoll. Dass einen damit nicht nur fremde Freunde, sondern auch unfreundliche Fremde und lokale Ordnungsdienste verfolgen können, liegt auf der Hand, wird aber immer wieder ignoriert.

Furore machte im Oktober Whitney Beall, die eine 40-minütige Autofahrt live streamte, komplett besoffen, wie sie nicht müde wurde immer wieder in die Kamera auf dem Armaturenbrett zu lallen. An einer Ampel stellt sie völlig geflasht fest, dass sie aktuell 57 Follower hätte – "Oh my god, I did not know I could get that many people!" – , zu denen kurz darauf auch das Lakeland Police Department zählte.

Zu Recht, kann man sagen, und: selbst schuld. Doch die Identifizierung von Gesetzesbrechern – seien es Verkehrssünder, Drogenbosse oder Internetkriminelle – ist nur noch ein Nebenaspekt des digitalen Schattens. In erster Linie geht es um die Identifizierung der Allgemeinheit. Im Auftrag des Staates, im Interesse von Unternehmen, aus eigener Bequemlichkeit. Und das Selfie liefert: Das biometrisch analysierte Gesicht ist fälschungssicherer als ein Fingerabdruck und verlässlicher als PIN-Codes, die wir heute als Kennung nutzen. Im Netz, am Geldautomaten, an der Tür. Ganz einfach: Das eigene Gesicht hat man immer dabei.

Und es ist im System. Wer zur absoluten Minderheit derer zählt, die noch kein Selfie geschossen haben, wird doch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Bild eines Freundes zu sehen sein; vermutlich gar mit name tag. Und selbst wer das bislang vermeiden konnte (bzw. wollte): In absehbarer Zukunft wird Opt-out keine Option mehr sein. Wenn das Selfie zum Ausweis wird, muss ich es zur Verfügung stellen. MasterCard hat bereits begonnen, die Identifizierung für den Kreditservice vom PIN-Code auf Selfies umstellen. "Security in the blink of an eye – MasterCard Identity Check", heißt die Kampagne. Amazon will es noch sicherer machen und hat im März ein Pay-per-Selfie-Patent angemeldet, das den Konsumenten auffordert, Grimassen beim Kaufabschluss zu schneiden, damit das System nicht durch ein vorgehaltenes Foto gefoppt werden kann.

Woran Nationalstaaten jahrhundertelang gearbeitet haben – die Lücke zwischen Dokument und Person zu schließen, also einen Ausweis eindeutig einem bestimmten Körper zuzuordnen – setzen auf globaler Ebene Kaufplattformen und Kreditinstitute nun  in die Tat um. Während es um die Einführung des biometrischen Passes zumindest hitzige Diskussionen gab, wird Pay-per-Selfie vermutlich in the blink of an eye angenommen – denn, wie MasterCard ganz richtig feststellt: Die 1.000 Passwörter, die man sich merken soll, nerven. In Zukunft werden also Unternehmen große Teile der Bevölkerung identifizieren können, diese Daten weiterverkaufen und selbst nutzen, etwa mithilfe von Gesichtserkennungsprogrammen für personalisierte Werbung im Stadtraum. "Hallo Christiane, niedergeschlagen? Tank auf mit Drive'n'Drugs!"

Auch die Lücke zwischen Staat und Kapital, die wir seit Jahrzehnten schwinden sehen, wird sich auf diese Weise weiter schließen. In Nigeria gibt MasterCard seit 2014 die nationalen Ausweise mit heraus, ID-Smartcards mit Bankzugang. Das mag Vorteile in dem afrikanischen Staat haben, die aus europäischer Perspektive schlecht zu beurteilen sind – und doch ist diese Koppelung von Staatsbürgerschaft und Kreditwürdigkeit, von Gesicht vorn und Logo hinten obszön. Wenn auf einer elektronischen All-in-one-Card Daten über Nationalität, Körper und Vermögen gespeichert sind, werden sie nicht getrennt gelesen werden.

Indien macht gerade das größte Feldexperiment auf diesem Gebiet. Auf der Aadhaar Card werden neben einem Porträt auch Fingerabdrücke, ein Iris-Scan, Bankzugangs- und Sozialleistungsberechtigungen sowie eine Unique Identification Number des Karteninhabers gespeichert. Die Karte ist kein Pass und nicht obligatorisch, wie die Regierung und das höchste Gericht betonen. Wer jedoch staatliche Leistungen beziehen will, vom Stipendium über Kochgasrationen bis zur Rente, braucht sie. Was die Karte de facto zwingend macht, vor allem für die arme Bevölkerung.

Auch das UN-Flüchtlingswerk UNHCR kooperiert mit einer Bank und Gesichtserkennungsspezialisten, der britischen Firma IrisGuard. 1,6 Millionen Flüchtende haben nach UNHCR-Angaben bereits die Karte der jordanischen Cairo Amman Bank, die es ihnen erlaubt, mit einem Blick in die Kamera an Automaten Geld abzuheben. "Know them by their Eyes" wirbt IrisGuard. Was werden wir von diesen Menschen kennen? Ihre Fluchtroute und ihre Vermögensverhältnisse. Diese Information ist auch für die Zielländer der Flüchtenden interessant. Nicht, dass der Wert eines Menschen von seinem Kapital abhinge – aber helfen tut es vermutlich doch.

Die Verheißung des Internets war einst der grenzenlose Raum, in dem ich mich körperlos bewege, mit Identitäten, wie ich sie mag. Es war das Gegenstück zur physischen Welt, in die ich mit einem Namen in einen Staat geboren werde, denen ich gehorchen muss. Das Versprechen des Web 2.0, der Social Media, war es darüber hinaus, mich vom Konsumenten zum Produzenten zu machen. Wir haben bereits akzeptiert, dass wir im Zuge dieser Entwicklung zur Ware wurden, da die Spuren, die wir im Netz hinterlassen, der Rohstoff des digitalen Zeitalters sind.

Wenn wir nun aber beginnen, alle Daten zentral zu speichern, egal, ob es private, genetische oder amtliche sind; wenn wir es zulassen, dass unser digitaler Doppelgänger mit dem bürokratischen zusammenfällt, wird er umfassende Macht über uns entwickeln. Wir werden zum Produkt werden, im Sinne von "gesteuert produziert". Denn selbstverständlich wird jeder vernünftige Mensch unvernünftige Dinge unterlassen, wenn sie mit einem Iris-Scan abrufbar sind. Das Selfie ist nur eines der lustigen Gesichter dieses potenten Doppelgängers. Die Vergangenheit wird unsere Zukunft in neuem Ausmaß bestimmen. Achtung: Objekte im Rückspiegel sind näher, als sie scheinen.