Österreich hat nach dem Wahlkampf um die Stelle des Staatsoberhauptes einen gewaltigen hangover hinterlassen. Die FPÖ hatte das gesamte rechtsextreme Register durchgenudelt, um die Mehrheit zu erlangen. Das Resultat ist ein grüner Bundespräsident und ein sozialdemokratischer Bundeskanzler.

Und dieser wunderschöne Facebook-Eintrag des unterlegenen Kandidaten Norbert Hofer:

Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für Euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst.

Diese Reaktion passt in das Bild, das die FPÖ vom Volk hat. Und drückt gleichzeitig die Erwartung der Anhängerschaft an die Partei aus. Hier wird kein mündiges Volk angesprochen. Hier spricht ein Abi. So werden in der orientalischen Kultur die älteren Brüder genannt. Ihre Kompetenzen umfassen die Aufpasserei in den Bereichen Schwester, Ehre und so weiter. Aufpassen wollte er also, der Kiezmacho aus der Steiermark. Indirekt sagt er natürlich: "Armes Volk, jetzt habt ihr niemanden, der euch schützt."

Wer bei Rechtsextremen nach Widersprüchen, Antidemokratentum und Sehnsucht nach Kulturkampf sucht, muss wahrlich kein Archäologe sein. Wer aber auf der Suche nach einem politischen Konzept für gesellschaftliche Probleme ist, wird beim Graben eher auf eine Wasserader stoßen denn auf eine Idee. Deshalb wundert sich die Gegenöffentlichkeit und fragt sich, ja Himmel, warum werden sie bloß gewählt? Die Rechten tun doch bloß so, als wären sie die Abis der Abgehängten. Gleich danach folgt die Schuldfrage. Wer ist schuld daran, dass die Rechten in Europa überhaupt einen Fuß auf den Boden bekamen?

Man kann die Frage auch einmal andersherum stellen. Was machen Front National, AfD, FPÖ und Co eigentlich richtig gut? Und das ist nun der Zeitpunkt, da man, nachdem man viel über politische Inhalte sprach, auch über den Duktus des Rechtsextremen sprechen muss. Armin Thurnher, Gründer und Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter erfand vor eineinhalb Jahrzehnten den Begriff Feschismus für Jörg Haider. Das Wort setzt sich zusammen aus fesch und Faschismus. Seitdem bestätigt sich diese Beobachtung. Eine Österreicherin sagte vor einigen Tagen in den ZDF-Nachrichten über Norbert Hofer ungefähr so: " .. und überhaupt. Gut sieht er aus. Wer so ausschaut, kann nichts Schlechtes wollen." Damit hat sie beschrieben, was alle modernen rechten Demagogen der Neuzeit anstreben. Anti-Establishment sein und dabei super established aussehen.

Das Bild des rechtsextremen Agitatorentums besteht für viele Menschen aus schreienden Rednern, Poltertum, Stiefelaufmarsch. Die NPD ist dafür das beste Beispiel. Sie waren viel zu unfein gekleidet, um vom sogenannten Bürgertum ins Herz geschlossen zu werden. Auch die Skinheads haben der rechten Sache mit ihrem Look keinen Gefallen getan. Das Bürgertum möchte seine Ressentiments, Vorurteile und Verachtung für und auf alles Mögliche in edlem Tuch und Manschettenknöpfen vorgetragen sehen. Man möchte unsolidarisch sein dürfen und seine Stimme jenen geben, die es verstehen, das Braune mit Parfüm und Pastell zu umhüllen.

Auch das Benehmen muss "was hermachen". Diese Attitüde wird von Hofer und seinen Kollegen präzise inszeniert. So stellte Hofer bei dem Fernsehduell mit Van der Bellen gleich zu Anfang klar, dass er den Zuschauern verspreche, sich gut zu benehmen. Das ist ja überhaupt das Wichtigste. Die Kornblumenbrosche, die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft, das Deutschnationale hinter dem Österreichgetue, das ist dann eben so. Na und? Und so fallen in den Parfümwolken die Hemmungen und ein Paar sagt im Fernsehen, dass es mal wieder Zeit für "einen kleinen Hitler" sei. Und ein anderer sagt stolz, dass er Adolf heiße und grinst. Und wieder ein anderer zeigt den Hitlergruß.

Und dazwischen immer wieder Hofer, der das Ganze in aller Seelenruhe mit Bemerkungen garnieren konnte. Van der Bellen sei ein faschistischer, grüner Diktator. Eine Frau mit Kopftuch würde Hofer niemals vereidigen. Wer für den IS in den Krieg zieht oder vergewaltigt, dem sagt er: "Ihr könnt hier nicht bleiben." Man hört das alles und ahnt, welche Filme bei den Wählern im Kopf gerade abgehen. Ministeranwärterin mit Kopftuch gibt es weit und breit keine. Und selbst wenn. Warum muss einer, der vergewaltigt, nicht ins österreichische Gefängnis, sondern woanders hin? Was hat es mit dem Wir, Ihr und Hier auf sich? Ist klar, dass das Ganze in einem ruhigen Ton vorgetragen wird. Das Ungesittete verbirgt sich im Denken dahinter. Und das bringt die Gegner auf die Palme.

Es ist, als hätten alle Rechtsextremen in Europa das gleiche Coaching-Seminar absolviert. Ruhig bleiben. Möglichst wenig zu Wort melden. Aber wenn, dann einen knallen lassen. Und warten, bis irgendeiner austickt. Irgendwer tickt immer aus. Alexander Van der Bellen verlor im unmoderierten Rededuell nach kürzester Zeit die Nerven. Fassungslos sah man zu wie ein 72-jähriger Wirtschaftsprofessor die Worte seines fast halb so alten Gesprächspartners in Wähwähwäh-Manier nachäffte, weil er gegen die Contenance seines Gegenübers nicht ankam.

Auch Björn Höcke, Beatrix von Storch, Frauke Petry oder Alexander Gauland beherrschen diese Methode perfekt. Ihr Lieblingssatz ist die "Versachlichung der Debatte". So mahnen sie ständig: Sie können nicht sachlich bleiben! Bleiben Sie doch mal sachlich! Geht es jetzt bitte wieder sachlich? Dabei bleiben ja alle sachlich. Bloß werden die sachlichen Argumente ungezügelt bis explodierend vorgetragen. Die Rechtsextremen indes machen es genau andersherum. Sie tragen ihre ungezügelten und explosiven Ansichten sachlich vor. Fesch und frechheitlich.