Als wir vor ziemlich genau einem Jahr das Haus meiner Großeltern in Südfrankreich ausgeräumt haben, habe ich nur vier Bücher mitgenommen. Ein Buch über Yoga, weil es mich amüsiert, dass meine Großmutter offensichtlich schon in den fünfziger Jahren in ihrer kleinen Wohnung in Paris hockte und Kopfstand übte, während die Kinder in der Schule saßen. Proust und Baudelaire in der Pléiade, weil es mich an dieses alte Frankreich erinnert, in dem man Kindern zum Geburtstag auf Bibelpapier gedruckte Klassiker schenkte, weil man dachte, man investiere in ihr kulturelles Kapital. Und eine Autobiografie: Une vie von Simone Veil. Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter es meinem Großvater vor neun Jahren zu Weihnachten schenkte. 

Annabelle Hirsch, geboren 1986, ist Deutsch-Französin und lebt als freie Autorin in Paris. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Oliver Helbig

Mein Großvater hat Simone Veil immer sehr bewundert. Für ihren Mut, für ihre Kämpfe, vielleicht auch einfach, weil sein Leben und das ihre sich ab und zu gekreuzt hatten. Weil er, so wie sie, so wie die meisten Europäer dieser Generation, ein Leben geführt hatte, das sehr früh von der Geschichte, der ganz großen, überrollt worden war, und weil er, so wie sie, wie so wie viele dieser Generation, hoffte, dass wir aus eben dieser Geschichte lernen würden. Er folgte ihr in der tiefen Überzeugung, dass man trotz all der Wunden eine schnelle Versöhnung mit Deutschland anstreben müsste. So wie sie verbrachte er kurze Zeit nach Kriegsende zwei Jahre in diesem Land auf der anderen Seite des Rheins. Regelmäßig erzählte er mir, er habe sich die halbe Nacht darüber Gedanken gemacht, wie man diesen oder jenen Ausdruck wohl ins Deutsche übersetzen würde: "Alors, comment dit-on?

Als ich Simone Veils Biografie also zu lesen begann, wusste ich außer diesen privaten Denkverbindungen eines überzeugten Europäers nicht viel über sie. Ich wusste, dass sie Auschwitz überlebt hatte und dass sie Mitte der siebziger Jahre die sogenannte Loi IVG oder Loi Veil, also die Legalisierung der Abtreibung, durchgeboxt hatte. Und ich wusste, dass diese mittlerweile achtundachtzigjährige Dame bis heute die beliebteste Frau Frankreichs ist. Eine Ikone. Man muss sich nur einmal mit Une Vie in ein Pariser Café setzen, selbst im hohlsten Hipster-Laden wird man immer jemanden finden, der seufzend ausruft: "Ah Simone!" 

Auschwitz macht hart wie Stein

Ihr Buch zu lesen, ist es ein bisschen so, als hätte man plötzlich die Möglichkeit, seine Großeltern all das zu fragen, was man zu fragen verpasst hat – aus Scham, aus Faulheit, aus Angst. Sie erzählt von ihrer Kindheit in Nizza und davon, wie ihr Vater René Jacob bis zum Schluss nicht hatte glauben wollen, dass das Land, das er seine Heimat nannte, ihn verraten würde.  

Im März 1944 werden Simone, ihre Mutter und ihre Schwester nach Auschwitz-Birkenau deportiert, ihren Vater und Bruder sieht sie zum letzten Mal in Drancy. Sie erzählt alles, was folgt, die Gaskammern, den Tod, den Dreck, die Gewalt, die absolute Entmenschlichung, sie erzählt das auf sehr trockene Art und Weise, so wie sie überhaupt immer sehr distanziert klingt. 

Die Autorin Marceline Loridan-Ivens, seit ihrer Zeit in Auschwitz Simone Veils engste Vertraute, schrieb letztes Jahr in ihrem bewegenden Buch Und du bist nicht zurückgekommen (eine Art Brief an ihren verstorbenen Vater): "Auschwitz macht einen hart wie Stein." Und sie erzählt, wie sie den Menschen, die ihr nach der Befreiung im Hotel Lutetia in Paris weinend Fotos entgegenstreckten, brutal antwortete: "Waren Kinder dabei? Dann sind sie alle tot!" Und auch davon, dass nach dem Krieg keiner in Frankreich von den Vernichtungslagern hören wollte, dass die Rückkehrer mit ihren Bildern allein gelassen wurden und man sich lieber die Geschichte des General de Gaulle erzählte: In Frankreich seien alle Widerstandskämpfer gewesen. Auch Simone Veil ist durch diese Erfahrung, den Krieg und die Stille danach, hart geworden, es heißt, sie sei eine "schwierige" Person, es heißt, sie würde durchaus gelegentlich mit Vasen um sich werfen und sich nicht davor scheuen, bei einem formellen Abendessen zu verkünden: "So etwas Dummes habe ich noch nie gehört!" 

Angst und Feindseligkeit sind keine Wegweiser

Simone Veil ist nicht nett, sie ist nicht niedlich. Sie hat Dinge bewegt, die keine Frau vor ihr hatte bewegen können. Als Jacques Chirac, der junge Premierminister, sie 1974 als erste Frau in der Geschichte der V. République an den Kopf eines Ministeriums beruft, ist das schon ein Coup. Was sie dann aber aus ihrer Funktion als Gesundheitsministerin macht, ist eine kleine Revolution: Die Französinnen, die bis November 1974 nur die Wahl hatten, ein ungewolltes Kind in einer sanitär bedenklichen Hinterkammer einer "Engelmacherin" abzutreiben, oder, für die Reichen unter ihnen, ins Ausland zu fliehen, konnten von nun an ganz legal entscheiden, ob sie Mutter werden wollten oder nicht.  

Europa als Last

Es ist eine Schande, wenn man heute, fünfzig Jahre später, aus dem Mund einer jungen Frau wie Marion-Maréchal Le Pen hört, dass "planning familial", also die Möglichkeit, zu entscheiden, wann, wie und mit wem man eine Familie gründen möchte, nicht mehr vom Staat unterstützt werden sollte. Es ist eine Schande, dass jemand mit einem solchen Programm auch nur eine Stimme gewinnt. 

Überhaupt habe ich, während ich dieses Buch lese, das bedrückende Gefühl, dass wir in dieser, unserer Zeit etliche Errungenschaften, die von Menschen wie Simone Veil hart erkämpft wurden, infrage stellen. Dass wir, ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein, beschlossen haben, kollektiv rückwärts zu laufen. Ich frage mich oft, wie mein Großvater, wie Simone Veil, überhaupt Menschen dieser Generation, die Welt heute sehen. Was sie darüber denken, dass in französischen Zeitungen heute wieder antideutsche Töne anklingen. Dass Marine Le Pen so viele Wähler hat wie nie zuvor. Dass die Menschen wieder kleiner, ängstlicher, nationaler denken. Dass sie sich immer mehr an imaginären Identitäten festkrallen, seien sie nationaler, religiöser oder sonst wie gearteter Natur. Dass Europa für viele keine Lösung mehr ist, sondern eine Last, von der man sich befreien will. Sind sie erschrocken? Sind sie empört? Denken sie, dass wir nichts verstanden haben und noch einmal geradewegs in den Abgrund rasen?

Mein Großvater ist vor einigen Jahren gestorben, ihn kann ich nicht mehr fragen. Simone Veil äußert sich seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr. Ausgerechnet ihr, die immer gegen das Vergessen angekämpft hat, spielt das Gedächtnis jetzt Streiche. Vielleicht genügt es aber auch, einfach mehr Bücher zu lesen wie diese. Um sich daran zu erinnern, dass unsere Freiheit, der Frieden, die Gleichberechtigung, alles, was unser Leben zu einem guten Leben macht, hart erkämpft wurde. Dass nichts selbstverständlich ist. Und dass Angst und Feindseligkeit noch nie gute Wegweiser in die Zukunft waren.