Als ich sie das erste Mal sah, es war an einer langen Tafel, die ich mit zwei frisch verliebten Schriftstellerinnen gedeckt hatte, die ich kaum kannte, fiel mir zuerst ihre sehr eigene Sprachmelodie auf. Wir hatten kein Wort miteinander gewechselt, ich hatte sie nur verstohlen beobachtet, und erst als ich gerade gehen wollte, wurden wir einander halbherzig vorgestellt. Mir rutschte eine viel zu glamouröse Geste raus und ich sagte, nicht um ihr zu gefallen, eher aus Verlegenheit, und weil ich ihr unwillkürlich vertraute: "Ich mag deinen Blick." Sie lächelte nur und der nun folgende Gesichtsausdruck verriet nicht, ob sie mich für eine distanzlose Wahnsinnige hielt, oder wusste, dass das nicht als Einstieg in den nächsten Smalltalk gemeint war. Was soll man darauf auch antworten.

Mascha Jacobs, Jahrgang 1978, Autorin, Mitherausgeberin der Zeitschrift "Pop. Kultur und Kritik" und Mitprogrammverantwortliche des August Verlags Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE



Ich traf sie in einem Imbiss wieder. Es war ein bisschen Zeit vergangen, wir waren noch zaghafter als beim ersten Mal, kamen aber um Smalltalk nicht herum. Ich weiß nicht, wie genau das Gespräch so schnell übermutig wurde. Wir klagten wohl über zu viel und zu wenig Arbeit. Ich schlug ihr einen Banküberfall vor. Wir tauschten Strategien, Fluchtpläne und Nummern aus. Wir telefonierten nie, bis heute kenne ich ihre Telefonstimme nicht, aber wir schrieben uns WhatsApp-Nachrichten, schickten uns alles, was wir zum Thema Kunstraub und Banküberfälle wussten. Wir lasen gleichzeitig Geoff Manaughs The Burglar's Guide to the City, ein Buch, das Architektur aus der Sicht von Einbrechern beschreibt, denn "Diebstahl ist immer ein architektonisches Verbrechen".

Idiosynkratischer Anfall

Inzwischen war sie umgezogen. Alles sehr schön, erzählte sie bei einem Spaziergang durch Katakomben. Das architektonische Verbrechen beschränke sich auf den Küchenboden. Sie habe die Küche einfach zugesperrt, weil sie die hässlichen Bodenfliesen und überhaupt die ganze Geschmacklosigkeit der Einbauschränke nicht ertragen könne, eine Wohnung ohne Küche hätte was. Ich versuchte, sie mit der Behauptung zu beeindrucken, den verhassten Bodenbelag einfach mit Beton zu übergießen. Bei Belag musste ich direkt an Gilb denken, und ich sagte es laut, und wir ekelten uns beide gleichzeitig, glaube ich. Ich hatte Gänsehaut, aber sie kicherte und wiederholte beide Wörter beiläufig in einem ihrer nächsten Sätze. Ihr Tonfall ließ auf eine Mischung aus Faszination und Ekel schließen, die ich erst später verstand, als sie erzählte, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache sei.


Dieser kleine "idiosynkratische Anfall" war für alles, was danach kam, für unsere Freundschaft, entscheidender als unser gemeinsames Interesse für Kleinkriminelle, Größenwahn, Beton, die Privatsphäre der anderen, Literatur und andere autofiktive Behauptungen. Wir waren über diese Kleinigkeit zu Komplizinnen geworden. Keine Helfershelfer, die sich eine heiße Suppe sind, eher Verbündete, die sich auch Unausgegorenes anvertrauen, die Grenze zwischen Fiktivem und Realem nicht akzeptieren und manchmal unwillkürlich die gleichen Vorlieben und Abneigungen teilen.

"In der blitzhaften Übereinstimmung, in der fast reflexhaften Gemeinsamkeit von Sympathien und vor allem der der gemeinsamen Aversionen gegen etwas oder jemanden feiert die Freundschaft ihre größten Triumphe. Das ist ihr Ferment, ihr Kitt, der schwerer zu lösen ist als etwa der der gemeinsamen Überzeugungen", schreibt Silvia Bovenschen. Sie hat nicht nur eine schöne Anthologie Von der Freundschaft herausgegeben, sie hat der Freundschaft in ihrem Buch Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie ein ganzes Kapitel gewidmet, aus dem in diesem Zusammenhang zitiert werden muss, weil die hypersensible Wahrnehmung für Kleinigkeiten diese und bestimmt viele Freundschaften ausmacht. Manchmal reicht schon ein Wort oder die Betonung eines Wortes, um sich einem anderen Menschen nah zu fühlen.