Was ist das – Actionfilm oder Melodram? Jahrzehnte nach einem tragischen Unglück ist es Steve gelungen, ein neues Leben aufzubauen – seine Ehe mit dem erfindungsreichen Tony ist nicht gerade harmonisch, gründet sich aber auf gemeinsame Werte. Dann kehrt Steves früherer Liebhaber Bucky überraschend zurück. Und Steve gerät in fürchterliche Konflikte. Könnte Tony sich mit einer offenen Beziehung arrangieren? Oder muss Steve die alte Liebe opfern? Was wird aus dem Unternehmen, das Steve und Tony als Captain America und Iron Man führen? Im Finish von The First Avenger: Civil War kommt alles auf den Tisch. Drei Superhelden vergießen Blut, Schweiß und Tränen in einem Scheidungskrieg von globalen Dimensionen.

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für DIE ZEIT, "chrismon.de" oder den "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Civil War ist nur ein Beleg dafür, dass die Popkultur nach wie vor prächtig ohne Frauen auskommt – in diesem Sommer häufen sich die testosteronsatten Männergeschichten im Blockbusterkino. Gleichgültig, wie viele Zombies und Terroristen Film- und Fernsehheldinnen heutzutage erledigen – irgendwann drängen sich doch wieder die Kerle ins Bild. Das funktioniert aber nicht deshalb, weil es deren urmännliche Kraft wäre, die die Welt im Innersten zusammenhält. Sondern es funktioniert, weil die Männer sämtliche Frauenrollen einfach mitspielen. Der Mainstream der patriarchalischen Kultur mag die Frau jahrhundertelang unsichtbar gemacht, objektifiziert oder dämonisiert haben – die oft sehr nützlichen weichen Eigenschaften, die traditionell dem "weiblichen Geschlecht" zugeschrieben werden, schleppt er aber mit sich herum: Sie werden in den volkstümlichen Erzählungen einfach auf die Männerfiguren verteilt.

Homosocial desire – und manchmal mehr: homoerotische Lust – befeuert die Literatur, seit Achill mit Patroklos in den Krieg um Troja zog. Beziehungen zwischen Männern sind die haltbarsten überhaupt, nur der Tod kann sie scheiden: Lederstrumpf und Chingachgook, Sherlock Holmes und Doktor Watson, Laurel und Hardy, Captain Kirk und sein erster Offizier Spock ... Die tiefsten, innigsten Blicke im Kino werden zwischen Männern getauscht, in diesen Momenten, wenn alles verloren scheint, wenn die Orks sich vor der Festung versammeln – Aragorn und Legolas in Die zwei Türme – oder die SS anrückt – Brad Pitt und Shia LaBeouf in dem Kriegsfilm Fury. Und selbst der hemdsärmeligste, verstockteste Kerl zeigt sich rührend zugewandt, sobald ein anderer Mann im Spiel ist. Dann kann es sogar sein, dass er einkauft, kocht und den Müll rausbringt – wie Walter Brennan im Western für John Wayne.

Es geht tatsächlich um mehr als Begehren. Männer können in Literatur und Film auch die sonst an Frauen delegierten Fürsorgefunktionen erfüllen, für care zuständig sein. Bei J. R. R. Tolkien wird Frodo, der "Ringträger", der im Laufe seiner Prüfung immer bedürftiger erscheint, von seinem Burschen Sam versorgt, getröstet, getragen und schließlich über die Ziellinie geschubst: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein "ziemlich bester Freund". In der alten Star Wars-Trilogie haben sich Mom – der Imperator – und Dad – Darth Vader – in der Frage entzweit, was aus ihrem Sohn Luke mal werden soll; und wenn es Frauen wären, die sich am Ende von Die Rückkehr der Jedi-Ritter so aufführten wie diese Typen, würde es heißen: Zickenkrieg.

Im aktuellen Star Wars-Film trägt nicht etwa Daisy Ridley als neue Heldin das Emo-Gen in die nächste Generation – nein, es ist Adam Drivers engelsgesichtiger, permanent mit seinem privaten Drama befasster Schurke Kylo Ren. Marvels X-Men, die jetzt gerade wieder im Kino angelandet sind, bilden wie die Avengers gerne Familien oder WGs. Und obwohl diese Serie female friendly ist, steht auch in ihrem Zentrum eine leidenschaftliche Männerbeziehung: zwischen dem herben Schurken Magneto (Michael Fassbender) und dem milden Professor Xavier (James McAvoy). Xavier hat hier die Mutterfunktion; er führt eine Schule für abweichend begabte Kids, und seine Superheldenkraft besteht ausgerechnet in dieser "urweiblichen" Fähigkeit, sich in andere einzufühlen – der Mann ist ein Telepath.

Leserinnen und Zuschauerinnen, die nicht mit Hanni und Nanni im Internat eingesperrt sein, sondern hinaus in die Wälder, übers Meer und irgendwann sogar ins All ziehen wollten, mussten sich lange darin üben, sich gegengeschlechtlich zu identifizieren, mit männlichen Figuren. Inzwischen beherrschen sie das perfekt. Ich kenne viele Frauen, die sich – wie ich, falls das noch nicht aufgefallen sein sollte – gerne dieses ewige, epische, von Männern inszenierte Gerumpel anschauen. Und in den Fanszenen, im Cosplay, in Onlinerollenspielen und in der Fanfiction werden die Superhelden und Sternenkrieger mitsamt ihren ungeklärten Beziehungen zu anderen Superhelden und Sternenkriegern offensiv und lustvoll von Frauen übernommen: Stellen wir uns vor, du wärst Captain America und ich Iron Man!

Obwohl das Angebot an identifkationsfähigen Heldinnen, die sich in Männerdomänen einmischen, heute viel größer ist als noch vor zwanzig Jahren – mit Katniss Everdeen aus den Tributen von Panem können sich umgekehrt auch Jungs identifizieren – scheinen solche Konstellationen übrigens beliebter zu sein als rein weibliche Ensembles wie in der Femslash-Fiction, die romantische oder erotische Beziehungen zwischen Xena und Gabrielle oder der Schwarzen Witwe und Pepper Potts aus den Marvel-Filmen ausfabuliert.

Natürlich kann man all die Männer, die nicht nur die Welt beherrschen wollen, sondern meinen, dass sie unsere Jobs noch besser machen würden, auf den Mond schicken und ganz neue, queere Geschichten erfinden – das wird ja auch gemacht, seit Ursula LeGuin in The Left Hand of Darkness eine Spezies vorstellte, die zwecks Fortpflanzung spontan das eine oder andere Geschlecht annahm. Aber es liegt ein gewisser Reiz in der female-to-male-Identifikation; sie ist kein bloßes Ausweichmanöver, nicht nur ein Arrangement mit der Heteronormativität. Zum einen sind für Frauen, die heterosexuell empfinden, Männer nun einmal das Objekt der Begierde – die sind schon nett, wenn sie auf diese unnachahmlich entschlossene Art die Augen zusammenkneifen.

Zum anderen gibt es durchaus als maskulin kodierte Eigenschaften und Entfaltungsspielräume, die Frauen für sich reklamieren möchten. Oder man ist auf der inneren Geschlechtsidentitätsskala nicht da, wo die anderen einen verorten – also eher bei 30:70 Frau als bei 70:30. In einem rein männlichen Story-Set-up, in dem die äußeren Geschlechtsmerkmale als Indikator der gesellschaftlichen Hierarchie entfallen, wird dann plötzlich alles möglich. Als Sherlock und Watson, Spock und Kirk im Rollenspiel können die Partnerinnen im fliegenden Wechsel weibliche oder männliche Positionen einnehmen, aggressiv oder versöhnlich, rational oder emotional sein. Keine muss ihren Emanzipationsstand überdenken, wenn sie sich im Bett gerne dominieren lässt oder einen Putzfimmel hat – ist doch unter Gleichen.

Am Ende muss man das Ganze aber vielleicht gar nicht so kompliziert sehen. Vielleicht sind die populären Mythen und grandiosen Männeruniversen, die sich in der Kulturgeschichte angesammelt haben, schlicht zu verführerisch, um sie als politisch unkorrekt aufzugeben und abzuheften. Wollen wir uns tatsächlich aus Troja und den elbischen Wäldern im Herrn der Ringe, von den tropischen Inseln der Piratengeschichten und den fremden Planeten der Space Operas zurückziehen? Nicht mal, wenn sie komplett von Neandertalern bevölkert wären. Was wir aber echt nicht brauchen, um uns da hineinzustürzen, sind blasse Quotenfrauen wie die Wonder Woman im letzten Batman-Film – Identifikationsangebote aus dem Hollywood-Discount, Figuren, deren einzige Qualifikation darin besteht, dass sie "keine Männer" sind.

Ihr macht uns nichts vor. Wir wissen, dass Captain America eine von uns ist.