Erklär mir mein Leben – Seite 1

Allen hartnäckigen Klischees über schwatzhafte Frauen zum Trotz zeigen linguistische Studien, dass Männer keineswegs weniger sprechen als Frauen. Wenn sie dann außerdem noch einer Frau etwas erklären, von dem sie eigentlich mehr Ahnung hat als er, gibt es mittlerweile ein Wort dafür, was da vor sich geht: Mansplaining.

Als Erfinderin des Wortes gilt die amerikanische Autorin Rebecca Solnit, die 2008 in der Los Angeles Times den Essay Men Explain Things to Me veröffentlicht hatte, aus dem später ein weltweit erfolgreiches Sachbuch wurde. Kurioserweise gebraucht Solnit das Wort Mansplaining in dem ursprünglichen Essay nicht einmal. Der Begriff tauchte vor ungefähr acht Jahren erstmals in feministischen Blogs in den USA auf und wer ihn genau erfunden hat, weiß niemand. Solnit lieferte lediglich die Definition dafür.

Sie berichtete von einer Party in einem schicken Chalet im mondänen Skiort Aspen, an dem ein älterer Herr mit dem Langmut eines Schullehrers Solnit über ein Buch über einen Fotografen aus dem 19. Jahrhundert aufklärte. Seine Schwärmereien ließen sich nicht unterbrechen, obwohl eine Begleiterin von Solnit es immer wieder versuchte. Blöd für den Herrn: Das Buch, von dem er Solnit berichtete, als wäre sie seine Schülerin, war von Solnit selbst verfasst worden.

Auf dem Weg zum Standardbegriff

Die Erkenntnis, vor einer ausgewiesenen Expertin zu stehen, schien den Mann aber nicht zu stören. Die ganze Sache schien ihm nicht wirklich peinlich gewesen zu sein, schreibt Solnit. Denn die Szene kommt häufig vor: Männer erklären Frauen die Welt, auch wenn die Frau mehr darüber weiß. Doch Solnit stellt klar, das Wort sei kein universeller Makel eines Geschlechts, sondern lediglich "die Kreuzung von übertriebenem Selbstbewusstsein und Ahnungslosigkeit, an der ein Teil dieses Geschlechts stecken bleibt".

Das Wort legte daraufhin eine beachtliche Karriere hin. Google Trends etwa zeigt einen massiven Anstieg der Suchanfragen nach Mansplaining seit 2012. (In Deutschland wird das Wort übrigens von Internetnutzern am häufigsten in Berlin verwendet.) Spätestens 2012 hatte der Neologismus seinen festen Platz im analytischen Instrumentarium der Medien. Mansplaining wurde zum Standardbegriff. Blogs wie Academic Men Explain Things to Me blühten, Memes wie das des Republikanerführers Paul Ryan beim Training verbreiteten sich munter, die New York Times kürte den Begriff gar zum Wort des Jahres. 

Unschöner Klang

Im Jahr 2014 wurde Mansplaining gar vom altehrwürdigen Oxford English Dictionary geadelt und zusammen mit den Neuschöpfungen amazeballs und humblebrag offiziell in den englischen Wortschatz aufgenommen. Was Deutschsprachigen kaum bewusst sein dürfte: Das Wort klingt für englische Ohren unschön. Alexandra Petri von der Washington Post beschwerte sich, das Wort sei "eine schreckliche Chimäre mit dem Kopf einer Ziege und dem Schwanz einer Schlange und Flügeln".

Im Lauf der Zeit veränderte sich der Gebrauch des Wortes. War es zu Beginn noch ein relativ klar umrissenes Konzept mit einem klaren semantischen Gegenstand, der vorher unsichtbar gewesen war, wucherte die Bedeutung durch übermäßigen Gebrauch zusehends aus. Solnit selbst sagte dem ZEITmagazin, sie "habe den Eindruck, der Begriff wird inzwischen ein bisschen inflationär angewandt". Schließlich handelt es sich natürlich nicht jedes Mal, wenn Männer etwas erklären, automatisch um Mansplaining. Kurz machte etwa eine Definition des Wortes die Runde, nach der es Mansplaining sei, wenn Männern Frauen erklärten, was Feminismus sei oder wie Frauen sich fühlten. 

Die Überzeugung, immer im Recht zu sein

Das Beispiel von Jay Carney zeigt gut, wie leichtfertig der Begriff zwischenzeitlich im Munde geführt wurde: Der ehemalige Pressesprecher des amerikanischen Präsidenten wurde öffentlich des Mansplainings bezichtigt, nachdem er die Frage eines männlichen Reporters beantwortet hatte, warum Frauen im Weißen Haus weniger verdienen als Männer. Die Antwort mag nicht wirklich überzeugend gewesen sein, doch nur weil ein Mann etwas erklärt, ist es nicht gleich Mansplaining. Dazu gehört, dass der Mann eine Position als Autorität einnimmt, über die er nicht inhaltlich verfügt, sondern lediglich aufgrund seines Geschlechtes.

Doch können Männer auch andern Männern gegenüber mansplainen? Im Prinzip schon. Denn die (oft unbewusste) Überzeugung, immer im Recht zu sein, der Glaube, dass der öffentliche Raum einem gehört, und man deshalb logischerweise das Recht hat, immer und überall seine Meinung herauszuposaunen, während alle anderen zuzuhören haben, drückt sich nicht nur gegenüber Frauen aus. Wer nicht mindestens weiß, heterosexuell, alt und reich ist, wird das schon erfahren haben: von oben herab angetextet zu werden, einfach weil es in unseren Gesellschaften klare, wenn auch verschwiegene Hierarchien gibt.

Ich bin wichtiger

Dem ZEITmagazin sagte Solnit: "Mich interessiert, wie bestimmte Annahmen – ich bin wichtiger, meine Rechte sind größer als deine, ich verdiene mehr Platz – dazu führen, dass ich jemanden bei einer Konferenz oder am Esstisch nicht zu Wort kommen lasse, und ebenso dazu, dass ich noch schlimmere Dinge tue, um jemanden um sein Recht zu bringen." Je weiter oben man auf der Leiter steht, desto eher ist man es gewohnt, der einzige Sprecher zu sein. Um diese Hierarchien aufzudecken, ist es wichtig, einen Begriff dafür zu haben, auch wenn er sich von der ursprünglichen engeren Definition entfernt hat.

Das Präfix man- weist dabei schlicht auf strukturelle Privilegien hin, wie auch immer diese aussehen mögen. Im Fahrwasser von Mansplaining schwimmen eine Reihe von anderen Wörtern mit, denen man das Präfix man- vorangestellt hat. Die Inflation an negativ besetzten Begriffen, die männlich gegendert sind, ist eine Umkehr der sonstigen Praxis, das Männliche einfach als Standard zu betrachten und alle Abweichung davon lexikalisch zu markieren, mit -in/-innen auf Deutsch und mit -ette oder lady- auf Englisch.

Der Hort des Privilegs

Eigentlich schenkt man der Männlichkeit nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie sich gerade in einer Krise befindet, sonst wird sie stillschweigend als hegemonial anerkannt. Diese Hegomie steht nun zumindest sprachlich unter Druck. Man cave, man date, manscaping, man child, man bag, oder man purse, das zu murse mutierte, und man boob, das zu moob zusammengeschoben wurde, zeigen, dass männlich nicht einfach die Nullposition der Gesellschaft ist, der Standard, an dem sich alles andere orientiert.

Doch das einzige andere Wort, das annähernd eine ähnliche Beliebtheit wie Mansplaining erreicht hat, ist man spreading. Die männliche Ausbreitung ist vor allem im öffentlichen Verkehr zu beobachten, in dem Männer ihre Beine so weit spreizen, dass sie viel mehr Platz einnehmen als einer Person eigentlich zusteht. Die Position wird gern kombiniert mit dem Griff an den Hort dieses Privilegs, die Genitalen.