Nie ist die Sehnsucht nach Schriftstellern größer als in Zeiten politischer Verzweiflung. Als seien Schriftsteller Instanzen öffentlicher Moral. Als wären ihre Worte wie der Beschluss eines Konzils, den zu befolgen oberstes Gebot ist. Man muss einmal darauf achten. Kaum eine politische Rede, in der nicht ein Schriftsteller zitiert wird.

Schriftsteller sprechen, das glaubt man ihnen zumindest, im Namen der Literatur. Ist jedoch ein Text durchdrungen von einer politischen Botschaft, dann ist das wie schlecht gewordene Milch. Noch bevor man sie geschluckt hat, spuckt man es aus. Der Leser merkt sofort, ob ein Text mit einer Message kontaminiert ist.

Schriftsteller imaginieren in ihren Texten Orte und Beziehungen, wie es ihnen passt und nicht den Herrschenden. Das macht sie zu Ideengebern einer anderen Welt. In China, Russland, Ungarn und der Türkei ist das in den Augen der Regierenden nichts, was man dulden kann. Und trotzdem schreibt der Autor weiter. Man nimmt der Literatur also ihre guten Absichten ab. Denn da, wo Freiheit beschnitten wird, gehören die Künstler zu jener Gruppe, die als erste in die Gefängnisse wandert. Man lernt: Lieber landet einer hinter Gittern, als nicht zu schreiben. Weil Schreiben offenbar aus Notwendigkeit geschieht und ohne Bestechlichkeit.

Der Autor neigt nicht zur Vernetzung. Er schreibt alleine. Abgeschirmt, aber niemals weltabgewandt. Was aber, wenn er auf andere Schriftsteller trifft? Wie jüngst in der Europäischen Schriftstellerkonferenz in Berlin, wo sich 30 Autoren aus 30 Ländern unter dem Motto "Grenzen Nieder Schreiben" trafen, um über Sprache und Literatur in Zeiten von Krisen zu sprechen. Heraus kam, dass die Autoren sehr wohl spüren, dass die Öffentlichkeit erwartet, dass sie sich positionieren. Aber nichts widerstrebt ihnen so sehr, wie die Manipulation am eigenen Text, um in die Debatte einzugreifen und gegenzulenken. So etwas wäre Literatur im Namen der Propaganda.

Gleichzeitig beobachten Schriftsteller, wie Sprache zu einer Waffe wird. Wenn das Boot wieder voll wird, der Flüchtling ein potenzieller Terrorist ist, wenn Länder zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden und sich niemand traut zu sagen, wir wollen das Asyl vollständig abschaffen und stattdessen von ungünstigen Bleibeperspektiven faselt. Als handele es sich um eine soundso viel prozentige Regenwahrscheinlichkeit.

In vielen europäischen Zeitungen, Magazinen und Blogs kann man verfolgen, wie Autoren versuchen, die Sprache zu retten, indem sie die Begriffe zurechtrücken. Dann wieder beobachtet man, dass ein Schriftsteller nicht mehr in der Presse publiziert, schreibt ihn an und erkundigt sich nach seinem Befinden und erfährt: Ziehe mich zurück aus der Öffentlichkeit. Brauche Zeit zum Denken und Schreiben. Und dann fällt es einem wieder auf. Politiker kommen konsequent ohne diese Ruhephasen aus. Glauben sie zumindest.

Fontane ging es nicht um Flaubert

Die politischen Interventionen der Schriftsteller tun der Öffentlichkeit aus einem bestimmten Grund gut. Die politischen Diskurse dürfen keinesfalls nur zwischen Politikern und Wählern geführt werden. Die Partei spricht immer ihren Dachdecker und ihre alleinerziehende Mutter an. Für den Schriftsteller ist seine Leserschaft erst einmal parteilos. Spricht eine Partei aus der Opposition oder der parteipolitischen Konkurrenz heraus, muss sie das immer aus Kalkül tun. Jede Rede ist eine Reaktion auf eine andere Rede, wohingegen Effi Briest nie eine Reaktion auf Madame Bovary war. Wenn Volker Kauder von der CDU herumtönt, dass Muslime zu Deutschland gehören, der Islam aber nicht, dann geschieht das nicht aus Überzeugung. Sondern als Reaktion auf die AfD, ihr Parteiprogramm und der Aussicht auf Wählerstimmen. Fontane ging es nie darum, Flauberts Leserschaft zu erobern.

"Der Islam gehört zu Deutschland" ist ein Satz, den kein Schriftsteller schreiben würde.

Denn er hat keinerlei Bedeutung. Bewirkt nichts. Ist völlig stupide. Sinnentleert. Er ermüdet. Selbst die Muslime erkennen sich in den Islam-gehört-zu-Deutschland-Sätzen der Opposition nicht wieder. Weil sie spüren, dass da etwas in Gang ist, was nichts mit ihnen zu tun hat. Der Rassismus gehört zu Deutschland, wäre ein Satz, der zu diskutieren in vielerlei Hinsicht fruchtbarer wäre. Aber Volker Kauder und seine CDU ertrinken wegen ihres Mangels an Denkräumen.