Jetzt hat Berlin sogar Karl Friedrich Schinkel geschafft, den heiß verehrten Säulenheiligen der preußischen Architektur. Eines seiner Hauptwerke, die Friedrichswerdersche Kirche in Berlins Mitte, zerbricht. In dem Gebäude sind nicht zum ersten Mal Risse aufgetaucht.

Offenbar wurden sie verursacht durch den Bau einer zweigeschossigen Tiefgarage, die für einen neuen Luxuswohnblock direkt neben der Kirche angelegt wird. Nach dem ersten Schock war der Schuldige schnell gefunden: Hauptverantwortlich sei der schwierige Berliner Baugrund. Allerdings ist der schon seit einigen Jahrhunderten bekannt und hat seine Permeabilität jüngst auch nicht weiter gesteigert.

Nein, tatsächlich ist die berühmte Berliner Schinkel-Kirche Opfer einer "neuen Gründerzeit", wie der aktuelle Wachstumsrausch von einigen Politikern stolz genannt wird – ungeachtet dessen, wie rücksichtslos die alte Gründerzeit in Wahrheit war. Es ist bemerkenswert, mit welcher kaltblütigen Gelassenheit die politisch Verantwortlichen bislang auf die Katastrophe reagiert haben. Während hundert Meter weiter historische Fassaden und Bauformen des Berliner Stadtschlosses rekonstruiert werden, erfährt die tatsächlich historische Kirche wenig Mitleid.

Historische Bauten haben keine Lobby

Die historische Mitte der Hauptstadt wird ohne Konzept und Kontrolle Investoren überlassen. Der Protest der Stadtplaner und Architekten gegen diese Politik bleibt hilflos, denn diese sind mit einem kuriosen Erbstreit beschäftigt: Im Jahr 1999 hatte der Architekt Hans Stimmann ein "Planwerk Innenstadt Berlin" vorgelegt, das im Umfeld der Kirche eine Rekonstruktion von Bauten vorsah, deren Lage und Dimension sich an den Verhältnissen vor der Kriegszerstörung orientierte. Demzufolge sollten zahlreiche neue Gebäude errichtet werden, denn im alten Berlin war die Kirche völlig eingebaut. Allerdings waren die früheren Bauten erstens nicht besonders hoch und hatten zweitens keine Tiefgaragen.

Gegen die Rekonstruierer formierte sich schnell eine Front der Freihalter, die dafür eintraten, die durch Krieg und DDR-Städtebau frei geräumten Flächen zu bewahren. Am Ende verloren beide: Stimmanns Konzept musste schließlich als Grundlage für ein Investorenkonzept herhalten, das den Glanz der historischen Mitte einerseits zu Geld macht, ihn aber andererseits beschädigt. 

Geschichte wird instrumentalisiert

Ist also der Investor schuld? Die beteiligten Architekten und Stadtplaner? Die Politik? Ganz so einfach ist es nicht. Investoren wie Architekten handeln in einem gesellschaftlichen Klima, in dem historische Bauten nur wenig wert sind. An dieser kulturellen Entwertung des alten Berlins waren Architekten und Stadtplaner nicht ganz unbeteiligt. Nicht wegen ihrer mangelnden Entschiedenheit, sondern weil sie sich in einem jahrzehntelangen, unseligen Lagerkampf aufrieben, während die Berliner Politik immer wieder historische Bauwerke opferte.

Die Friedrichswerdersche Kirche ist nicht der einzige Schauplatz in diesem Kulturkampf. Aber sie ist ein Symbol für den Streit zwischen Rekonstruierern und Freihaltern. In diesem Disput, den die übrige Stadt mit einem Kopfschütteln oder gar nicht zur Kenntnis nimmt, setzt sich die Fachwelt selbst außer Gefecht.

Ihre Argumente zählen nicht mehr, die Leute mit den interessantesten Ideen paralysieren sich gegenseitig. Geschichte wird instrumentalisiert, beliebig, austauschbar. Auf diese Weise werden die historischen Gebäude, auf deren Bewahrung sich eigentlich alle einigen könnten, überhaupt erst angreifbar. Sie sind den Verwertungsinteressen schutzlos ausgeliefert. 

Harmlose Kritiker

Die Risse in der Schinkel-Kirche sind eine deutliche Warnung. Nachdem in dieser Geschichte bisher alle Beteiligten versagt haben, sollten Architekten und Stadtplaner spätestens jetzt ihr Lagerdenken vorübergehend zurückstellen. Damit gemeinsamer Druck aufgebaut werden kann und sich die Fachleute nicht als harmlose Kritiker erweisen, die man am besten ignoriert. Private Investoren werden historische Gebäude erst dann respektieren, wenn sie einen gesellschaftlichen Wert haben – schon in eigenem Interesse, um nicht am Pranger zu landen.

Vielleicht kann sich die Fachwelt im nächsten Schritt sogar auf eine Vision für die Stadt der Zukunft einigen und sich dafür einsetzen, dass zum Beispiel die autogerechte Stadt wenigstens in der Mitte überwunden wird. Dann lösen sich einige Probleme möglicherweise von allein, dann braucht nicht mehr jedes neue Stadthaus eine Tiefgarage.