Theater ist, es wird immer wieder gern durch Zahlen belegt, eine Nischenkunst. Mit Museen, Kinos oder Konzerten kann es nicht mithalten. Und doch – vielleicht gerade deswegen – sehnt es sich nach Relevanz. Theaterschaffende landauf, landab versuchen derzeit, ihren Zuschauer*innen zu beweisen, dass sie mit beiden Beinen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit stehen. Sie erzählen von Flüchtlingen und dem arabischen Frühling, von Extremismus, Rassismus, Kapitalismus, Tschernobyl, Gentrifizierung, Cybergefahren und internationalen Krisenherden.

Ich sehe mir das alles an und frage mich: Kann es sein, dass das Theater seine Eigenständigkeit verliert? Dass es klein beigibt vor all jenen, die – nicht zuletzt des öffentlichen Geldes wegen – Rechtfertigungsdruck ausüben und Relevanz einfordern? Kritisch müsse das Theater sein und gegenwartsnah, fordern Politik und Kritik. Doch das Ergebnis ist ein Strebertheater, in dem konsensfähig reproduziert wird, was mediale und öffentliche Diskurse gerade als real und wesentlich empfinden. Ein Theater, in dem kaum noch gesucht, sondern immer gleich schon gefunden wird.

Esther Boldt arbeitet als Autorin, Tanz- und Theaterkritikerin für Medien wie "Theater heute", "tanz Zeitschrift" und den Hessischen Rundfunk und als Redakteurin bei "Nachtkritik". Sie ist Jurorin bei den Autorentagen am Deutschen Theater und Gastautorin von "10nach8".

Zum Beispiel Die Netzwelt, ein Erfolgsstück von Jennifer Haley, derzeit in Hamburg und Frankfurt zu sehen. Das Stück spielt in einer nahen Zukunft, in der das Internet sich zur Netzwelt weiterentwickelt hat und Nutzer*innen beziehungsweise ihre Avatare fühlen, riechen und schmecken können. Dabei geht es um die Frage, ob Verbrechen, die im virtuellen Raum stattfinden, in der Realwelt juristisch geahndet werden dürfen oder nicht, ob also unsere Fantasie angezäumt gehört oder ob sie sich austoben darf.

Kein Raum für Imagination

Keine uninteressanten Fragen, die sich jedoch vor glitzernder Debattenkulisse verlieren. Ich muss an William Gibsons Sci-Fi-Klassiker Neuromancer denken, der 1984 das Sichverlieren in den digitalen Existenzen einer schönen neuen Welt schillernd, verführerisch und aufregend beschrieb. Denn er traute sich etwas, was heute im Theater geradezu ungeheuerlich erscheint: Er erfand eine eigene Welt. Eine Welt, deren utopischer Gehalt nicht darin lag, dass der Kognak dort köstlich real schmeckte und der Wald sich verblüffend echt anfühlte. Sondern eine, in der ein Konsolencowboy durch die schillernde Matrix glitt, um Firmen zu hacken, bunt, brutal, fremd-vertraut, voller Drogen, Cyberpunks und anderer Outlaws.

Ein anderes Beispiel ist Not Punk, Pololo des Regieduos Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen. Ihre Performance ist gezeichnet von der Sehnsucht nach Straße – nach dem Dreckigen, Lauten und Wilden, das in den bürgerlichen Raum des Theaters drängt. Vier Musiker und neun Tänzer*innen veranstalten hier einen durchaus unterhaltsamen Clubabend mit fetter, basshaltiger Musik, sie zelebrieren den ivorischen Streetstyle Coupé Decalé, samt Techno, Punk und Voguing. 

Entorten, verstören

Doch es reicht ihnen nicht, diese Pop- und Subkulturen im Theaterkontext aus- und darzustellen, die Tänzer*innen müssen über sie sprechen, um ihre freiheitsschaffenden, subversiven Kräfte zu beschwören. Bei aller Lässigkeit in Hüften und Schultergürteln bleibt dabei kein Raum für Imaginationen, es gibt keine Lücken, keine Abwesenheiten. Alles wird ordentlich ausbuchstabiert, abgedichtet und oberflächenbehandelt. Die Party gehört diskursiv unterfüttert, und ich als Zuschauerin gehöre ordentlich belehrt.

Was für ein geiziges Theater! Es produziert keine Reste, keine Überschüsse. Es verschenkt nichts, es öffnet nichts, es weiß bereits alles selbst. Aber war nicht die Ambivalenz, die Vieldeutigkeit einmal das Wesen moderner westlicher Kunst? War es nicht einmal ihre Rolle, sich der vermeintlichen Realität zu widersetzen und "die Fiktion einer anders funktionierenden Welt" (Nicolas Bourriaud) zu erzeugen, indem sie ästhetische Reibungsflächen schuf, die entorteten, verstörten und irritierten? Die mit etwas konfrontierten, das sich nicht auf den ersten Blick erschloss, das sich nicht mit Alltagserfahrung deckte, das sich nicht auf den Begriff bringen ließ? Dieser Eigensinn wird dem Theater gegenwärtig gründlich ausgetrieben. Anstatt in einer höchst komplexen Gegenwart Anschluss- und Reflexionsmöglichkeiten zu eröffnen, scheint es primär darum zu gehen, möglichen Missverständnissen vorzubeugen und alles richtig zu machen. Wobei natürlich am erstaunlichsten ist, dass es das im Theater des 21. Jahrhunderts geben soll: das Richtige.

Ginge es nicht vielmehr darum, vermeintliche Gewissheiten zu befragen – und mit ihnen auch das Zustandekommen eines öffentlichen Konsenses? Das Theater ist ein Ort, der eine besondere Öffentlichkeit schafft, ein Ort der "schweren Körper" und der "realen Versammlung" (Hans-Thies Lehmann), ein Ort, an dem die Rezeption und Produktion von Kunst zugleich stattfinden. Als solcher könnte es seine ureigenen Potenziale wiederentdecken, Öffentlichkeit herzustellen, diese zu hinterfragen und mit ihr beispielsweise auch jene vorherrschenden Mediendiskurse, die zurzeit weitgehend fraglos als fortlaufende Behauptung von Gegenwart akzeptiert werden. Wo Erregung zum omnipräsenten Gestus geworden ist und "Empört euch!" zur erfolgreichen Formel, da könnte das Theater intervenieren, indem es andere Formen von Kritik erprobt. Indem es tatsächlich eine Gegenöffentlichkeit schafft und fragt, was Kritik eigentlich ist, aus welcher Perspektive sie geübt wird – und mit welchem Ziel. Und unversehens könnte es werden, wonach es sich am meisten sehnt: relevant.