In diesen Tagen des Irrsinns, in denen man nicht mehr weiß, wie lange es das Vereinigte Königreich noch gibt, was Demokratie ist und was Europa, folgt man atemlos den Mädchen. Besonders den sozialen Mädchen. "Mädchen" sind in Pegida-Dresden die Medien, meistens geht es um Lügenmädchen. Sie sind an allem schuld.

Newsflash auf Twitter: Die machen Brexit gar nicht, die ziehen das nicht durch, das würde zu weh tun. (Angeblich Guardian.) Eine Facebook-Freundin postet, dass die U-Bahnen in London noch fahren. Beatrix von Storch flaggt derweil "Independence Day". Weiß sie, dass Will Smith kein Weißer ist?

Newsflash der Onlinemedien: Politische Führung Großbritanniens über das Wochenende plötzlich verschwunden. Donnernde Stille. Am frühen Montagmorgen erklärt Boris Johnson: Das Pfund ist stabil. Sofort stürzt das Pfund ab. Fährt die U-Bahn in London? Facebook schweigt. Nach ein paar Stunden steht Johnson schon wieder vor der Kamera und erklärt, dass auch nach dem Brexit alle immer ihre Schokolade bekommen werden. Das ist die Raserei des Unpolitischen als Groteske. Es nicht mehr komisch.

Boris Johnson ist genauso alt wie ich. Nigel Farage ist genauso alt wie ich. Weiße Männer meines Jahrgangs zerstören die Welt, einfach nur so. Die Zeitung Die Welt erklärt am 27. Juni, dass die Jungen die Gelackmeierten des Brexit sind, dass sie aber auch selbst Schuld haben. Twitter wusste schon am 24. Juni, dass die Jungen die Gelackmeierten des Brexit sind. Am selben Tag schrieb Mathias Müller von Blumencron (56) in der Onlineausgabe der FAZ, dass die Jungen die Gelackmeierten des Brexit sind, dass sie aber auch selbst Schuld haben. Am 25. Juni schrieb Wolfgang Gründinger (32) auf ZEIT ONLINE, dass "wir" Jungen die Gelackmeierten des Brexit sind, dass "wir" aber auch selbst Schuld haben. Bei Müller von Blumencron haben die Jungen selbst Schuld, weil sie zu viel Snapchat machen. Bei Wolfgang Gründinger haben "wir" Jungen selbst Schuld, weil "wir" zu viel auf Facebook waren.

"Du hast doch selbst Schuld" ist in der politischen Auseinandersetzung ein Standard-Bitch-Move, mit dem man einem potenziellen politischen Gegner das Recht absprechen will, Forderungen zu stellen. Wer sich das anzieht und freiwillig in die Selbst-Schuld-Falle springt, hat dann politisch nicht mehr viel zu wollen. "Wir Jungen waren in unserer Filterblase gefangen", schreibt Wolfgang Gründinger. Und "ihr" hattet wirklich selbst Schuld? Wer hat "euch" die Filterblase denn aufgeblasen und warum? Wer hat ein politisches Interesse daran, dass "ihr" in eurer Filterblase hockt? Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, waren die Herren des Internets von heute, das dessen Erfinder Tim Berners-Lee gerade für "kaputt" erklärt hat, eher so alt wie Mathias Müller von Blumencron, Nigel Farage und ich. Oder noch älter. So könnte man politisch argumentieren, wenn man sich traut.

Aber das Unpolitische rast immer und überall. Newsflash von vorvorgestern: Die Bundeskanzlerin spricht! Am 24. Juni um 12.42 Uhr twittert die Tagesschau aus Angela Merkels Erklärung: "Nur gemeinsam werden wir unsere Werte wie Freiheit und Rechtsstaatlichkeit (…) im globalen Wettbewerb weiter behaupten können."

Wie eine Klospülung

Wie schön das klingt und wie beruhigend. Merkel will das Gute, die Einheit Europas, sie will Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Man muss dafür sein. Erst wenn man genauer liest, sieht man in dem Statement den Irrwitz. Denn es gibt gar keinen globalen Wettbewerb der Werte. Es gibt keinen Weltmarkt der Grundwerte, auf dem unsere sich behaupten müssten wie Dr. Oetkers Götterspeise oder unsere Nationalmannschaft bei der EM. Angela Merkel aber stellt den "globalen Wettbewerb" in diesem Satz wie eine geradezu religiös gesetzte Kontrollinstanz über Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Und das ist eigentlich ein erstaunliches Politikum an diesem vor Politika platzenden Tag nach dem Referendum, an dem wir vor allem schön beruhigt werden möchten, zum Beispiel durch die Art unpolitischer, entpolitisierender Rede, deren Meisterin die Bundeskanzlerin ist.

Entpolitisierung ist wie eine Klospülung: Einmal auf die Taste drücken und in einem hypnotischen Wirbel verschwindet alles, was uns nervös macht. Warum finden wir das Politische igitt? Wenn wir keinen erkennbaren politischen Standpunkt mehr beziehen, wenn wir allen Konflikten ausweichen, wenn wir uns nur noch taktisch verhalten, wenn wir alle nur noch miteinander sprechen wie Kaufleute, die ja keinen Kunden vergraulen wollen, ist Democracy over. Ohne offene Gegnerschaft kann es keine Demokratie geben.

Trotzdem lernen wir von ganz oben, von der politischen Spitze her, eine Sprache, die von Gummersbach bis Guangzhou keinen Anstoß erregt. Die überhaupt niemanden erregt. Die sich völlig unangreifbar macht und in diese Unangreifbarkeit wie aus Versehen kleine politische Schocker einstreut. Während ganz unten eine Dauererregung tobt, angestachelt von Boris Johnson und Nigel Farage, von Beatrix von Storch und Norbert Hofer. Ein entfesseltes Wüten, das nicht mehr nur schäumt, sondern inzwischen auch um sich schießt. Oben regiert der aus politischem Kalkül gesetzte unpolitische Ton, unten rast der leere unpolitische Wahn, bis er politisch wird. Beide spielen einander in die Hände. Im Brexit haben beide Seiten einander benutzt. Wir haben natürlich selbst Schuld.