Nigel Farage von der englischen Partei Ukip sprach am Dienstag nach dem Brexit-Votum zur Sondersitzung im Europaparlament. Er begann seine Rede nicht mit Europa oder seinem Land oder seinem Volk oder seiner Partei. Nein, er begann mit einem persönlichen Statement über sich, den Abgeordneten des Europäischen Parlaments:

Abgeordneter Farage: Witzig, oder?

Europäisches Parlament: No, no! No, it isn't. Not at all!

(Pfiffe, Raunen, Schreien)

Abgeordneter Farage (in den Tumult hinein): Ich danke für diesen warmherzigen Empfang.

Martin Schulz (Präsident des Parlaments): Meine Damen, meine Herren, eine große Errungenschaft der Demokratie ist es zuzuhören, auch wenn man anderer Meinung ist.

Abgeordneter Farage: Vielen Dank, Mr Schulz. Ist es nicht lustig? Als ich vor 17 Jahren hier anfing und sagte, dass ich dafür bin, dass Großbritannien die EU verlässt, haben Sie mich alle ausgelacht. Jetzt ist Ihnen das Lachen vergangen, nicht wahr?

Wer so spricht, ist kein Mandatsträger, kein Parlamentarier, kein einfacher Stimmberechtigter einer politischen Partei. Nein, so spricht ein Kämpfer. Ein einsamer Rufer in der Wüste. Ein Märtyrer. Einer, der der Lächerlichkeit preisgegeben wurde und sich all die Jahre hat auslachen und auspfeifen lassen. Aber nun steht er da und genießt und kostet seinen Erfolg aus. Bescheidenheit, understatement, die Grundzutat eines englischen Gentlemans, ist eine Tugend eines vergangenen, alten Britanniens. Jetzt ist eine neue Ära angebrochen.

Warum ist es wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, was Ukip-Chef Nigel Farage sagt, denkt und fordert? Weil er es ist, der seit 25 Jahren in England für diese Politik kämpft. Eine Politik gegen die Europäische Union. Er ist die Hebamme des Brexit-Babys. Seine Masche: populistisch, albern, erfolgreich.

Kaum alphabetisiert landete er bei den Tories. Mehr Establishment geht wirklich nicht. Trotzdem ist er natürlich immer einer aus dem Volk und die anderen sind "die Politiker". Wuästminster Äsdabbelju-Wuan-ey, wie er das Parlament mit der Adresse Westminster SW1A immer nennt, hat in seinen Augen die Verbindung zu "den Leuten" verloren. Auf seiner Leitung besteht natürlich nie eine Störung, sie ist stets Wuan-ey.

Schon Farage Senior hat als Börsenmakler gearbeitet. Und auch Nigel Farage hat sein Geld mit Investmentkram bei Banken gemacht. Trotzdem ist er gegen die big banks und für einen bank holiday. Unter Umständen wird es in Großbritannien bald mehr bank holiday geben als den Brexit-Befürwortern lieb ist. Widersprüche sind für Rechtspopulisten wie Gleitmittel. Damit schlittert es sich schön glitschig gut durch das Reich der Irrationalität. Jetzt wo mit knapper Mehrheit für den Brexit gestimmt wurde, meint Farage, dass das Votum nicht nur politisch, sondern auch rechtlich bindend sei. Vor gar nicht langer Zeit meinte er das Gegenteil. Darauf angesprochen, was wäre, wenn eine knappe Mehrheit gegen den Brexit stimmen würde, befand er, dass für ihn nur eine Zweidrittelmehrheit zähle.

"Eure besten Freunde in der Welt"

In dieser ersten Rede zur Sondersitzung im Europäischen Parlament schob er das Ergebnis des Votums auf Angela Merkel. Das ist ja jetzt schwer in Mode. Angela Merkel ist in den Augen sämtlicher europäischer Nationalisten verantwortlich für einfach alles. Wahrscheinlich ist es eine Frage der Zeit bis man sie auch für den Klimawandel und VW-Abgasskandal zur Verantwortung ziehen wird. Sie hätte, so Farage, die Flüchtlinge eingeladen mit den Worten, dass so viele wie möglich kommen sollen.

Selbst wenn Angela Merkel jeden einzelnen Flüchtling, der letztes Jahr Europa erreichte, persönlich abgeholt und auf unseren Kontinent geholt haben sollte, fragt man sich, was sie vor 25 Jahren denn Schlimmes verbrach. So lange kämpft Farage schon für den Brexit. Sein damaliger Parteichef John Major trieb mit seinem europafreundlichen Kurs den verzweifelten Farage aus der Partei. Da war Merkel im Kabinett Kohl Ministerin für Familie und Jugend. Farage kündigte noch etwas an. Er versprach der Europäischen Union nach dem Ausstieg Großbritanniens weiterhin mit der EU-Handel zu treiben, Verträge zu vereinbaren und überhaupt "eure besten Freunde in der Welt zu sein". Er hat mit wenigen Worten beschrieben, was die EU ist.

Wie gesagt. Es ist wirklich zwecklos, den Aussagen von Europagegnern auf den Grund zu gehen. Eher trifft man auf eine Wasserader als auf Logik.

Nigel Farage hat so recht! So viele haben über die Nationalisten gelacht. Über Farage, über Le Pen, über Orbán, über Petry, über all diese Gestalten, die die Demokratie nur für ihre Zwecke missbrauchen. Sie machen das mit viel Schirm, Charme und Melone. Sie sitzen dort, um die Demokratie abzuschaffen. Noch eine kleine Note am Rand: Bis zum Ergebnis der Brexit-Entscheidung haben die Bildredaktionen der Medien sich darin überboten, Fotos von Farage zu veröffentlichen, in denen der Fotograf ihn in einem Moment festhielt, wo er bei Lachen den Mund weit aufriss. Die Bildsprache sollte sagen: Schaut her, ein Wahnsinniger, nicht ganz dicht. Seit der Brexit-Entscheidung sieht man nur noch Fotos mit geschlossenem Mund und seriösem Gesichtsausdruck. Denn sie meinen es ernst. Angefangen von Farage bis Trump.

Jean-Claude Juncker - "Man darf die Nationen nicht den Nationalisten überlassen" Nach dem Brexit-Referendum hat EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker von London den raschen Start des Austrittsprozesses gefordert. Vor dem EU-Parlament in Brüssel griff er auch Brexit-Befürworter Nigel Farage an.