ZEIT ONLINE: Sie werden als erste Frau ein Europameisterschaftsspiel im Männerfußball kommentieren: Wales-Slowakei. Was kann man Spannendes über diese Partie erzählen?

Claudia Neumann: Zwei Neulingen zuzuschauen ist auf jeden Fall spannend. Der Sieger hat immerhin gute Chancen aufs Achtelfinale. Außerdem spielt in jeder Mannschaft ein Superstar mit. Gareth Bale für Wales und Marek Hamšík für die Slowakei. 

ZEIT ONLINE: Wie bereiten Sie sich auf die Partie vor?

Claudia Neumann: Ich habe einige Testspiele der Teams gesehen und recherchiere natürlich im Internet. Meine Aufgabe liegt dann darin, die Informationen auf das Wichtigste zu reduzieren. Ich sammle und überlege, was in welcher Spielsituation nützlich sein könnte und erzähle möglichst das, was nicht schon jeder gehört oder gelesen hat. 

ZEIT ONLINE: Als Sie 2011 die Frauenfußball-WM kommentiert haben, sagten Sie, Frauenfußball sei eine andere Sportart als Männerfußball.

Claudia Neumann: Die Seele des Spiels ist dieselbe. Für den Zuschauer ist es jedoch etwas anderes.  Niemand muss Frauenfußball mögen und ja, jedes hochklassige Frauenfußballspiel ist ein schlechtes Spiel im Vergleich zum Männerfußball.

ZEIT ONLINE: Sie haben selbst lange Fußball gespielt. Ist das fürs Kommentieren wichtig?

Claudia Neumann: Ich dachte sogar, es sei unerlässlich. Bei einigen Kollegen ist das allerdings nicht der Fall. Es geht also auch ohne Bolzplatzgekicke. Eine Frau sollte diese Erfahrung dennoch gemacht haben. Sonst ist die Glaubwürdigkeit einfach nicht da.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie zu Beginn Ihrer Karriere das Gefühl, Sie müssten sich mehr beweisen als Ihre männlichen Kollegen?

Claudia Neumann: Nein, ich habe mich immer anerkannt und gleichberechtigt gefühlt.

"Mein Zimmer habe ich mit Postern tapeziert"

ZEIT ONLINE: Ging es bei Ihnen zu Hause auch vor allem um Fußball?

Claudia Neumann: Oh ja, Fußball war bei uns immer ein Riesenthema, mein Zimmer habe ich mit Postern tapeziert. Lief eine WM oder EM, war Ausnahmezustand angesagt.

ZEIT ONLINE: Müssen Fußballkommentatoren so viele Phrasen dreschen?

Claudia Neumann: Dafür müsste der Begriff Phrase zunächst definiert werden.

ZEIT ONLINE: Wie wäre es mit: "Es ist ein gegenseitiges Abtasten in einem umkämpften Spiel, doch dann kommt der humorlose Abschluss des Kraftpakets Bale"?

Claudia Neumann: Ich werde versuchen, nicht die Dinge zu sagen, die jeder sagt, aber versprechen kann ich es nicht. In einer Zeit, in der jeden Tag Live-Fußball läuft, können sich Begriffe schnell verbrauchen.

"Über Fußball kann man sich ja den ganzen Tag streiten"

ZEIT ONLINE: Sehnt sich der Fußballfan vielleicht sogar nach Phrasen?

Claudia Neumann: Phrasen sind jedenfalls nicht das größte Problem. Den Zuschauer regen ganz andere Sachen auf.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Claudia Neumann: Ganz einfach: Wenn ein Kommentator eine Spielsituation interpretiert und er anderer Meinung ist. Wenn der Zuschauer sich bevormundet fühlt. Über Fußball kann man sich ja den ganzen Tag streiten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon einmal eine Situation komplett falsch eingeschätzt?

Claudia Neumann: Ich habe immer etwas an meinen Kommentaren auszusetzen. Gelegentlich finde ich eine Formulierung zu kompliziert, bin sprachlich unklar, oder nutze eben eine Phrase. An große Fehleinschätzungen kann ich mich gerade nicht erinnern. Kleinere Fehler, dass man zum Beispiel einen Spieler verwechselt, sind unumgänglich. Es gibt auch Mannschaften und Spieler, die man schlichtweg kaum kennt. Die Fußballspielerinnen von Costa Rica und Südkorea habe ich einmal in meinem Leben gesehen, nämlich dann, als ich ihre Begegnung bei der Frauen-WM 2015 kommentiert habe. Fehler sind unvermeidbar und es ist immer gut, wenn man sie dann selbst korrigiert.