ZEIT ONLINE: Wie lange dürfen Sie während eines Spiels still sein?

Claudia Neumann: Die Zuschauer haben ein Bild, das müssen wir Kommentatoren uns immer bewusst machen. Natürlich dürfen wir schweigen, ich glaube sogar, wir dürften viel mehr schweigen. Auch wenn es sich komisch anfühlt, da zu sitzen und nichts zu sagen.

ZEIT ONLINE: Muss ein Kommentator bei Länderspielen vorsichtiger sein?

Claudia Neumann: Ein Großteil der Zuschauer definiert den Kommentator über seine Emotionalität. Da gibt es allerdings auch Unterschiede zwischen Privatfernsehen und öffentlich-rechtlichem Fernsehen.

ZEIT ONLINE: Welche?

Claudia Neumann: Beim Privatfernsehen spielt der Unterhaltungsfaktor eine größere Rolle. Als ich bei ran war, wurde gerade ein neuer Stil entwickelt. Es ging darum, Fußball anders rüberzubringen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen hat man damals verlacht, was wir bei Sat.1 gemacht haben. 

"Die Emotionalität der Reporter wird immer wichtiger"

ZEIT ONLINE: Was genau?

Claudia Neumann: Schnitte auf die Tribüne, Reaktionen einfangen, es gab sogar eine Phase, in der die Spielerfrauen häufig eingeblendet wurden. Ein Unterhaltungsprodukt wurde inszeniert.

ZEIT ONLINE: Hat die Emotionalisierung des Fußballs auch das Kommentieren verändert?

Claudia Neumann: Die Emotionalität der Reporter wird jedenfalls immer wichtiger. Bei Olympia kriegen die Zuschauer Gänsehaut, wenn der Reporter den 100-Meter-Läufer ins Ziel brüllt. Der Zeitgeist verändert sich gelegentlich. Hören Sie sich mal die reduzierten, vergleichsweise nüchtern-sachlichen Kommentare der achtziger Jahre an, das macht heute keiner mehr so.

ZEIT ONLINE: Außer Wales-Slowakei kommentieren Sie noch die Partie Italien-Schweden. Wie schätzen Sie die Italiener ein?

Claudia Neumann: Ich habe sie beim Testspiel gegen Deutschland gesehen, da hatten sie einen richtig schlechten Auftritt. Italien ist eine große Fußballnation und Turniermannschaft, trotzdem tue ich mich schwer zu glauben, dass sie den Hebel umlegen und plötzlich Mitfavorit sind. Ausschließen kann man das natürlich nicht, ich bin selbst gespannt.

ZEIT ONLINE: Erklären Sie dem Zuschauer das italienische 3-5-2-System?

Claudia Neumann: Wenn der Zuschauer gut sieht, wie die Außenverteidiger bei Ballbesitz des Gegners einrücken und die drei Zentralen stärken, kann man das natürlich wunderbar erklären.

ZEIT ONLINE: Freuen Sie sich auf Zlatan Ibrahimović?

Claudia Neumann: Der ist irre. Irre im besten Sinn des Wortes. Auf und neben dem Platz eine Figur, die für Journalisten und Fans ein Geschenk ist. Was er mit Gesten und Körpersprache während eines Spiels ausrichten kann, ist in einer eher durchschnittlichen schwedischen Mannschaft schon sehr auffällig. Ibrahimović hat sich in dem Mediengeschäft Fußball eingerichtet, er ist seine eigene Marke und macht nur, was er will. Insgeheim lacht er wahrscheinlich über sich selbst.

"Ich mag den Pathos der britischen Teams"

ZEIT ONLINE: Sie kommentieren nur diese beiden Spiele, warum?

Claudia Neumann: Es war die Idee des Senders, eine Frau, der man es zutraut, zur EM zu schicken. Das haben sich meine Chefs so ausgedacht und damit bin ich sehr zufrieden. Das ganze Gerede, ob ich nun noch ein Spiel verdient gehabt hätte, oder ob die Zuschauer nach den Spielen erlöst sind, will ich nicht hören.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie mit Kritik um?

Claudia Neumann: Kritik ist jederzeit willkommen, inhaltsleere Beschimpfungen nehme ich nicht ernst. Wenn jemand aber sagt: "Ne, ne, eine Frauenstimme möchte ich beim Fußball nicht", dann kann ich das Spiel nicht gewinnen. Wer es nicht mag, der mag es nicht.

ZEIT ONLINE: Auf welche Mannschaften freuen Sie sich bei der EM am meisten?

Claudia Neumann: Ich sehe auch gerne kleinere Nationen, die mit Kampfgeist und Leidenschaft den Großen ein Bein stellen wollen. Außerdem mag ich den Pathos der britischen Teams: nicht enden wollende Gesänge von den Rängen trotz Niederlage, wunderbar!

ZEIT ONLINE: Was machen Sie eigentlich in der Halbzeitpause?

Claudia Neumann: Wenn es irgendwie geht, Pipi.