Am Abend des Spiels Deutschland gegen die Ukraine in einer willkürlich ausgewählten Bar in Montmartre: Vor dem Bildschirm versammeln sich Engländer, Iren, Schweden, Franzosen und einige andere mehr. Draußen regnet es, die Bar ist überfüllt, so genau kann man es nicht erkennen. Sicher ist allerdings, dass an diesem Abend etwas sehr Europäisches vor sich geht: All diese Männer verbringen den größten Teil des Spiels damit, sich erstens übereinander lustig zu machen und zweitens zu hoffen, dass Deutschland verliert. Die Abneigung untereinander, die eigentlich nur noch von der gemeinsamen Abneigung den Deutschen gegenüber übertroffen wird, hält nicht nur diese Bar zusammen. Wahrscheinlich hält sie ganz Europa zusammen.

Vor der EM hatte es ja die Hoffnung gegeben, das Turnier könne in turbulenten Zeiten ein europäisches Versöhnungsfest werden, und in gewisser Weise erfüllt sich diese Hoffnung ja auch. Es gibt nur unterschiedliche Versionen von Völkerfreundschaft: Wenn also englische Hools, russische Hools und Olympique Marseille-Ultras in ein und derselben Innenstadt aufeinandertreffen, kann man es der französischen Polizei auch als Gastfreundschaft auslegen, dass sie die Schlägereien nur halbherzig unterbindet und die ganze Szenerie ohne nationale Vorurteile gleichmäßig in Tränengas hüllt.

Es sind ja gerade diese drei Länder – England, Frankreich, Russland –, in denen die Hooligan-Kultur ihre wichtigsten Werke hergestellt hat: In England hat 1988 der Film The Firm mit Gary Oldman die geregelte Körperverletzung als Katharsis für den entfremdeten Berufsalltag des durchschnittlichen Büroarbeiters ins Spiel gebracht. In Frankreich hat Romain Gavras in dem Justice-Musikvideo Stress 2008 eine Ästhetik der Wut aufgegriffen und zugespitzt, während gleichzeitig der französische Künstler Cyprien Gaillard seine Schlachtengemälde von osteuropäischen Hooligantreffen in Galerien in ganz Europa vorstellte. 

Zu dieser Zeit war der wiederum englische Film Hooligans allerdings auch schon wieder drei Jahre alt, in dem Elijah Wood einen Amerikaner spielt, der sich aus Harvard in die Schläger-Elite von West Ham United hocharbeitet. Und aus Russland schließlich ist erst 2013 der existenzialistische Hooligan-Roman Exodus von Piotr Silaev ins Deutsche übersetzt worden, in dem es um einen jungen Russen geht, der ohne jegliche Programmatik durch Russland und Osteuropa von einer Massenschlägerei zur nächsten reist. Eigentlich ist er ein Idealist, doch weil es in der niederträchtigen Wirklichkeit nichts gibt, an das er glauben kann, bemüht er sich wenigstens um etwas körperlichen Schmerz, der seinem diffusen seelischen Schmerz eine Gestalt geben könnte: "Ich spüre gerne Schmerz", heißt es an einer Stelle, "es ist das einzige, was mir geblieben ist, auch wenn es unangenehm ist, das zuzugeben. Von Kindheit an hat mich das Leben gelehrt: Liebe den Schmerz." 

Auch die Aufarbeitung der Ausschreitungen haben in erster Linie gezeigt, dass die europäische Verständigung nach wie vor bestens funktioniert: Englische "Fankultur-Forscher" gaben in deutschen Medien Interviews, in denen sie die Schuld den Russen und der französischen Polizei zuschoben, obwohl die Bilder marodierender englischer Hooligans zur selben Zeit noch taufrisch über die Bildschirme liefen.

Und als hätte die Option, einfach in die andere Richtung zu gehen, wenn man angegriffen wird, zu keiner Zeit bestanden. Die Deutschen nutzten die Gelegenheit, um sich, wie sie es immer tun, über die chaotischen und unprofessionellen französischen Behörden zu beschweren und wohlig angegruselt russische Rechtsextreme zu zitieren, die ihren Hooligans zu dem gelungenen Auftritt gratulierten. Und in Paris kamen die Fußballfans aller Länder zusammen, um sich beieinander für ihre Unterschichten zu entschuldigen. 

Wie sich die Uefa Frieden vorstellt

Jetzt, da die Europameisterschaft die ersten vier Tage hinter sich hat, kommt es in der Pariser Innenstadt im Grunde im Minutentakt zu Momenten, in denen die liebgewonnen Vorurteile der Nationen untereinander aufgewärmt werden: Wenn also eine Gruppe von Nordiren auf eine Gruppe Engländer trifft und die Nordiren sofort auf die Melodie von Football’s coming home singen: "England’s going home", ist das dann schon Nationalismus? Oder wenn etwa zwanzig Männer in den Trikots unterschiedlicher Länder auf einer Kreuzung minutenlang den Ball in der Luft halten, bis ihn natürlich ausgerechnet ein Deutscher fallen lässt, der gerade dazugekommen ist, woraufhin ihn alle gut gelaunt auslachen? Hoffentlich.

Was sich hingegen die Uefa vorstellt, wenn sie von einem "friedlichen Fußballfest" spricht, kann man während des Turniers in der Uefa-Fanzone unterm Eiffelturm beobachten: Man befindet sich hier auf einer militärisch abgeriegelten Wiese mit drei gigantischen Bildschirmen, auf der ausschließlich die offiziellen Werbepartner dieser zweifelhaften Organisation Gewerbe treiben dürfen, weshalb man nur die Wahl zwischen Cheeseburgern von McDonalds und Bieren von Carlsberg hat und kurz nachfühlen kann, wie sich die Amerikaner gerade fühlen müssen, die nur die Wahl zwischen Donald Trump und Hillary Clinton haben.

Die Fanzone ist bei diesem Turnier genau genommen die einzige Fläche, auf der die Leute genau das tun, was sie nach Auffassung der Veranstalter tun sollen: Selfies machen, Carlsberg trinken und gelöst jubeln, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist. Dafür ist sie mit drei Sicherheitszonen umgeben, überall patrouillieren Soldaten. Absolute Ordnung herrscht gewissermaßen auch während der Europameisterschaft eigentlich nur dort, wo die Paranoia am größten ist.