Der durchschnittliche italienische Zeitungsleser geht immer noch gerne in die tabaccheria. In diesem kleinen Geschäft auf der Hauptstraße, der Piazza oder dem Bahnhof findet er, was er sucht. Er weiß, dass er seine Tageszeitung auch abonnieren könnte, doch er verzichtet auf den Lieferdienst. Stattdessen plaudert er mit dem Tabakwarenhändler und kauft sich das Blatt, das seiner politischen Ausrichtung entspricht.  

Zwischen der Gazzetta dello Sport, La Repubblica und Il Corriere della Sera hing am vergangenen Wochenende eine ganz andere Publikation: Hitlers Mein Kampf. Der Nachdruck der 1937 vom faschistischen Regime autorisierten italienischen Ausgabe lag der Zeitung Il Giornale bei. Die Tageszeitung ist das Hausblatt des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und gehört nominell seinem Bruder Paolo.

"Ich finde es unheimlich, dass eine italienische Tageszeitung Hitlers Mein Kampf verschenkt", schrieb Premierminister Matteo Renzi umgehend bei Twitter. Die Parlamentspräsidentin Laura Boldrini sprach von einer "schlimmen Entscheidung" der Redaktion.

Alessandro Sallusti, Chefredakteur von Il Giornale, verteidigte sich: Es gehe darum, das Böse zu studieren, um zu verhindern, dass es erneut passiere. Außerdem tue man nichts anderes als das Institut für Zeitgeschichte in München, das in Deutschland eine kommentierte Ausgabe von Mein Kampf veröffentlicht hatte, nachdem Ende 2015 der Urheberschutz abgelaufen war.

Der Vergleich hinkt jedoch gewaltig. "Der Ausgabe wurde lediglich ein Vorwort des Historikers und römischen Universitätsprofessors Francesco Perfetti beigefügt", sagt der Faschismusexperte Lutz Klinkhammer, der am Deutschen Historischen Institut in Rom forscht und die Ausgabe für ZEIT ONLINE bewertet hat. "Mit dem deutschen Verständnis einer quellenkritischen Edition hat dies rein gar nichts zu tun."

Italien nur auf Platz 77 der Rangliste der Pressefreiheit

Sieht man sich die Geschichte von Il Giornale an, fällt es schwer zu glauben, dass Mein Kampf als reine Aufklärungsschrift gedacht ist. Im vergangenen Jahr verschenkte das Blatt das 14-bändige Werk "Mussolini und der Faschismus", wer schnell bestellte, bekam die Briefesammlung "Lieber Duce, ich schreib dir" gratis dazu. Auch der Zeitpunkt der Mein-Kampf-Beilage eine Woche vor den wichtigen Stichwahlen in wichtigen Städten wie Neapel, Turin, Mailand und Rom ist wohl nicht zufällig gewählt. Politiker der demokratischen Regierungspartei PD werfen Sallusti daher auch vor, er betreibe Wahlkampf und wolle im Interesse Berlusconis rechtsextreme Kräfte für die Mitte-rechts-Kandidaten bündeln.

Der Streit um die "Hitler-Beilage" zeigt, in welch desaströser Lage sich die italienische Medienlandschaft befindet. In der Rangliste der Pressefreiheit liegt das Land hinter der Republik Moldau, einen Platz vor Benin. Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen findet das besorgniserregend: "Italien hat sich in der jüngsten Rangliste weiter verschlechtert und steht nun auf Platz 77 von 180 Ländern, einem schlechten Platz für ein EU-Gründungsmitglied." Obwohl der Einfluss von Silvio Berlusconi auf die Medienlandschaft seit seinem Rücktritt 2011 geschwunden sei, sähen sich nach wie vor viele Journalisten im Dienste mächtiger Interessengruppen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.

Investigativer Journalismus findet kaum statt in Italien. Das liegt auch daran, dass die meisten Publikationen im Besitz großer Unternehmergruppen sind: So gehören nicht nur die Zeitung La Repubblica und das Magazin L'Espresso dem Großunternehmer Carlo De Benedetti, sondern seit Kurzem auch die traditionsreiche La Stampa, die zuvor im Besitz der Familie Agnelli (Fiat) war.