Vor einem halben Jahr habe ich mich auf den Weg nach Berkeley gemacht, eine kleine Stadt an der amerikanischen Westküste. Berkeley ist vor allem für seine Universität bekannt, die als die liberalste der Vereinigten Staaten gilt und von der aus sich die Free Speech Movement in den sechziger Jahren in die ganze Welt verbreitete. Mich zog es dorthin, weil ich bei Judith Butler, der berühmten Philosophin und Geschlechtertheoretikerin, studieren wollte. Während die meisten Autor*innen, die mir während meines Philosophiestudiums begegneten, schon lange unter der Erde liegen, wollte ich die Chance nutzen, mich mit einem lebenden Star der Philosophie auseinanderzusetzen. Schon während meines Bachelorstudiums in Berlin hatte mich ihre Art zu denken und Fragen zu stellen begeistert, ihre Theoriegebäude hatten bereits mein Denken verändert und mir Welten ungeahnter Möglichkeiten eröffnet.

Lisa Friedrich studierte Philosophie und Literaturwissenschaften in Berlin, mit einem Schwerpunkt in Gender Studies und postkolonialer Theorie. Für ihren Master ist sie vor einem halben Jahr nach Berkeley gezogen. © privat

In ihrem Seminar war jedoch von einem Starauftritt nichts zu erkennen: Judith Butler begegnete uns als bodenständige, charmante und kluge Professorin, die sich selbst zurückhält und die Fragen ihrer Student*innen sehr ernst nimmt. Manchmal konnte sie mit ihrem trockenen Humor oder in geradezu komödiantischer Manier den gesamten Hörsaal zum Lachen bringen, und dann wieder, durch wortgewandte und passionierte Beiträge, in nachdenkliches Schweigen versetzen. Immer lieferten ihre Seminare Stoff für angeregte Diskussionen.

Hätte mich das überraschen sollen? In den deutschen Medien wird sie im besten Fall als eine kauzige und weltfremde Provokateurin dargestellt, deren Theorien zwar originell, aber politisch nicht praktikabel seien. Selbst die Ehrungen, die Butler zu ihrem diesjährigen 60. Geburtstag aus Deutschland erreichten, hatten einen bissigen Unterton: In der taz wurde ihr von Micha Brumlik "Blauäugigkeit" und ein "radikaler Moralismus" vorgeworfen, der seine Augen vor der Wirklichkeit verschließe, und in Dietmar Daths Würdigung ihres "Avantgardismus" in Genderfragen mischten sich Wörter wie "töricht" und "aberwitzig".

Feministische Anliegen sind keine Lappalie

Besonders hitzig ging es in der Debatte um Butlers Auszeichnung mit dem Adorno-Preis im Jahr 2012 zu. Aber auch wenn die Maskulinisten dieser Welt eine angebliche "feministische Weltverschwörung" herbeifantasieren, wird Butler regelmäßig zum Ziel von Angriffen. Ihre Feinde finden sich in der Riege jener Altvorderen, die meinen, sich der "Genderisierung der Biologie" mit letzter Kraft entgegenstellen zu müssen, aber auch in den gemäßigteren Lagern, wo herablassend auf Butlers feministische Interventionen reagiert wird, als gäbe es für diese keine Gründe. Da ist das Vorgehen eines Harald Martensteins, der die Forderung einiger Feministinnen, Bilder der Hirschbrunft aus einer Werbebroschüre zu entfernen, als Aufhänger nimmt, um die Genderwissenschaften insgesamt lächerlich zu machen; und da ist die gönnerhafte Attitüde so vieler anderer, à la "wäre sie doch nur mit den Naturwissenschaften vertrauter, fiele ihr vielleicht auf, dass man dort seit Langem weiß, dass ...". Fast immer werden Butlers Aussagen verfälscht, um ihre Positionen zu diskreditieren und ihre Person zu diffamieren. All das gehört zu den weitverbreiteten Taktiken, Feministinnen mundtot zu machen und das feministische Anliegen per se als Lappalie darzustellen.

Das ist umso bedauerlicher, als es in Butlers Werk immer wieder um Fragen der Repräsentation geht: Wem wird die Möglichkeit gegeben, in der Öffentlichkeit zu sprechen? Wem werden Glaubwürdigkeit und Gehör geschenkt? Und vor allem: warum?

Butler richtet ihren Blick immer dorthin, wo sie in der Gesellschaft Ausschluss und fehlende Anerkennung entdeckt, nicht nur in den Geschlechterbeziehungen. In Bezug auf Familienstrukturen zum Beispiel fragt sie: Wo in die herrschenden sozialen und rechtlichen Kategorien von Verwandtschaft lassen sich überhaupt Patchworkfamilien einordnen, alleinerziehende Elternteile oder Familien, in denen zwei Väter, zwei Mütter oder gar mehr als zwei Personen die Erziehung übernehmen? Ist die Figur des Vaters oder der Mutter notwendig als eine symbolische Instanz, und wenn ja, bleibt sie dann in solchen Fällen unbesetzt? Ist es sinnvoll, neue und andere Formen der familiären Organisation als Nachahmungen der herkömmlichen, heterosexuellen Familieneinheit zu begreifen, oder sollten sie nicht viel eher in ihrer Andersheit beschrieben werden und darin soziale und rechtliche Anerkennung finden?