"Ich war seine Muse", strahlt Jacqueline Meier übers ganze Gesicht. Die Zürcher Hundecoiffeuse genießt das Rampenlicht. Für einen Abend schart sich das Kunstpublikum um sie, Interviews gibt allerdings der belgische Künstler Guillaume Bijl, der sich mit ihr für ein Ausstellungsprojekt zusammengetan hat: einen Hundesalon der anderen Art. Die Einkaufsliste für die fachgerechte Einrichtung schrieb ihm die Coiffeuse, Bürsten, Leinen, Kautschukknochen, Bijl fügte nur einige befremdliche Elemente hinzu, um die Wirklichkeit zu brechen: etwa eine Galerie halbierter Spielzeughunde.

Auch Umat Dimsheev, dem russischen Rezeptionisten des Hotel Park-Hyatt, gefällt das Interesse an seiner Person, mag es auch eher auf seine Kleidung gerichtet sein. Der junge Mann trägt halbseitig einen orangefarbenen Kittel, den der Hamburger Bildhauer Franz Erhard Walther entwarf. Dergleichen Kunstbekleidung kennt man von Walther seit den Sechzigern. Doch zum ersten Mal hängt sie nicht an der Museumswand oder wird für Performances aktiviert, sondern tritt in den Alltag ein. Der Stoffentwickler Thomas Deutschenbaur half ihm dabei, das grobe Material tragbar zu machen.

Bei Bijl wie Walther fruchtete die künstlerische Zusammenarbeit mit Vertretern der Berufswelt. Der Zusammenprall mit der Praxis bringt ihr Werk voran. Auch der amerikanische Maschinenkünstler Jon Kessler erlebte mit dem Uhrmacher Adriano Toninelli diesen Effekt. Gemeinsam baute das Duo eine rotierende Installation, die ein Schweizer Präzisionswerk antreibt. Die Rädchen einer klassischen Armbanduhr mobilisieren riesige Trommeln, auf denen als Videoprojektion immer wieder ein Vogel hochflattert.

Kunst- und Arbeitswelt reichen sich die Hand

Die beiden stehen nun einträchtig vor ihrer extravaganten Kuckucksuhr und machen sich gegenseitig Komplimente. Dazu werden bei Les Ambassadeur, einem Uhrenladen in Zürichs Luxusmeile Bahnhofstraße, Champagner und Häppchen mit Bündner Fleisch gereicht wie sonst nur beim Verkauf eines Edel-Chronometers. Kunst- und Arbeitswelt reichen sich für einen Abend die Hand, so weit sind sie gar nicht voneinander entfernt, auch was die Gepflogenheiten nach erfolgreichem Geschäftsabschluss betrifft.

Genau diese Begegnungen, Irritationen, überraschenden Übereinstimmungen hatd er Kurator Christian Jankowski mit seiner Manifesta gesucht. Die elfte europäische Wanderbiennale, bei ihrer Gründung Anfang der Neunziger noch für die Peripherie gedacht, ist mit der Schweiz in der Mitte des Kontinents gelandet. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Problematiken eines wiedervereinten Europas konzipiert, sucht die Manifesta nun die Reibung mit der Komfortzone. In Zürich offenbart sich erneut die Instrumentalisierung des vagabundierenden Kunstfestivals. Vor zwei Jahren in St. Petersburg diente es dem Zweck, die Eremitage international an die Ausstellungshäuser zeitgenössischer Kunst anzudocken. Diesmal soll es helfen, Zürichs Image als Bankenstadt Richtung Kultur zu rücken.

Mit Jankowski hat man sich jedoch einen Kurator geholt, der seine Integrität als Künstler bewahrt und zugleich andere inspiriert. Seine Manifesta funktioniert zwar, das Wunder von Zürich aber bleibt aus. Dafür fehlt zu vielen Joint Ventures der Funkenflug. Sie sind vergnüglich, poetisch, doch häufig banal, wie das Leben so ist. Als Mann für das Pragmatische hat der Berliner Künstler ein Konzept vorgeschlagen, bei dem er selber gerne mitgemacht hätte. Bekannt geworden durch Kooperationen mit Wahrsagerinnen, Politikern, dem Vatikan, zuletzt der Schauspielerin Nina Hoss, machte er dieses Prinzip nun zur Grundlage seiner Biennale.