"Unerträglich, wie wir hier einfach nur fressen und reden", schimpft Konstantin Skotnikov ins Mikrofon. Den einen oder anderen Wodka hat er wohl schon gekippt. Jedenfalls haut der Mann mit den leicht eingefallenen Schultern nun kurz mit der Faust auf den Tisch, an dem er mit zwei Philosophen aus Moskau und St. Petersburg diskutiert. Angeregt unterhalten die drei sich in einer offenen Küche, um sie herum mindestens dreihundert Menschen, die ihnen über Kopfhörer zuhören. Denn das hier ist kein normales Abendbrotgespräch. Es ist eine Multimedia-Installation von Hannah Hurtzig, im leerstehenden Dachgeschoss eines Luxuskaufhauses in Nowosibirsk.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Die meisten Besucher, Künstler und Studenten, haben vor diesem Abend vermutlich noch nie einen Fuß ins Gebäude gesetzt. Wer kann sich in Sibirien schon Gucci und Prada leisten? Doch Skotnikov hat es nicht auf die paar wenigen abgesehen, die hier gelegentlich shoppen. Der bekannte Nowosibirsker Künstler wettert gegen die allgemeine Plauderatmosphäre, in der bei dieser Performance-Konferenz über Kunst, Zensur und einen Kollegen diskutiert wird. Einen Kollegen, der für seine Arbeit derzeit in Moskau einsitzt. Pjotr Pawlenski, der Performence-Aktivist, den man hierzulande vor allem kennt, weil er seine Hoden auf dem Roten Platz in Moskau festgenagelt hat, steht in diesen Tagen wieder mal vor Gericht. Und nur ein paar Stunden, nachdem er heute von Sicherheitskräften auf dem Weg ins Gefängnis verprügelt worden sein soll, sitzen wir hier und besprechen seine Kunst bei Schnaps und Piroggen.

Peinlich berührt schlinge ich meine unangemessene Teigtasche runter, doch dann sehe ich, wie meine Dolmetscherin lacht. "Lass dich doch nicht provozieren", sagt sie und klemmt die Kopfhörer wieder auf. Denn Skotnikov spielt nur mit den Klischees. Natürlich weiß er, dass auch Worte dieser Tage die Gemüter erhitzen können. Dass die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Meinung wieder sorgfältig austariert werden in Russland. Dass die Behörden mittlerweile eine Willkür an den Tag legen, die aus harmloseren Kunstaktionen schnell ein paar Tage Gefängnis macht. Und dass man in Nowosibirsk nicht mit derselben Chuzpe darauf reagiert wie beispielsweise in Moskau. Philosophen, Akademiker und Künstler aus verschiedenen Städten nehmen an diesem Abend trotzdem kein Blatt vor den Mund, proben den kontrollierten, leisen Aufstand. In einem mit schwarzen Stoffen abgetrennten Raum sitzt ein Analytiker, der einer ehemaligen Auslandskorrespondentin erklärt, dass sie ihre in besseren Zeiten gewachsene Russlandaffinität jetzt einfach mit Humor nehmen müsse. In der Küche die Philosophin Oxana Timofeeva, die meint, Pawlenski wäre im Westen beliebter, wenn er seinen Chauvinismus ablegte. Dazwischen ein junger Künstler, der in Anspielung auf eine von Pawlenski verbrannte Geheimdiensttür einen Benzinkanister auf den Tisch knallt. Relativ klare Worte von allen, nur eben keine schrillen.

In einem Dachgeschoss voller Menschen, die einander beim Reden zuhören, denke ich darüber nach, wie das Zuhören uns in Deutschland gerade abhanden kommt. Wie wir daran zu scheitern drohen, die Zwischentöne in schwierigen, doch immerhin demokratischen Zeiten zu bewahren. Wie sich Fronten im Gespräch über Reizworte von Flüchtling bis Terrorgefahr erhärten, weil der Zwischenton anscheinend nur dann bemüht wird, wenn es – wie derzeit in Russland – schnell ums existenzielle Ganze geht. Hier im Kaufhaus befragen sich die Menschen fast beiläufig, wie viel sie selbst bereit sind, für Veränderungen zu investieren: laut und offen die eigene Meinung sagen, Karrierechancen minimieren, ein paar Tage Gefängnis riskieren? Normalerweise sprächen sie leiser als jetzt, erzählen viele lokale Intellektuelle über die komplexe Art der Selbstzensur, die sie im Alltag ausbremst. Doch heute sind sie unter Gleichgesinnten und haben den abwesenden Pawlenski, der sie aus der Reserve lockt. Einer, der sich aus Protest ein Ohrläppchen absäbelt oder den Mund zunäht, um für Pussy Riot zu demonstrieren, ist guter Gesprächsstoff. Erst recht, weil Pawlenski vor Kurzem sein bisheriges Aktionsmuster durchbrochen und anstatt sich selbst die Tür des Staatssicherheitsgebäudes in Moskau demoliert hat. Endlich ein Grund für die Behörden, den unliebsamen Aktivisten festzunageln. Im Visier hatten sie ihn schließlich schon lange.

"Ich hätte nicht gedacht, dass er als Projektaufhänger so funktionieren würde", sagt meine Dolmetscherin, und zusammen beobachten wir, wie mehr als 300 Menschen sich zu seinen Komplizen werden. Bemerkenswert ist die Begeisterung wohl auch, weil das Goethe-Institut das Event hier organisiert hat. Eine von vielen internationalen Institutionen, die in Russland derzeit kritisch beäugt werden. Doch Hannah Hurtzig lenkt ihr Projekt ja auch elegant. Nach ausführlichen Vorgesprächen und viel Organisation nimmt sich die deutsche Künstlerin am Aufführungsabend selbst zurück. Lieber lässt sie die Redner selbst improvisieren und das Geschehen bestimmen. "Ich komme schließlich nicht nach Russland, um den Leuten etwas über Zensur zu erklären", sagt sie. "Das wäre ja absurd."

Ähnlich absurd, wie ich mit westlicher Ahnungslosigkeit durch kulturelles Neuland stolpere und versuche, meine Eindrücke zu sortieren. In vielen Situationen wird mir klar, wie wenig ich nach ein paar Tagen in diesem Land begreife. Dass Willkür und Repressionen nicht so einfach greifbar sind und die Angst vor Regelverstoß zwar niemanden lahmlegt und doch fast alles hemmt.

Sein Ziel wäre eine Gefängnisstrafe gewesen

"Nicht jeder kann ein Pawlenski sein", sagt am Ende der Reise auch Konstantin Skotnikov. Er selbst habe jedenfalls nicht mehr die Kraft, obwohl auch er sich bei einer Kunstaktion schon mal den Mund zugetackert hätte. Noch einmal gehe ich zu Hause widerwillig Bilder von zugenähten Mündern und blutigen Genitalien im Kopf durch, so viel Körperflüssigkeit und Gewalt, muss das sein? Inhaltlich kann ich diese Art der politischen Aktionskunst nachvollziehen, aber ein emotionales Fremdeln bleibt. Ich bin eben auch nicht seine direkte Ansprechpartnerin, wiege mich wohl zu sehr in demokratischer Sicherheit, um den hintergründigen Schmerz seiner Aktionen wirklich nachzuempfinden. Ich freue mich schlicht über seine Freilassung vor ein paar Tagen, auch wenn es wohl nicht das ist, was er selbst gewollt hat. Pawlenskis ultimates Ziel wäre eine längere Gefängnisstrafe gewesen. Doch vermutlich wollten die Behörden keinen Märtyrer aus ihm machen und ließen ihn gehen.

Im vorletzten Jahr wurde Pawlenski bereits von einem Justizbeamten in Moskau verhört, auch der wusste damals zunächst nicht recht, was er mit dem Künstler anfangen sollte, zeigte sich skeptisch. Irgendwie schaffte es Pawlenski, das Gespräch heimlich mit seinem Handy aufzunehmen. Dieser schöne und ungewöhnlich poetische Dialog, in dem es viel mehr um Kunst als um Verbrechen geht, wurde kurz darauf aus dem Gefängnis geschmuggelt und erscheint nun bald als Buch in Deutschland. Und der Staatsdiener ist mittlerweile gar keiner mehr. Denn am Ende hat er die Zwischentöne gehört. Heute arbeitet er als Strafverteidiger und unterstützt Pawlenski.