1. Die mächtige Ohnmacht der Medien

Es ist die immer gleiche Geschichte: Bei einem Geschehen wie dem Amoklauf in München, zu dem einerseits die Worte und andererseits die Informationen fehlen, schämt man sich ein wenig der Bilder- und News-Gier der Medien, der endlosen dummen Bilderschleifen, die ein unheimliches zweites Leben entwickeln. Man schämt sich des Aufblasens von Nichtigkeit und Zufall, woraus sich nach und nach das eine oder andere Bild als emblematisch, als das Bild des Geschehens heraus stellen wird. Bald wird es auf den Titelblättern der Magazine erscheinen, und einige Zeit später wird es fester Bestandteil der populären Kultur.

Man schämt sich der Bekundungen des Nicht-Wissens und des Nicht-Spekulieren-Wollens, das dann doch enorme Spekulationen auslöst, versehentliche Unterstellungen oder Interpretationen hier und da auch; man spürt indes in jeder Kameraeinstellung, in jedem Kommentatorensatz diese Angst, etwas "Falsches" zu sagen oder zu zeigen. Je schrecklicher das Geschehen, desto vorsichtiger das Medium, jedenfalls in dem, was man jetzt als das offizielle und das seriöse Segment wahrnehmen muss. Man schämt sich des endlosen Redens und Nicht-Schweigen-Könnens, der Statements und vorfabrizierten Floskeln, der mitleidheischenden Selbstinszenierung des Mediums. Allenfalls ein klein wenig erleichtert ist man, wenn das möglich ist, über die "menschlichen" Nebengeschichten, die zum Beispiel von Hilfsbereitschaft, Solidarität und von gegenseitigem Trost berichten. Das Medium flackert und brennt, aber es erhellt kaum etwas. Es fragmentiert, aber kann nicht ordnen; das Chaos wird in Wellen, Serien und Wolken übertragen. Um nicht mitschuldig zu werden, inszeniert es sich als Mit-Opfer.

Gerade wer topographisch und persönlich näher am Geschehen ist, verzweifelt leicht an diesem Stochern und Flickern. Die vor dem Fernseher verbrachte Nacht hatte etwas von einem Purgatorium. Und zugleich spürt man eine Gemeinschaft, die sich gerade um den blinden Fleck, das Nicht-Wissen, die Erklärungsnot bildet. Ohne diese Katastrophe wäre die Gemeinschaft gar nicht zu haben. Man schämt sich seiner Medien, nicht weil sie etwa von herzlosen Schurken betrieben würden, sondern vor allem, weil auch sie Hilf- und Ratlosigkeit widerspiegeln. Man schämt sich der symbiotischen Verschmelzung mit einem Apparat, den man gewöhnlich allenfalls für guilty pleasures nutzt, und der im Moment nicht vor und nicht zurück kann.

Gerade deswegen werden die Nachrichten in solch einer Situation wieder zu einem Versammlungszeichen. Das Fernsehen sucht die sozialen Netzwerke nach Informationen ab, die ihrerseits zum allergrößten Teil aus Wiedergaben des Fernsehens bestehen. Und doch bleiben, das erhält die Hoffnung auf das Licht, was ins Geschehen zu bringen wäre, immer wieder Authentizitätspartikel, Funken konkreter Information, ein kleiner elektronischer Augenschein hängen. Zur selben Zeit wird auch schon das Kommende fabriziert, die unabwendbare Nach-Katastrophe: die Hysterie und die Obszönität. Schnell erzeugen die anderen, die Funken der Fehlinformationen, Paniken. Blitzrasch wird die Nähe des Tatorts zum Schauplatz für Selfies und andere katastrophentouristische Inszenierungen. Man ahnt den kommenden Tag voraus: das Drängen vor die Kameras, das "Witwenschütteln" der Trashmedien, das Begaffen der Trauer. Schon während sie noch um Fassung ringen, vermitteln auch die Leitmedien, wie sich die Leere von Bild- und Informationsmangel mit dem Abscheulichen füllen wird. Und ebenso unabdingbar und rituell wird dann die mediale "Medienschelte" beginnen; die Medien werden sich vor sich selbst ekeln, die intelligenteren versuchen die Kritik bereits vorwegzunehmen. Schneller als es eine konsistente Geschichte des Geschehens liefern kann, fragt das öffentlich-rechtliche Fernsehen nach einer möglichen Mitschuld der "Medienkultur".

Dramaturgie der Erregungsgesellschaft

Man empfindet die mächtige Ohnmacht der Medien. Und zugleich fühlt man seine fundamentale Abhängigkeit von ihnen. Und in der Abhängigkeit von ihnen wiederum die Gemeinsamkeit. Und in der Gemeinsamkeit wiederum das Alleingelassensein. So entsteht die Dramaturgie der Erregungsgesellschaft. Die Atomisierung des Menschen, von der schon der alte Hegel sprach, wird in der Katastrophe und ihrer Nebelwolke für kurze Zeit aufgehoben, aber hinterher wird sie nur umso deutlicher. Man ahnt es, und kann es doch nicht wirklich fassen: dass das Geschehen und seine mediale Weiterung einen Zusammenhang haben, der über die Beziehung von Wirklichkeit und Abbildung hinausgeht.

Angesichts der Katastrophe wissen wir, was wir an unseren Medien haben. Welche Erleichterung, wenn auf dem Smartphone die Nachricht erscheint, ein Angehöriger, der sich in unmittelbarer Nähe des Tatorts befand, sei in Sicherheit und wohlauf. Was, wenn man nicht informiert wäre darüber, dass eine Reise nicht weitergehen könne, eine Region zu meiden sei? Gerüchte verbreiten sich in Windeseile, doch ebenso schnell sind die Korrekturen unterwegs.

Aber wir erfahren natürlich auch, was wir an unseren Medien nicht haben. Die Schutzschilde, die Bannungen und die Distanzierungen, die Maschinen, die uns alles verstehen und alles besprechen lassen. Den Neben-Souverän und Stellvertreter. Es ist dieses unser Medienparadoxon: Seine größte Bedeutung erhält es in dem Augenblick seiner größten Ohnmacht. Der Anschlag sperrt uns ein, in die Häuser und Kammern, und die Medien schaffen kein wirkliches Fenster mehr nach draußen. Einige Zeit wird es wieder die Trotzreaktion geben: eben dort wieder tanzen, feiern, shoppen, wo der Anschlag stattfand. Und dazwischen die furchtbare und vorhersehbare Abfolge: Die Zurückhaltung der ersten Stunden wird aufgegeben, die Erregung, da keine unmittelbare Gefahr mehr droht, sucht sich die Bilder zum Abklingen. War alles verlogen, manipuliert, inszeniert, semantisch verkrampft, mechanisch, verhaltensökonomisch vermarktet, narzisstisch und schwindelig? Nein, natürlich nicht. War dann alles ehrlich, authentisch, direkt, offen, aufrecht, sozial und aufklärerisch? Ganz gewiss nicht. So verläuft sich auch die Medienschelte im Nebel. Das heißt: Beim nächsten Mal wird es genau so wieder geschehen.