Gebannt von Mord und Terror

1. Die mächtige Ohnmacht der Medien

Es ist die immer gleiche Geschichte: Bei einem Geschehen wie dem Amoklauf in München, zu dem einerseits die Worte und andererseits die Informationen fehlen, schämt man sich ein wenig der Bilder- und News-Gier der Medien, der endlosen dummen Bilderschleifen, die ein unheimliches zweites Leben entwickeln. Man schämt sich des Aufblasens von Nichtigkeit und Zufall, woraus sich nach und nach das eine oder andere Bild als emblematisch, als das Bild des Geschehens heraus stellen wird. Bald wird es auf den Titelblättern der Magazine erscheinen, und einige Zeit später wird es fester Bestandteil der populären Kultur.

Man schämt sich der Bekundungen des Nicht-Wissens und des Nicht-Spekulieren-Wollens, das dann doch enorme Spekulationen auslöst, versehentliche Unterstellungen oder Interpretationen hier und da auch; man spürt indes in jeder Kameraeinstellung, in jedem Kommentatorensatz diese Angst, etwas "Falsches" zu sagen oder zu zeigen. Je schrecklicher das Geschehen, desto vorsichtiger das Medium, jedenfalls in dem, was man jetzt als das offizielle und das seriöse Segment wahrnehmen muss. Man schämt sich des endlosen Redens und Nicht-Schweigen-Könnens, der Statements und vorfabrizierten Floskeln, der mitleidheischenden Selbstinszenierung des Mediums. Allenfalls ein klein wenig erleichtert ist man, wenn das möglich ist, über die "menschlichen" Nebengeschichten, die zum Beispiel von Hilfsbereitschaft, Solidarität und von gegenseitigem Trost berichten. Das Medium flackert und brennt, aber es erhellt kaum etwas. Es fragmentiert, aber kann nicht ordnen; das Chaos wird in Wellen, Serien und Wolken übertragen. Um nicht mitschuldig zu werden, inszeniert es sich als Mit-Opfer.

Gerade wer topographisch und persönlich näher am Geschehen ist, verzweifelt leicht an diesem Stochern und Flickern. Die vor dem Fernseher verbrachte Nacht hatte etwas von einem Purgatorium. Und zugleich spürt man eine Gemeinschaft, die sich gerade um den blinden Fleck, das Nicht-Wissen, die Erklärungsnot bildet. Ohne diese Katastrophe wäre die Gemeinschaft gar nicht zu haben. Man schämt sich seiner Medien, nicht weil sie etwa von herzlosen Schurken betrieben würden, sondern vor allem, weil auch sie Hilf- und Ratlosigkeit widerspiegeln. Man schämt sich der symbiotischen Verschmelzung mit einem Apparat, den man gewöhnlich allenfalls für guilty pleasures nutzt, und der im Moment nicht vor und nicht zurück kann.

Gerade deswegen werden die Nachrichten in solch einer Situation wieder zu einem Versammlungszeichen. Das Fernsehen sucht die sozialen Netzwerke nach Informationen ab, die ihrerseits zum allergrößten Teil aus Wiedergaben des Fernsehens bestehen. Und doch bleiben, das erhält die Hoffnung auf das Licht, was ins Geschehen zu bringen wäre, immer wieder Authentizitätspartikel, Funken konkreter Information, ein kleiner elektronischer Augenschein hängen. Zur selben Zeit wird auch schon das Kommende fabriziert, die unabwendbare Nach-Katastrophe: die Hysterie und die Obszönität. Schnell erzeugen die anderen, die Funken der Fehlinformationen, Paniken. Blitzrasch wird die Nähe des Tatorts zum Schauplatz für Selfies und andere katastrophentouristische Inszenierungen. Man ahnt den kommenden Tag voraus: das Drängen vor die Kameras, das "Witwenschütteln" der Trashmedien, das Begaffen der Trauer. Schon während sie noch um Fassung ringen, vermitteln auch die Leitmedien, wie sich die Leere von Bild- und Informationsmangel mit dem Abscheulichen füllen wird. Und ebenso unabdingbar und rituell wird dann die mediale "Medienschelte" beginnen; die Medien werden sich vor sich selbst ekeln, die intelligenteren versuchen die Kritik bereits vorwegzunehmen. Schneller als es eine konsistente Geschichte des Geschehens liefern kann, fragt das öffentlich-rechtliche Fernsehen nach einer möglichen Mitschuld der "Medienkultur".

Dramaturgie der Erregungsgesellschaft

Man empfindet die mächtige Ohnmacht der Medien. Und zugleich fühlt man seine fundamentale Abhängigkeit von ihnen. Und in der Abhängigkeit von ihnen wiederum die Gemeinsamkeit. Und in der Gemeinsamkeit wiederum das Alleingelassensein. So entsteht die Dramaturgie der Erregungsgesellschaft. Die Atomisierung des Menschen, von der schon der alte Hegel sprach, wird in der Katastrophe und ihrer Nebelwolke für kurze Zeit aufgehoben, aber hinterher wird sie nur umso deutlicher. Man ahnt es, und kann es doch nicht wirklich fassen: dass das Geschehen und seine mediale Weiterung einen Zusammenhang haben, der über die Beziehung von Wirklichkeit und Abbildung hinausgeht.

Angesichts der Katastrophe wissen wir, was wir an unseren Medien haben. Welche Erleichterung, wenn auf dem Smartphone die Nachricht erscheint, ein Angehöriger, der sich in unmittelbarer Nähe des Tatorts befand, sei in Sicherheit und wohlauf. Was, wenn man nicht informiert wäre darüber, dass eine Reise nicht weitergehen könne, eine Region zu meiden sei? Gerüchte verbreiten sich in Windeseile, doch ebenso schnell sind die Korrekturen unterwegs.

Aber wir erfahren natürlich auch, was wir an unseren Medien nicht haben. Die Schutzschilde, die Bannungen und die Distanzierungen, die Maschinen, die uns alles verstehen und alles besprechen lassen. Den Neben-Souverän und Stellvertreter. Es ist dieses unser Medienparadoxon: Seine größte Bedeutung erhält es in dem Augenblick seiner größten Ohnmacht. Der Anschlag sperrt uns ein, in die Häuser und Kammern, und die Medien schaffen kein wirkliches Fenster mehr nach draußen. Einige Zeit wird es wieder die Trotzreaktion geben: eben dort wieder tanzen, feiern, shoppen, wo der Anschlag stattfand. Und dazwischen die furchtbare und vorhersehbare Abfolge: Die Zurückhaltung der ersten Stunden wird aufgegeben, die Erregung, da keine unmittelbare Gefahr mehr droht, sucht sich die Bilder zum Abklingen. War alles verlogen, manipuliert, inszeniert, semantisch verkrampft, mechanisch, verhaltensökonomisch vermarktet, narzisstisch und schwindelig? Nein, natürlich nicht. War dann alles ehrlich, authentisch, direkt, offen, aufrecht, sozial und aufklärerisch? Ganz gewiss nicht. So verläuft sich auch die Medienschelte im Nebel. Das heißt: Beim nächsten Mal wird es genau so wieder geschehen.

Worüber reden wir eigentlich?

2. Der Diskurs zerfällt

Wenn sich dann der Informationsnebel lichtet, bleibt eine spröde Geschichte, zu deren Verlauf einem nur das Wort "unfassbar" einfallen mag. Wieder ist es einem einzelnen Menschen gelungen, eine Gesellschaft bis ins Herz zu verwunden. Ob er das überhaupt wollte, im traditionellen Sinne, ob ihn jemand oder etwas dazu gebracht hat, ob er Ideen oder nur blinden Hass im Kopf hatte – nichts davon ändert etwas daran, dass es ein groteskes Missverhältnis zwischen dem Impuls und der Wirkung gibt. Das Wort und das Bild setzen sich fest: Die Explosion eines einzelnen offenbart die kollektive Verwundbarkeit.

Worte wie das vom "Bösen", das Aufklärung, Moderne und soziale Kontrolle längst hätten bannen sollen, tauchen wieder auf. Lineare und monokausale Erklärungen machen die Runde, und werden sogleich wieder verworfen oder von einer Gegenerklärung scharf zurückgewiesen: die von der Rekrutierung durch terroristische Ideologie und Religion, die von einer sozialen und psychischen Krankheit ("psychisch labil", so lautet die Formel, seien die Einzeltäter, während sie zugleich mit "kalter Intelligenz" planen), die von einer äußeren und die von einer inneren Produktion solchen Terrors. Es ist nicht schlimm, dass wir, wenn sich der Informationsnebel verzogen hat, sogleich wieder streiten. Auch der Streit ist eine Entlastung; der Streit wäre, richtig verstanden, der Beginn einer Suche. Der Fehler liegt in der Art, in der wir offenbar nur noch streiten können: in den Formen von Schuldzuweisungen, ideologischem Missbrauch und Eitelkeit. Auf den Bilder- und Informationsnebel folgt der Diskursnebel. Seiner schämen wir uns nicht minder, seiner bedürfen wir nicht minder dringend. Es gibt nichts zu sehen, und wir müssen trotzdem etwas zeigen. Und nun: Es herrscht Sprachlosigkeit, und wir müssen trotzdem reden.

Der Diskurs zerfällt, weil es keine Diskursgemeinschaft gibt, welche den Streit um Ursachen und Taktiken beherbergen können. Der Terror setzt sich als semantische Katastrophe fort.

Aber das Zentrum aller dieser Bilder und dieser Diskurse ist leer. Von der Sprachlosigkeit, die uns für eine Nacht und vielleicht noch einen Tag geeint hat, und die nun einen Kommentartumult auslöst, geht eine neue Paradoxie aus: Sobald aus Gefühlen wieder Ideen werden sollen, wird aus dem, was gerade noch vereinte, wieder das Trennende. Ein Grund dafür liegt in der Tatsache, dass es mittlerweile ein zweifaches Außen für die demokratische, humanistische und liberale Diskursgesellschaft gibt. Nämlich eine radikale und sich weiter radikalisierende Rechte, als nationalistisch-rassistische wie als dschihadistisch-religiöse, und eine fundamentale Entpolitisierung im Dienst von Karriere, Freizeit und Konsum. Auf jeder Debatte lastet ein Fluch: Könnte ein Argument von der anderen Seite aufgegriffen werden? Muss man sie mit pädagogischem Geschick, mit Kompromissformeln, mit rhetorischen Verführungen belegen? Muss, mit anderen Worten, die Debatte gerade von dem abgeschnitten werden, was ihr eigentliches Ziel ist, nämlich ein Problem zu lösen?

Der Terror, egal ob wir ihn als individuellen Amoklauf oder geplanten Anschlag interpretieren, trifft immer Unschuldige, und mehr noch: Er betrifft seine eigene Erklärbarkeit. Sein Ziel besteht gerade darin, das Vorstellbare zu überschreiten, die rationale Sinnlosigkeit der Tat, die nie einen ebenbürtigen Feind, immer Unschuldige, Wehrlose, Unbeteiligte, Nichtsahnende trifft, gehört zu ihrem Wesen, das "weiche Ziel" der Gewalt ist mehr als eine Metapher.

Die Stunde der Experten

Worin besteht eigentlich die Lösung eines Problems? Es ist noch stets ein grammatischer Dreischritt: Welches sind die Wurzeln, die Ursachen? Welches sind die Beziehungen von Angreifer und System, welches die Schwachstellen, die direkten Auswirkungen, die "Kommunikation" zwischen Attacke und Reaktion? Und welche Veränderungen des Systems sind notwendig, um künftige Attacken zu vermeiden, bzw. die Entstehung neuer Angreifer, von außen und von innen zu verhindern?

Die Debatte zerfällt natürlich in zahllose Einzelteile: Wie kann ein 18-Jähriger in den Besitz einer Waffe und so viel Munition gelangen? Erkennt niemand im sozialen Netz die lebende Zeitbombe? Entwickeln sich neue Formen der "Selbstradikalisierung"? Wie kann man verhindern, dass die Rechtspopulisten diesen Fall für sich vereinnahmen? Wie können öffentliche Orte, diese Transiträume der Geschäftigkeit und des Verweilens, geschützt werden? Wir ahnten es: Es kommt nun die Stunde der Experten. Während die moralische Müllabfuhr der Medien noch aus der letzten Spur und dem letzten "Betroffenen" etwas herausquetscht um die Erregung noch eine Weile zu nutzen, beginnt das große Bereden, das Ratschläge-Geben, das Erklärungen-Suchen, das Auf- und das Abwiegeln der Ängste, die Rechtfertigungen und die Anklagen.

So geht es auf die nächste Station zu: den Überdruss. Die Bilder der Trauer, die sich mit denen der Gaffer und der obszönen Neugier verbinden, beginnen peinlich zu werden; die Bekundungen des Mitleids und der Solidarität werden hohl und hohler; was gerade noch heilsames Pathos war, verwandelt sich in gigantischen Kitsch. Und das, was als eine Suche nach Lösungen und Erklärungen schien, wandelt sich in Positionierungen, in Strategien, in Aufmerksamkeitsökonomien, in Neutralisierungen. Es gibt in dieser Gesellschaft kein Subjekt, das stark genug für einen aufklärerischen, kultivierten und objektiven Diskurs wäre. Die Debatte versinkt in einem semantischen Grundrauschen. Man versichert einander, das ist der Höhepunkt von diskursiver medialer Kultur, man habe einander zugehört. Und auch das Publikum durfte Meinungen, Empfindungen, Ängste und Deutungen austauschen. Die Experten sind noch expertenhafter und die Medien noch allgegenwärtiger geworden. Aber auch das große Reden ist eigentlich eine Form des Schweigens. Man redet gegen die zentrale Leerstelle an.

Ein Amoklauf kann nicht verstanden werden

3. Der Täter ist Spiegel der Gesellschaft

Der Kern des Problems liegt in der Hervorbringung von Menschen, an denen wir drei Parameter feststellen können, bei aller Unterschiedlichkeit:

  1. Ihr eigenes, oft junges, keineswegs stets "objektiv" verzweifeltes Leben muss so unlebbar geworden sein, dass es nur beendet werden kann. Für so etwas gibt es sehr viele, sehr unterschiedliche Gründe.
  2. Diese Erkenntnis des unlebbaren Lebens muss sich verbinden mit einem grenzenlosen Hass auf das gelebte Leben der anderen. Was vernichtet werden muss, ist Leben, das Lust, Hoffnung, Zukunft und Kommunikation in sich trägt.
  3. Für das Beenden des eigenen Lebens und die Vernichtung von möglichst vielen unschuldigen Menschenleben, den Genuss des Leidens der anderen im eigenen Sterben, muss es eine Legitimation, irgendeine Form von Begriff, Idee oder Metaphysik geben. Vorbilder (wie in diesem Fall Dramaturgien von anderen Amokläufen), Begleitungen (die dschihadistischen Gesänge, der Nazirock) und Bilder (der bewaffnete Männerkörper im Augenblick des flammenden Infernos etc.). Die persönliche Rache gehört genauso dazu, wie es eine rigoros codierte Erlösungsreligion sein kann oder die Wiederherstellung einer mythischen Rassen- oder Volksgemeinschaft.

Entscheidend ist dabei wohl, dass sich die drei Elemente miteinander verbinden. Jede terroristische Biografie bildet sich aus eigenen, unberechenbaren Verbindungen; ohne alle diese Elemente wird man wohl kaum einen Selbstmordattentäter finden; ihre Verknüpfung kann sich über einen längeren Zeitraum abspielen, aber auch in kurzer Zeit zur Zündung gelangen. Der Angriff eines Terroristen oder Amokläufer richtet sich also nie wirklich gegen einen "Feind", sondern gegen das Leben, das ihm selbst verwehrt ist.

Wir wähnen eine Gemeinschaft, die es nicht gibt

Keiner der drei Parameter des (kommenden) Selbstmordattentäters ist in irgendeiner Weise diskursfähig oder im klassischen Sinn mit den Mitteln, sagen wir, der Psychologie, der Soziologie oder der Medizin, aufklär- und behandelbar. Und so wenig man also noch "konstruktiv" mit einem Terroristen oder Amokläufer sprechen kann, wenn der Zündpunkt erreicht ist, so wenig kann man auch über ihn sprechen, da er das schlechthin Andere ist. Er handelt mit seiner mörderischen Konsequenz nämlich genau gegen die für ihn größte Bedrohung: durchschaut, verstanden, erklärt zu werden. Nicht obwohl, sondern gerade weil seine Tat auch die furchtbarste Art ist, "sich zu erklären". Nur im Selbstmordattentat oder im Amoklauf mit dem Ziel, selbst getötet zu werden, kann er sein Geheimnis mit ins Grab nehmen und zugleich von ihm "erlöst" sein.

Das alles soll nicht die tausendundeinte "Expertise" zu Amoklauf und Terror sein, es ist vielmehr eine weitere Fährte zur Unfähigkeit der Zivilgesellschaft, eine konsistente Erzählung und Erklärung zu finden. So sehr dieser Täter auch das fundamental Andere ist, so sehr ist er auch Spiegelbild. Um ihn zu erklären, müsste die Gesellschaft, die nebenbei spätestens seit dem Siegeszug des Neoliberalismus ganz und gar keine Diskursgemeinschaft, sondern nur noch ein gemeinsames Marktgeschehen ist, immer auch sich selbst erklären. Dabei geht es gar nicht allein um die "Mitschuld" bei der Produktion der lebenden Zeitbomben, sondern, sehr viel tiefer, um das Wesen von Gesellschaft selbst. Denn in dieser fegefeuerhaften Fernseh- und Smartphone-Nacht haben wir uns, im sprachlosen Entsetzen, in der Angst und in der Trauer, zwar für einige Augenblicke als Gemeinschaft gefühlt. Von einer Gesellschaft aber waren wir weiter entfernt als je.

Wohlgefühl im Entsetzen

4. Das Böse kann nicht verhindert werden

Die große Gemeinschaft in der Form des Nichtwissens und der Erklärungsnot löst sich sehr rasch wieder auf. Mit den Fakten und den Erklärungen sind die Widersprüche und Gegnerschaften wieder da. Es kommt eine zweite Form der Scham: Wir waren entsetzt, ja, aber auf eine grausige, hinterlistige Weise haben wir uns in diesem Entsetzen, zumindest nachdem sichergestellt war, dass niemand aus nächster Nähe betroffen war, auch wohlgefühlt. Während unsere Medien stammeln und stottern mussten, konnten wir uns im Schweigen vor ihnen verbinden. Nie ist die Verwandtschaft eines Fernsehapparates und eines Lagerfeuers so spürbar wie in den Zeiten von Angriff und Katastrophe.

Immer wieder treffen die beiden grundlegenden Strategiemodelle aufeinander, dem gefährlich kranken Terroristen und Amokläufer (kaum noch lässt sich das eine genau vom anderen unterscheiden) mit "Therapie" und Prävention zu begegnen, wenn nicht den Täter so doch seine möglichen Nachfolger und Nachahmer vor den Taten zu bewahren, oder aber den monströsen Angreifer unschädlich zu machen, ihn gar nicht zu uns zu lassen, auf immer wegzusperren oder, wenn es sein muss, möglichst rechtzeitig zu "eliminieren". Man könnte wohl meinen, das eine sei die "liberale" und humanistische Reaktion, das andere die "konservative" oder rechte. Aber wahrscheinlich ist auch das viel zu sehr vereinfacht, und beide Strategien sind sich über das Wesentliche im klaren: dass sie das Wiederauftauchen dieses Bösen nicht wirklich verhindern können.

Anschläge beschleunigen den gesellschaftlichen Zerfall

Denn auch im befürchteten und realisierten "Überwachungsstaat", in der "Transparenz"- und "Kontrollgesellschaft" lässt sich am Ende nur überwachen, transparent machen, kontrollieren (und schließlich eben auch: medialisieren), was einer logischen, grammatischen, ökonomischen und irgendwie "vernünftigen" Abfolge unterliegt. Es ist also nicht nur die Moral dieser Gesellschaft, ihr Traum von Freiheit und Sicherheit, die der Terror angreift, nicht nur ihr Hedonismus und ihre frivole Liberalität, wie es die Dschihadisten sehen, es ist auch ihre soziale Technik. Es ist ihre Form von Regieren und Regiert-Werden. Es ist ihr Narrativ. Der Zerfall von Gesellschaft und Kultur wird auf diese Weise durch Terror und Amoklauf beschleunigt, sogar unabhängig vom realen Ausmaß der Gefahr.

Diese etwas trostarme Situation angesichts solcher Katastrophen, die weder eindeutig "die Natur", noch eindeutig einen erklärten "Feind" zum Gegenüber haben, besteht in einem Dispositiv zum Fatalismus. Am Beginn der Aufklärung stand die Erfahrung eines Erdbebens, gegen das Vernunft wie Moral machtlos waren – es war schon schwierig genug, den Rückfall in die Phantasmen von Gottesgericht und verdienter Strafe zu verhindern. An ihrem Ende stehen die "menschengemachten" Katastrophen. Sie treffen Gesellschaften im Westen, die in Markt, in individuelle Freiheiten und in regressive Gemeinschaften und Subkulturen zerfallen sind, und die das Interesse an sich selbst verloren haben.

In den medialen Dramaturgien der Widergabe von Terrorakten und Amokläufen gibt es noch einmal ein Empfinden der verlorenen Gemeinsamkeit – als schmerzhaften und dann eben doch rasch wieder so obszön lustvollen Flash. Kaum ist diese Gemeinschaft so sprachlos und jenseits aller Kontrolle und Transparenz erlebt, verschwindet sie auch schon wieder. Das Fernsehen nimmt sein gewohntes Programm wieder auf, das letzte Selfie vom Tatort ist gepostet. Ich war da. Wirklich. Wahnsinn.

Was wir jetzt tun müssen

5. Terror macht böse, müde, dumm

Dass wir manches nicht erklären können, liegt nicht nur in der Natur der Sache, sondern in der Idee des Erklärens selbst. Denn jedes Verstehen – auch wenn es längst nichts mit dem gefährlichen "Verständnis zeigen" zu tun hat – beinhaltet die Gefahr, sich am Verstandenen zu infizieren. Noch das differenzierteste Verstehen ist eine Form der Akzeptanz. Was ich verstehe, findet zumindest innerhalb meiner Welt statt, weshalb Nicht-Verstehen auch eine Form des Schutzes ist.

Terror macht böse. Es war eine große, wichtige Geste, mit der der französische Autor Antoine Leiris 2015 den Attentätern entgegen hielt: "Meinen Hass bekommt ihr nicht". Es ist wirklich sehr schwer zu sagen, wie viele Menschen dazu fähig sind. Angesichts der Toten nicht zu hassen hat etwas schier Übermenschliches an sich.

Terror macht müde. Kaum einer, der sich ein Statement abringen muss, während er doch weder etwas sagen will, noch etwas sagen kann, verzichtet auf den Hinweis: Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Politik verlangt sogar explizit von den Bürgerinnen und Bürgern, sich den Gefahren wieder auszusetzen, da "wir" uns nicht unterkriegen lassen dürfen. Natürlich gewöhnt sich niemand an Terror und Amoklauf, wohl nicht einmal an die Nachrichten und Bilder davon. Und doch ist das Gefühl des Stumpfwerdens unabwendbar. Die Katastrophe wird insofern zum Normalfall, als sie wahrhaft nichts ändert. Sie ist kein Kapitelwechsel, kein Wendepunkt, kein Erkentnisschub; das furchtbarste an ihr ist es gerade, dass alles so weiter geht wie vorher. Es gelingt unserer Erzählung nicht, die Opfer mit Sinn zu würdigen. Wie auch, wenn es uns nicht einmal gelingt, sie gegen den medialen Kannibalismus zu schützen?

Terror macht dumm. Theorien und Theoreme zu Terrorismus und Amoklauf gibt es zur Genüge, kluge und törichte, aufklärerische und ideologische. Aber es gelingt dieser (sich auflösenden) Gesellschaft nicht, aus ihnen einen Diskursraum zu erzeugen. Daher ergießt sich die ursprüngliche Sprachlosigkeit, die auch ein Versuch zur Verteidigung von Würde sein mag, in eine generelle Gedankenlosigkeit. Die Katastrophe wird nicht bearbeitet, sondern versenkt. Ihr Bild löst sich vor unseren Augen auf, ihre Partikel werden zu Bausteinen der populären Mythologie, demnächst erscheinen sie im Tatort oder in Magisterarbeiten.

Die Demokratie muss lernen

Was wäre, erwachend aus dem medialen Fegefeuer, zu tun? Es ist nötig, aus der rauschhaften Erfahrung einer Gemeinsamkeit in der Katastrophe ein gesellschaftliches Projekt zu formen. Dass jede Tat in sich unsagbar und unerklärbar ist, bedeutet nicht, dass sie keine Vorgeschichte, keine Umstände, keine Verstärkungen und Bestätigungen, keine Begleitumstände und keine freiwilligen oder unfreiwilligen Mittäter hätte.

Es ist nötig, was an aufklärerischer Energie noch vorhanden ist, zu bündeln, um eine offene, an keine Verdrängungsgebote oder soziale Taktiken gebundene Theorie der Subjekte des Terrors zu entwickeln, die nicht anders kann, als auch eine Theorie der Gesellschaft und ihrer Erosion und eine Theorie der Medien und ihrer Entfesselung zu enthalten. Niemand kann eine Katastrophe verhindern, denn es gibt kein System, das immun gegen Angriffe und immun gegen innere Widersprüche sei. Eines der großen Versprechen der Demokratie allerdings war es, dass es nicht nur ein anpassungsfähiges, sondern auch ein lernendes System sei, eines, das immer mehr Bewusstsein von sich und der Welt hat, kurzum, dass es zugleich Garant von Freiheiten und Instrument der Aufklärung sei.

Zum Projekt der Aufklärung zurück zu finden ist eine schwere Aufgabe, umso mehr, als auch sie sich in einer paradoxen Falle befindet: Jeder Terroranschlag und jeder Amoklauf ist auch ein Anschlag auf die Möglichkeit von Aufklärung. Jeder Terroranschlag und jeder Amoklauf ist auch eine Forderung, Aufklärung zu verwirklichen. Insofern wären wir schon einen Schritt weiter, wenn wir nicht länger so gebannt der Dramaturgie von Hysterisierung und Vergessen folgten.

Wir können nicht verhindern, dass soziale, politische und menschliche Katastrophen geschehen. Aber wir können verhindern, dass sie zum unaufgeklärten, unverstandenen, medialisierten, ideologisch manipulierten, politisch und ökonomisch missbrauchten Normalfall werden.