Ein Anzug verleiht seinem Träger die Aura von Seriosität und Ernsthaftigkeit. Wer einem Kunden in dunklem Tuch, mit Krawatte und vielleicht noch Einstecktuch entgegentritt, der wirkt vertrauenswürdig. Deshalb müssen Bankangestellte auch bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius noch ein Sakko tragen. Anzüge gelten aber auch als Ausweis von Angepasstheit, von Männerherrschaft und Konservatismus.

Auf Fotos von Wirtschaftstreffen sind mitunter noch immer ausschließlich Herren in Anzügen zu sehen. Frauen kommen in dieser Welt nicht vor. Im 1955 erschienenen Roman Der Mann im grauen Anzug des amerikanischen Schriftstellers Sloan Wilson, der mit Gregory Peck verfilmt wurde, ist die Kleidung das Symbol für die Trostlosigkeit der Nachkriegszeit, in der Konsum zur Ersatzreligion wird. Michael Ende lässt in seinem dystopischen Kinderbuch Momo graue Herren auftreten, fahle Anzugträger, die Zeit als Zigarren rauchen und die Weltherrschaft anstreben.

Der Anzug ist so allgegenwärtig, dass er nur noch im Ausnahmefall bemerkt wird. So erregte Joschka Fischer Aufsehen, als er sich in einem groben Jackett, Blue Jeans und Turnschuhen zum Umweltminister vereidigen ließ. Und Gerhard Schröder löste einen Skandal aus, als er sich als Bundeskanzler in Maßanzügen des italienischen Modeunternehmens Brioni zeigte. Sozialdemokratie und Luxus, befanden seine Kritiker, das passt nicht zusammen.

Errungenschaft der bürgerlichen Gesellschaft

Der Männeranzug, schreibt Anja Meyerrose, unterscheide sich von anderen Bekleidungen dadurch, "dass er sich scheinbar über Hunderte von Jahren nur in Details verändert hat. Während Kleidung sonst als modisch gilt, das heißt, dem ständigen Wandel unterworfen sein soll, scheint gerade der Männeranzug aus der Geschichte gefallen, faktisch gleich geblieben." Das stimmt natürlich nicht, sonst hätte die Historikerin kaum ein 400-seitiges, überaus lesenswertes Buch über den Aufstieg des Anzugs zur globalen Uniform veröffentlichen müssen. Der Anzug gehört zu den Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Er steht für den Siegeszug des Kapitalismus. Wenn heute immer mehr Angestellte in China einen Anzug tragen, zeigt sich, wie weit das westliche Wirtschaftssystem vorgedrungen ist.

Allerdings geht im Westen selber die Zahl der Männer, die Anzüge tragen, schon seit den siebziger Jahren zurück. Der Herrenanzug ist ein Produkt der Demokratisierung, in ihm drückt sich die Forderung nach "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" aus, die Parole der französischen Revolution. Als im Mai 1789 die Generalstände in Versailles zusammentraten, folgte der Einmarsch der Delegierten einem strengen Hofzeremoniell. Zuerst durften die Aristokraten, gekleidet in Samt und Seide, Brokat und Spitzen, zu ihren Plätzen gehen. Es folgten Bischöfe und Priester, die prachtvolle Prunkgewänder trugen.

Währenddessen mussten die Abgeordneten des Dritten Standes stundenlang warten. Spitzen, Stickereien und Gold waren ihnen verboten. Ihre Kleidung musste aus schwarzer Wolle sein. Die vom Hof befohlenen Standesunterschiede in der Kleidung wurden bald abgeschafft, aber die Revolutionäre trugen auch weiterhin schlichte, unprunkvolle Kleidungsstücke. Die Sansculotten grenzten sich von der "lächerlichen, unbequemen und verrückten Kleidung" der sozial Höhergestellten ab, indem sie ein "edles und bescheidenes Gewand" anzogen. Die ihnen verhassten "Culottes" waren Kniehosen, die von Adligen getragen wurden.