Der Amerikaner Hiram Johnson wird gern mit den Worten zitiert, die er vor ziemlich genau hundert Jahren geäußert haben soll: "The first casualty when war comes is truth." Das erste Opfer des Kriegs sei immer die Wahrheit.

Seit dem Referendum muss ich immer wieder an diesen berühmten Satz denken. Nicht, dass ich die innere Spaltung des britischen Volks, die von Angst, Unzufriedenheit und Wut geprägt ist, als "Krieg" beschreiben will. Allein die Wortwahl der Menschen und Medien im nicht mehr wirklich vereinten Königreich ist alarmierend. Sie sprechen offen von "hostilities between Leavers and Remainers", von "revolutionary mood" und sogar von "civil war". In Europa wurden solche Feindseligkeiten zuletzt aus dem zerbrechenden Jugoslawien und aus dem Norden Irlands berichtet. Es ist deshalb verantwortungslos, eine Eskalation herbeizureden.

Der Brexit polarisiert die Briten. Anthony Glees, Historiker und Politologe an der Buckingham University und selbst für eine Mitgliedschaft in der EU, ist besorgt über die neue Situation: "Es ziehen sich tiefe Risse durch unsere Gesellschaft: durch Familien, durch Kollegen- und Freundeskreise. Ich fürchte, dass sich die Anfeindungen weiter verschärfen, die Fronten weiter verhärten und die Verbitterung zunehmen werden."

Das erste Opfer ist das Vertrauen

Die Lage ist explosiv. Und dass ihr schon Wahrheiten zum Opfer gefallen sind, haben die offenkundigen Unwahrheiten gezeigt, die sich die Brexit-Kampagnenführer zurechtgeschnitzt hatten. Besonders perfide war die Bemerkung des mittlerweile zurückgetretenen Ukip-Chefs Nigel Farage, auf dem Weg "zur Unabhängigkeit" sei kein Schuss gefallen. Den Mord an der Parlamentsabgeordneten Jo Cox ließ er außer Acht.

Allein das wirft ein erschreckendes Bild auf den Zustand der schon immer viergeteilten und nun auch politisch zerklüfteten britischen Nation. Der Philosoph A.C. Grayling, ebenfalls ein leidenschaftlicher Remainer, sagt: "The cruel credulity of Leavers has triggered a constitutional crisis." Die herzlose Gutgläubigkeit der Befürworter habe eine Staatskrise ausgelöst. Frei nach Hiram Johnson scheint das erste Opfer des Brexit das Vertrauen eines ganzen Volks zu sein.

Dass es noch viel kritischer um den inneren Zustand meiner zweiten Heimat bestellt sein könnte, begriff ich zwei Tage nach der Abstimmung: Viele Briten sprechen nicht mal mehr miteinander! Ich bemerkte es zuerst im Victoria and Albert Museum, wo eine Gedenkfeier für den verstorbenen Verleger und Oberhaus-Abgeordneten George Weidenfeld stattfand. Er hatte einst die britische Regierung beraten, als das Land der Europäischen Gemeinschaft beitrat.

Als einer der Festredner des Abends war auch der britische Justizminister und Brexit-Befürworter Michael Gove angekündigt worden. Da eine große Mehrheit der 400 Gäste Brexit-Gegner waren, wurde Goves Auftritt mit besonderer Spannung erwartet. Obwohl er seit Langem ein Europaskeptiker ist, während George Weidenfeld immer ein Europa-Enthusiast war, pflegten sie ein vertrauensvoll freundschaftliches Verhältnis. Bis zu dem Moment, in dem Gove mit seinem Einsatz für das Brexit-Votum dazu beigetragen haben dürfte, dass sich Weidenfeld einmal kräftig in seinem Grab auf dem Jerusalemer Ölberg gedreht hat. Früher hatten sie eine typisch britische Verbindung: geprägt von kontroversen politischen Auffassungen und gegenseitiger Neugier und Toleranz.

Respektvoll und aufgeschlossen

Ich erinnere mich an ein Abendessen vor einigen Jahren, an dem Gove noch als konservativer Oppositionspolitiker teilnahm und ihn Weidenfeld als "großes politisches Talent" vorstellte. Der damals knapp 40-jährige Gove kommunizierte bereits wie ein alter Hase: mit klaren Standpunkten und doch gesprächsoffen, mit Angriffslust und doch versöhnlich und gesellig. Obwohl ihm mit Sicherheit nicht die politischen Sympathien aller Anwesenden galten, war die Gesprächskultur – wie immer bei solchen Anlässen – nicht feindlich, sondern respektvoll und konstruktiv.

Zur Auflockerung trug Gove übrigens mit einer Swatch-Uhr bei, die das Konterfei des kubanischen Revolutionsführers Che Guevara zeigte. Die Runde amüsierte sich prächtig über das lustige, politisch obszöne Objekt und nannte ihren Besitzer "Che Govera". Egal, wie man zu dem Schotten stand, der im Arbeitermilieu groß geworden war und nun mit allen Mitteln im konservativen Lager aufsteigen wollte – Gove machte es einem mit seiner Selbstironie leicht, ins Gespräch zu kommen und ungezwungen mit ihm umzugehen.

Nun, nach dem Referendum, wirkt die Lage plötzlich so, als könnten diese typische britische Aufgeschlossenheit, die Ungezwungenheit und die Toleranz der neuen Großkrise zum Opfer fallen. Viele Briten in meinem Bekanntenkreis – nicht selten Journalisten – hatten die jahrelangen Debatten über Europa immer auch als spielerisch und ironisch betrachtet, bis es Schatzkanzler George Osborne im Frühjahr öffentlich auf den Punkt brachte: "Europe is not some political parlour game." Das war eine Warnung: Das ist kein Zeitvertreib und kein Spiel. Die Lage ist ernst, und sie kann noch viel ernster werden.

Und auf einmal ist tatsächlich Schluss mit lustig.