Mehrere Gäste der Weidenfeld-Gedenkfeier hatten vor der Veranstaltung mit Unmut und Ablehnung auf den angekündigten Auftritt von Michael Gove reagiert. Für britische Verhältnisse war das untypisch intolerant. "Ich könnte ihn lynchen", sagte eine ältere Lady. "Am liebsten hätte ich ihn wieder ausgeladen", sagte jemand aus Weidenfelds Familie. "Ich will von ihm nichts mehr hören", betonte ein englischer Bankier. Und Stanley Johnson, konservativer Politiker, Brexit-Gegner und Vater des Brexiteers Boris, sagte: "Ich rede gern mit ihm, aber nicht über diese Sache – Sie wissen schon!"

Auch im gegnerischen Lager wurde harsche Kritik laut. David Owen, früherer Außenminister und Mitgründer der britischen Sozialdemokraten, klagte: "Mit Brexit-Gegnern kann man nicht mehr reden, sie hören nicht zu, und sie wissen alles besser."

So passte es zur Stimmung, dass Michael Gove seine Rede absagte und gar nicht erschien. Es lag bestimmt nicht an den derzeitigen Verhandlungen über seine Kandidatur zum konservativen Parteivorsitz. Nein, es waren wohl eher seine Angst vor einem Zusammenprall und womöglich auch die Pietät gegenüber Weidenfeld, die ihn von der Teilnahme absehen ließen.

Der Politologe Anthony Glees ist sich sicher: "Solche Haltungen sind eine Million Meilen entfernt von der typischen britischen Diskussionskultur. Ich selbst habe es vergangene Woche bei meinem Friseur vermieden, nur ein Wort über Brexit zu wechseln. Auf einmal reden wir nicht mehr miteinander!"

Eine neue Form der Sprachlosigkeit

Offenbar hat das Referendum den Briten in beiden Lagern die Freiheit genommen, miteinander zu sprechen. Genau diese Freiheit habe ich in meiner Schulzeit, während meines Studiums und in unzähligen Dialogen schätzen gelernt. Dieser erste Eindruck deckte sich mit den Gesprächen, die ich mit Taxifahrern und Politikern, Managern und Ladenbesitzern, Philosophen und Polizisten geführt habe. Das bislang empfindlichste Opfer des Brexit ist demnach die Voraussetzung jeder Wahrheit: das offene, unvoreingenommene Gespräch, das man früher unter Kontrahenten führte, bevor man gemeinsam ein Bier trank.

Die neue Form der Sprachlosigkeit erschreckt mich, weil ich sie noch nie in England erlebt habe. Vorurteilsfreie und tolerante Kommunikation ist tief in der englischen Geistes- und Rechtsgeschichte verankert und in indirekter Form schon im Habeas-Corpus-Gesetz von 1679 zu finden. Damals wurde zum ersten Mal formuliert, dass ein Angeklagter, der nicht schuldig gesprochen ist, nicht incommunicado gesetzt, also nicht in Haft genommen werden darf. Das Prinzip communicado hat die Untertanen über Jahrhunderte stark und ihr Königreich so anziehend gemacht. Schweigen hingegen kommt in Großbritannien demnach traditionell einer Verurteilung gleich. Es bedeutet auch: Wer nicht mehr mit den anderen spricht, nimmt sie in geistige Haft und setzt sie einer Vorverurteilung aus.

Es hat diese Kultur für mich immer so attraktiv gemacht, dass es diese Vorverurteilung nicht gibt. Diese Attraktivität schwindet, seitdem Gove geschwiegen hat.