Alle Überlebenden sollen ihre Erinnerungen aufschreiben, das sei sein Wunsch, sagte Elie Wiesel 1997 der New York Times. "Ich bedränge jeden Überlebenden, den ich treffe. Am Anfang war das für viele sehr schwierig, aber jetzt schreiben sie. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele." Tatsächlich, die Zahl der in der Schoah getöteten Juden ist vermeintlich bekannt, je nach Lager, Tötungsort oder "Aktion" manchmal sogar bis auf die letzte Stelle. Aber die genaue Zahl der Überlebenden bleibt im Dunklen. Klar ist nur, dass sie täglich kleiner wird. Vor mehr als zwei Wochen, am Feiertag Schawuot, gehörte Elie Wiesel noch zu ihnen. Jetzt ist der Schriftsteller, Aktivist und Friedensnobelpreisträger im Alter von 87 Jahren in Manhattan gestorben.

"Ich glaube daran, Zeugnis abzulegen, mehr als an alles andere", erklärte Wiesel 1997 seine Bitte an andere Überlebende, es ihm gleichzutun. Seine eigenen Erinnerungen an seine Deportation als 15-jähriger Junge vom ungarischen Sighet nach Auschwitz, den Todesmarsch nach Buchenwald und die Befreiung durch die US-Armee schrieb er, nach Zögern, 1954 auf. Das erste jiddische Manuskript hatte 900 Seiten und wurde stark gekürzt in Buenos Aires unter dem Titel Un di velt hot geschvign 1956 veröffentlicht. Von Wiesel selbst ins Französische umgeschrieben, erschien es zwei Jahre später als La Nuit in Frankreich, zwei Jahre später als Night in den USA, noch einmal zwei Jahre später als Die Nacht zu begraben, Elischa in Deutschland, mit einem Vorwort von Martin Walser. 

Weder auf Jiddisch noch auf Französisch noch auf Englisch noch auf Deutsch war das Buch ein sofortiger Erfolg, erst später wurde es zu einem der zentralen Erinnerungstexte der Schoah. Das Schweigen vieler Überlebender wurde erst mit dem Eichmann-Prozess gebrochen. Nicht, dass es vorher eine allzu große interessierte Zuhörerschaft gegeben hätte. Selbst der Literaturnobelpreisträger François Mauriac, der Wiesel in einer denkwürdigen Begegnung überhaupt erst dazu gebracht hatte, seine Geschichte aufzuschreiben, stellte in seinem Vorwort zu La Nuit fest, dass "wir glauben könnten, bereits alles zu wissen, was man wissen kann". Dies zu einem Zeitpunkt, als es, von vereinzelten Studien von H.G. Adler, Joseph Wulf und Léon Poliakov abgesehen, kaum historische Forschung und kein nichtjüdisches öffentliches Bewusstsein für das gab, was Wiesel erlebt und knapp überlebt hatte. Le Dernier des Justes von Wiesels Freund André Schwarz-Bart gewann erst im folgenden Jahr den Prix Goncourt, dann folgten 1961 eine französische Ausgabe von Primo Levis Ist das ein Mensch? und Piotr Rawicz mit seinem Roman Le Sang Du Ciel.

Die Wiesels kommen nach Auschwitz

Der "Elischa" des Titels der deutschen Erstausgabe ist Wiesel selber, der als Eliezer 1928 im heutigen Sighet in den Karpaten geboren wurde. Damals gehörte die Stadt zum Königreich Rumänien, nach dem Wiener Diktat 1940 wird Nordtranssylvanien Teil von Ungarn. Die Wiesels fühlen sich von diesen geografischen Veränderungen nur indirekt betroffen: "So riefen wir nun ‘Gott schütze Ungarn!’ mit der gleichen Begeisterung, mit der wir vorher ‘Lang lebe der König!’ gerufen hatten." schreibt Wiesel in seinen Memoiren Alle Flüsse fließen ins Meer. Neben Jiddisch sprechen sie sowieso die Sprachen beider Länder, ebenso wie Deutsch und Hebräisch. Aber das biblische Hebräisch, nicht das moderne Iwrit der zionistischen Bewegung, mit der die frummen Wiesels nichts zu tun haben wollen. 

Der junge Eliezer "studiert tagsüber den Talmud und rennt nachts in die Synagoge, um die Zerstörung des Zweiten Tempels zu beweinen". Der Glaube strukturiert seine innere und äußere Welt, noch in die drohende Zerstörung hinein. In Ungarn, wie in Rumänien und Polen, nimmt der Antisemitismus in den dreißiger Jahren zu. Aber es ist erst die deutsche Besatzung, die Verfolgung zur Vernichtung macht. Am Rand von Sighet werden zwei Ghettos errichtet. Die Deportationen beginnen im Mai 1944. Die Wiesels kommen nach Auschwitz.

Nach der Ankunft werden Eliezer und sein Vater Schlomo für den Arbeitsdienst selektiert, seine Mutter Sarah und die kleinste Schwester Tzipora werden sofort ermordet. Auch während der Zwangsarbeit in Auschwitz III, dem Arbeitslager Monowitz, bleibt Eliezer mit seinem Vater zusammen, auch die Todesmärsche im Januar 1945 nach Buchenwald überleben sie gemeinsam. In Buchenwald wird Schlomo Wiesel von einem SS-Mann erschlagen, während sein Sohn im Bett über ihm liegt. Drei Monate nach seiner Ermordung wird das KZ befreit. Nachdem er fast an einer Blutvergiftung stirbt, kommt Eliezer schließlich in ein französisches Waisenhaus.

In Frankreich nimmt Wiesel mit Freude sein Torah-Studium wieder auf, besucht aber auch Vorlesungen von Sartre und liest Dostojewski, Thomas Mann und Kafka. Er bemüht sich vergeblich, Mitglied in der zionistischen Untergrundbewegung Irgun zu werden, stattdessen berichtet er über den Krieg in Palästina und die Staatsgründung Israels für eine französische Zeitung. Als Paris-Korrespondent für die israelische Tageszeitung Yedioth Ahronoth bemüht er sich 1954 um ein Interview mit dem Premierminister Pierre Mendès France und bittet den Schriftsteller François Mauriac um Hilfe. Der große Katholik Mauriac, so erinnert sich Wiesel später, könne nicht anders, als immer wieder Jesus zu erwähnen, bis Wiesel erwidert, dass er "vor 10 Jahren Hunderte jüdische Kinder gesehen habe, die mehr gelitten haben als Jesus, und darüber reden wir bis heute nicht". Nach einem dramatischen Abgang sitzen sich beide Männer stumm – "Mauriac schluchzend, ich abgeschottet in meiner Reue" – gegenüber, bis Mauriac sagt: "Vielleicht sollten sie doch darüber reden."