Körperbeschimpfung als Kampfmittel

Unlängst bezeichnete der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic seine Wiener Kollegin Stefanie Sargnagel als "sprechenden Rollmops".  Es war die letzte Eskalationsstufe in einem Streit, der einmal mit einer Auseinandersetzung über die Wähler des rechten FPÖ-Politikers Norbert Hofer begonnen hatte. Und der kurz nach Sargnagels Lesung beim Bachmann-Preis für einigen Wirbel in den Medien sorgte. Glavinic stand mit seiner Körperbeschimpfung keineswegs allein da. Sargnagel, die offenbar einiges gewohnt ist, hatte schon ein paar Tage zuvor das Verhalten derer, die mit ihr nicht einverstanden sind, aber offensichtlich keine eloquente Weise finden, darüber Auskunft zu geben, folgendermaßen zusammengefasst:

"Das Trollen mit Rechten auf Twitter geht zuverlässig immer so:
Ich sag was lustiges,
sie sagen was unoriginelles, fades.
Ich sag was sehr lustiges,
unoriginelle, langweilige Reaktion.
Ich sag was noch viel lustigeres
sie: "Du bist fett, hast urviel kilo, bist so fett und schirch, wollen dich nicht pudern!
-Vorhang-"

Dass Frauen, die sich öffentlich äußern, viel Hass entgegenschlägt und – vor allem im Internet – gerne auch jede Menge Gewalt angedroht wird, ist bekannt und wohlbelegt. So veröffentlichte der britische Guardian unlängst eine Studie, die zeigte, dass von seinen zehn in den Onlinekommentaren am meisten geschmähten Autoren acht Frauen sind (die anderen beiden sind schwarz). Besondere Konjunktur scheint derzeit aber gerade, wie nicht nur Stefanie Sargnagel diagnostiziert hat, die Beleidigung von Frauen als unschön, hässlich, dick zu haben, jedenfalls als sexuell unattraktiv und des Bettes des Beleidigers nicht würdig. Nicht nur in Österreich ist das mittlerweile zur beliebten Ersatzhandlung für politische Gegenargumente geworden und geradezu zum Markenzeichen von rechtspopulistischen Angriffen auf alles, was als weiblich, liberal, links, feministisch oder weltoffen wahrgenommen wird.

Catherine Newmark lebt in Berlin und arbeitet als Kulturjournalistin mit Schwerpunkt Film, Philosophie und Geisteswissenschaften. Sie ist Autorin und Redakteurin bei Deutschlandradio Kultur und beim "Philosophie Magazin" sowie Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Natürlich kann man darin eine kulturhistorisch wohletablierte Tradition der männlichen Objektivierung von Frauen sehen, ihrer Reduzierung auf Sexualität und damit auf ein Hingeordnetsein zum Mann, mittels derer versucht wird, allzu meinungsstarke Frauen "auf ihren Platz zu verweisen", wie es die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach gestern im Deutschlandradio Kultur sachkundig erläuterte.

Und man kann darauf mit wohlkalkulierter Wut reagieren, wie die Zürcher Studentin Maaike Kellenberger, die jüngst unter dem Titel Ich schulde niemandem Schönheit zum Gegenangriff überging: "Sag, ich sei nicht informiert. Sag, ich sei ignorant. Sag, ich mache meine Arbeit nicht gut. Sag, ich sei böse. Sag, ich sei desinteressiert. Sag, ich sei inkompetent. Sag, ich sei destruktiv. Sag, ich sei kleinlich. Sag, ich sei grob. Sag, ich sei unbedacht. Hör auf, hässlich als weibliches Pendant zu all den miesen Dingen zu betrachten, die ein Mensch, ein Mann, sein darf – und die auch ich hin und wieder bin."

Bleibt aber nicht nur die Frage, warum ausgerechnet jetzt das längst abgenutzte Klischee der hässlichen Emanze wiederbelebt wird, sondern auch, warum gerade die rechtspopulistische Ecke ihre zentrale "Sorge", nämlich die Angst vor Migranten, so oft mit einem Angriff auf Frauen verbindet. Sind das nicht dieselben Menschen, die in wütenden Leserbriefen, zumal wenn es um Muslime und Themen wie Kopftücher oder Händeschütteln geht, als einen der deutschen Grundwerte die Gleichberechtigung von Mann und Frau beschwören? Und unsere Frauen vor den Übergriffen der viel zu vielen Migranten der letzten Monate beschützen wollen? Warum ist der Kampf gegen den Feminismus, oder gegen Äußerungen von als feministisch bezeichneten Frauen, so sehr zum Zentrum des sich derzeit stetig verschärfenden Kulturkampfes von Rechts gegen eine offene Gesellschaft geworden?

In der Schweiz schlug unlängst der Fall des ziemlich krawalligen rechten SVP-Nationalrates Andreas Glarner Wellen. Er ging zwei Frauen, die ihm auf Twitter sachangemessen das Verbreiten von Falschinformationen vorgeworfen hatten, auf Facebook mit genau dieser Technik an, indem er neben ihren Fotos postete, er verstehe "irgendwie schon, warum sie links und feministisch" seien. Glarners Freunde sekundierten ihm mit weiteren Hasstiraden und Beschimpfungen. Interessant war dieser Fall vor allem deshalb, weil eine seiner Folgen – neben dem zeitweiligen Sperren von Glarners Facebook-Account – eine kleine Sternstunde des Journalismus war. Die Zürcher Wochenzeitung WOZ nämlich machte einen der wütendsten Kommentatoren ausfindig und führte mit ihm ein langes, unaufgeregtes und unglaublich erhellendes Interview

Der in der veröffentlichten Version Herr Zürcher genannte Internettroll hatte sich auf Facebook unter Nationalrat Glarners Post mit folgender Aussage hervorgetan: "Dass die meisten hässlichen Frauen links sind, ist nicht grundlos. Schliesslich hoffen sie, dass wenigstens ein verzweifelter Migrant bei ihnen drüber geht. Bevorzugt Moslems, die verwenden eine Burka und einigermassen gut ist."

Das Gespräch, das die beiden WOZ-Journalisten Daniel Ryser und Carlos Hanimann daraufhin mit ihm geführt haben, ist vor allem deshalb so faszinierend, weil sich die beiden ganz schlicht und vor allem interessiert mit Herrn Zürcher unterhalten und versuchen, ihn zu verstehen. Großartig etwa der Passus, wo sie nach der genauen Bedeutung von "drübergehen" nachfragen: "Sie verstehen das Wort nicht?" "Was meinen Sie damit?" "Sex." "Freiwillig?" "Schon freiwillig, ja."

Gerade weil die beiden Journalisten sich des vorschnellen empörten Urteils weitgehend enthalten, sich mithin nicht schon von Anfang an auf der anderen Seite des Kulturkampfgrabens im herablassenden moralischen Überlegenheitsgestus verschanzen, erfährt man in der sachlichen und unpolemischen Unterhaltung sehr viel darüber, wie Herr Zürcher die Welt sieht. Leider sind in der im Internet veröffentlichten Version mittlerweile viele Passagen eingeschwärzt, aber es ist noch immer genug Material nachlesbar, um ein ziemlich gutes Bild von Herrn Zürcher zu gewinnen. Er ist Informatiker, offensichtlich intelligent und zur Selbstreflexion fähig, und bezeichnet sich selber als Patrioten. Ihn treibt die Sorge vor der Überfremdung der Schweiz um, er sagt sehr hässliche Dinge über Flüchtlinge im Allgemeinen (gegen einzelne Menschen hat er eigenen Aussagen zufolge nichts). Aber er spricht auch sehr offen darüber, dass er jetzt schon zum zweiten Mal mit einer Osteuropäerin verheiratet sei, die sehr gut aussehe, und die er nur dank des ökonomischen Gefälles als Partnerin gewinnen hätte können. Er legt mithin alle Motive ganz offen auf den Tisch, die soziologisch den Typus des sich in einer modernen Ordnung der Gesellschaft nicht mehr besonders heimisch fühlenden Mannes auszeichnen. Seiner Bezeichnung von linken Frauen als hässlich entspricht ziemlich genau seine Selbsteinschätzung, dass ihm unabhängige ("linke") Schweizer Frauen nicht zugänglich sind.

Das Gefühl des Zurückgelassenwerdens durch die Umwälzungen der Geschlechterordnungen

Das kann man alles unsäglich finden, als grob menschenverachtende und inkohärente rechte Geisteshaltung abtun, gegen die anzukämpfen ist. Aber ist es nicht viel interessanter, dieses hysterische Aufbäumen einer jungen Generation von Männern im Netz, die sich in Zeiten sexueller Liberalität nach längst vergangenen patriarchalen Privilegien sehnt, in seiner inneren Logik zu verstehen zu suchen? Es gibt dafür auch eine Wissenschaft, sie heißt Gender Studies, und ist in ihren besten Momenten tatsächlich in der Lage, genau diese Zusammenhänge zwischen dem rechtspopulistischen Unbehagen an der Moderne, der Angst vor der Globalisierung und dem wirtschaftlichen Abstieg sowie dem Gefühl des Zurückgelassenwerdens durch die Umwälzungen der Geschlechterordnungen der letzten Jahrzehnte analytisch zu beschreiben. Und zu zeigen, wie politische Haltungen mit Haltungen zur Sexualität, zur Gesellschafts- und Geschlechterordnung, innig verwoben sind, in Deutschland genauso wie in anderen Weltteilen. Für die arabische Welt hat das zum Beispiel Shereen El Feki in ihrem Buch Sex und die Zitadelle großartig analysiert.

Weniger wissenschaftlich, aber umso ironischer, hat Stefanie Sargnagel das Problem in einem Beitrag für die radikalfeministische Wiener Performance-Truppe Burschenschaft Hysteria im Juni auf den Punkt gebracht:

"Dieser Rechtsruck, der sich den Schutz der Frauen auf die Fahnen schreibt, während dieselben Menschen Frauen, die nicht spuren, Vergewaltigungen wünschen, sie als fette Huren beschimpfen, ihnen die Frauenhäuser nehmen, das Recht auf Abtreibung einschränken und sie in möglichst wenig öffentlichen Positionen sehen wollen, nährt sich durch die Angst vor politischem Islam, der eh ähnliche Ambitionen hat. Im Grunde geht's um einen aggressiven Wettbewerb zweier Patriarchate, dem wir einzig und allein eines entgegensetzen können: Die uneingeschränkte Einführung des Matriarchats. Den Rückzug von Männern in den privaten Bereich, in dem sie den Schutz und die Entmachtung spüren, die sie längst brauchen. In dem sie durch Fürsorge und der Gestaltung eines liebevollen Nests endlich die emotionale Reife lernen, nach der sie sich insgeheim sehnen. Heil Hysteria."

Mit den satirisch überzogenen Maximalforderungen der Burschenschaft Hysteria muss man nicht ernsthaft mitgehen. Aber es wäre von Vorteil, sich wieder mal klar zu machen, dass Feminismus und Genderforschung keine überflüssigen Hobbys gebildeter Frauen sind oder gar ein ideologischen Verblendungszusammenhang, der weltverschwörerisch an der Natur vorbeizuregieren sucht. Sondern vielmehr ziemlich gute Werkzeuge zur Beschreibung des anhaltenden Ringens um die Umsetzung grundlegender Ideale der Moderne – individuelle Freiheit etwa, oder der Abschied von archaischen Gesellschaftsstrukturen zugunsten einer Vielfalt von Lebensformen.

Klar allerdings auch, dass Gender Studies sich dabei nicht einzig auf die Benachteiligung von Frauen beschränken dürfen, sondern gerade angesichts der beschriebenen Phänomene mal wieder dezidiert und konzentriert mit Männern beschäftigen sollten. Nicht mit der Frage, ob sie schön oder hässlich sind, sondern damit, was sie so denken und wie es ihnen so geht. Und wie sie eigentlich mit den widersprüchlichen Anforderungen und Rollenerwartungen der Gegenwart umgehen. Denn wenn uns Herr Zürcher eins lehrt, dann dies: hinter dem Angriff auf angeblich hässliche Feministinnen steht nicht nur ein Zweifel an der eigenen Attraktivität, sondern ein ganz grundsätzliches Unbehagen am Heute, das bei Ausfälligkeiten gegen Frauen nicht stehen bleibt, sondern in eine umfassende Ablehnung von Anderem und Anderen mündet.