Der Amerikaner Jack LeLanne nannte sich selbst "godfather of modern fitness". In den 1950er Jahren begann er im Fernsehen aufzutreten, um seine Mitmenschen für Fitness und gesundes Leben zu begeistern. Ich erinnere mich gut daran, wie er 40 Jahre später in der Dauerwerbesendung Jack LeLannes Power Juicer einen Entsafter bewarb: "Leute, ringt euch endlich dazu durch, etwas zu tun! Und zwar für die wichtigste Person in eurem Leben: für euch!" Welche Wunder geschehen, wenn man sich einmal durchgerungen hat? Davon zeugte die nächste Szene, eine Filmaufnahme von 1984: Jack LeLanne schwimmt mit Hand- und Fußfesseln und angeseilt an 70 Boote (es ist sein 70. Geburtstag), die mit je einer Person beladen sind, mehr als zwei Kilometer. Nur ein Gläschen Saft am Tag, so lautet das Versprechen, und man kann noch im hohen Alter Berge versetzen.

Annekathrin Kohout ist freie Kunstwissenschaftlerin, Autorin und Fotografin. Auf ihrem Blog "sofrischsogut.com" schreibt sie über Kunst, Popkultur und Internetphänomene. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Bei Jack LeLanne klang bereits vieles an, was in der heutigen Fitnesskultur selbstverständlich ist. Vor allem, dass es sich dabei um die Entscheidung für einen ganz bestimmten, oft asketischen, Lebensstil handelt. Daher spricht man auch von Fitness als einer Ersatzreligion – und niemand hat das so gut verkörpert wie dieser Mann. Nicht nur, weil er sich selbst als Guru verstand. Sondern vor allem, weil er für alle Lebensbereiche umfassende Regeln aufstellte und klare Kriterien für 'richtig' und 'falsch' besaß. Nach einem Regelbruch kommt man zwar nicht mehr in die Hölle, aber man wird krank.

Heute wird der Kult um Fitness und Gesundheit nirgendwo so demonstrativ zelebriert wie auf Instagram. Ein typisches Bild? Zeigt keinen 70-jährigen Schwimmer, der Boote hinter sich herzieht, sondern eine junge Frau im Bikini, die in den Spiegel eines luxuriösen Hotelzimmers blickt. Sie ist durchtrainiert, stellt dennoch ein Bein nach vorne aus, um den Abstand zwischen ihren Schenkeln etwas größer erscheinen zu lassen. Das hat sie von der Hashtag-Aktion #thighgaps gelernt: Je breiter die Lücke zwischen den Beinen, desto besser – heißt schlanker. Ihr Bauch ist muskulös, ihre Brüste sind etwas vergrößert. In ihrer linken Hand hält sie eine Kamera, mit der sie sich selbst durch den Spiegel fotografiert. Sie saugt die Wangen ein und schürzt die Lippen, man nennt es duckface. Mit ihrer rechten Hand umklammert sie einen Trinkbecher von einem Hersteller für Abnehm- und Fitnessprodukte.

Wie unzählige Instagram-Kolleginnen veröffentlicht sie auf ihrer Seite Bilder vom persönlichen Work-out und von gesunden Snacks und natürlich von den Resultaten der Körperarbeit. Betrieben werden derartige Accounts aber nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von Unternehmen. Sie erfreuen sich überdurchschnittlich großer Beliebtheit: Zahlreiche Accounts haben Follower-Zahlen im sechs- bis siebenstelligen Bereich. Wie einst Jack LeLanne sollen heute die Frauen jener Instagram-Profile anderen als Ansporn dienen. Sie richten sich an alle, die mit einem neuen Trainingsprogramm oder einer Ernährungsumstellung gern auch ein bisschen ihr Leben ändern wollen. Doch während die Sendung von Jack LeLanne an Menschen "zwischen 3 und 93" adressiert war, sind die Instagram-Accounts nur einer sehr speziellen Zielgruppe gewidmet: Frauen zwischen 25 und 35.

Tatsächlich werden nahezu alle Fitness- und Lifestyle-Accounts von Frauen bespielt. Erst wenn es in den Bereich Bodybuilding geht, sieht es ausgewogener aus. Aber was bedeutet es, wenn die Idee des gesunden Lebensstils vor allem mit Frauen eines bestimmten Alters beworben wird? Es drückt aus, dass der Fitnesskult auf Instagram ein Schönheitskult ist. Kraft und Gesundheit sind keine eigenständigen Werbeträger mehr, sondern dienen als Legitimation, mit Frauen zu werben, die gegenwärtigen Schönheitsidealen entsprechen. Umgekehrt profitieren auch die Frauen von dem Bewerben ihres Körpers mit Fitness und Gesundheit: Sie können ihre schlanken bis durchtrainierten Körper einer Öffentlichkeit vorführen, ohne die Kritik fürchten zu müssen, krankhaft schön zu sein, die etwa die Kandidatinnen von Germany’s Next Topmodel immer wieder erfahren. Wo krankhafte Schönheit am Werk ist, so der schlussfolgernde Vorwurf, ist auch eine krankhafte Rezeption – sprich Bulimie – nicht weit.