Der kleine Tisch in unserer Trattoria, der streng genommen gar keiner war, gehörte mir. Er stand etwas gedrängt zwischen zwei größeren Tischen in der hinteren Ecke des Restaurants und wurde mal hierhin, mal dorthin geschoben. An ihm saßen nur selten Gäste. Ich saß dort gern. Man wurde kaum beachtet und hatte doch alles im Blick.

Wenn Fußballmeisterschaften liefen, war der Tisch plötzlich begehrt. Er stand nämlich gegenüber der Wand, an der mein Vater zu jeder WM und EM einen Fernseher montierte.

Ich war sieben Jahre alt, als er mich zum ersten Mal in diese Ecke setzte. In einem kleinen Fernseher unter der Decke wurde Fußball gespielt. Es musste ein wichtiges Spiel sein, das begriff ich sofort. Zum ersten Mal in meinem Leben sang ich eine Nationalhymne mit. Es war die italienische. Wir hatten die weißen Trikots, wir waren besser. Die Gäste johlten, der Koch kam ständig aus der Küche gerannt. Italien, das erfuhr ich erst später, spielte gegen Frankreich. Im Finale! Italien, also wir, lag in Führung. Ich hatte meinen Vater noch nie so aufgeregt erlebt. Er schrie den Fernseher an.

Bis zur vierten Minute der Nachspielzeit führte Italien. Proseccoflaschen, die der Pizzabäcker aus dem Keller geholt hatte, standen auf dem Tresen, bereit zum Köpfen. Dann schoss Frankreich ein Tor in der Verlängerung. Wütende Stille in der Trattoria. Mein Vater warf sein feines Glas gegen die Wand. Die Franzosen hatten gewonnen. Nach diesem ersten Fußballabend in der Trattoria weinte ich mich in den Schlaf.

In den Jahren danach wurde mir das Restaurant zu einem Rückzugsort. Es lag nur wenige Hundert Meter von meiner Schule entfernt und doch lagen Welten dazwischen. Man sprach sogar unterschiedliche Sprachen. In den Freistunden, wenn meine Mitschüler ihre Stullen und Möhrchen aus den Brotdosen kramten, ging ich in die Trattoria, bestellte mir eine Lasagne, las Zeitung oder unterhielt mich mit den Stammgästen. In der Mittagspause war die Trattoria leer. Die Kaffeemaschine surrte und ich machte Hausaufgaben.

Auftritt Gast, Show, Abtritt Gast

Dass bei uns zu Hause die Dinge eben anders liefen, verstand ich erst, als ich regelmäßig Freunde mit ins Restaurant brachte. Jedes Mal wunderte ich mich, dass alles, was Teil meiner Welt war, ihnen so fremd, so unterhaltsam erschien. Dass ich, einmal durch die Tür spaziert, plötzlich Italienisch sprach. Dass mein Vater auf einem Restauranttisch mit ihnen Armdrücken machte. Dass ich ihnen am Tresen eine Cola spendieren durfte.

Die Gäste in der Trattoria kamen und gingen. In der Zwischenzeit mussten wir sie unterhalten. Das war unsere Aufgabe. Auftritt Gast, Show, Abtritt Gast. Ich glaube, sie dachten, wir spielen das alles. Den Akzent meines Vaters, die kleinen Witzchen, die Bilder aus der Toskana. Aber das war echt.

Die Väter meiner Klassenkameraden waren Anwälte, Lehrer, Ärzte, Taxifahrer. Mein Vater war Italiener. War das jetzt doof oder war das cool?

Wenn Fußball lief, dann war es auf jeden Fall cool. Dann wurde aus dem Echten auch ein wenig Theater. 2006 war unser Jahr. Wir gingen einkaufen. In den Großwarenläden mit den endlosen Regalen und den vorgartengroßen Kühlbereichen. Wir schleppten das Fleisch in den Wagen, die Bierfässer, das Gemüse. Dazu kauften wir nun auch Fahnen und T-Shirts und italienische Fanartikel. Wir nahmen alles mit. Es war Weltmeisterschaft in Deutschland, und die Deutschen lieben nun mal ihre Italiener.