Schnell, fair und unparteiisch? – Seite 1

Ein privates Jubiläum: Seit 20 Jahren bin ich jetzt Journalistin. Zu den ersten Dinge, die mir während der Ausbildung beim Hessischen Rundfunk damals beigebracht wurden, zählten: Pünktlichkeit (wegen Radio), Sorgfalt bei der Recherche, Fairness. Und: Unparteilichkeit. Außer in Stücken, die speziell als "Meinung" ausgewiesen sind, hat die Berichterstatterin "neutral" Bericht zu erstatten; ihre Meinung gehört nicht mit hinein.

Schon damals befürchtete ich, dass diese abstrakte Unparteilichkeit, verstanden als Meinungslosigkeit, eher in das Reich der Sagen und Mythen gehört. Denn in den meisten Angelegenheiten hat jede*r eine Meinung, auch wenn er oder sie das leider selbst oft nicht weiß. Ich fragte den Dozenten, was zum Beispiel sei, wenn ich als Vegetarierin für eine Reportage ins nahegelegene Offenbacher Ledermuseum geschickt würde. "Sie sehen da Kunsthandwerk, ich sehe die Häute toter Tiere. Über welches der beiden Themen soll ich berichten?", fragte ich.

Der Dozent wiederholte sein Mantra: unparteilich. Neutral. Thema wäre bloß das Kunsthandwerk. Aber wieso ist es unparteilich, wenn man in ein Ledermuseum geht und um das offensichtliche Faktum drumherum schreibt, dass da die Häute toter, sogar gewaltsam getöteter Tiere ausgestellt sind? Schließlich ergreift man damit Partei für die Schlächter und gegen die Tiere – die ironischerweise sogar posthum materiell anwesend sind. So gesehen ist es noch verrückter, über einen reich verzierten Hirschledersattel zu schreiben, ohne einen Gedanken an den Hirsch zu verschwenden, als über die Pyramiden zu berichten, ohne zu fragen, wer sie erbaut hat...

Wobei das sicher in den meisten Reiseführern so gehandhabt wird, ebenso wie ja 1492 vielerorts noch als das Jahr der Entdeckung Amerikas gilt, obwohl das bereits Tausende von Jahren früher von Menschen entdeckt worden war, die nach 1492 brutal unterworfen wurden. Doch wer Urbevölkerungen, Pyramidenarbeiter oder Schlachttiere übersieht, dessen Blick ist geformt von der langen Tradition einer Ausbeutung von Mensch und Tier; das ist zwar der übliche, weit verbreitete, kulturell verfestigte Blick – aber halt kein neutraler Blick. Den es vermutlich in all diesen Dingen, die unsere gesellschaftliche Existenz betreffen, gar nicht gibt.

Bevor ich beim Hessischen Rundfunk mit dem Einmaleins des Journalismus vertraut gemacht wurde, hatte ich an der Frankfurter Universität zunächst das Werk und später die Person der Philosophin Iris Marion Young kennengelernt. In ihrem Werk Justice and the Politics of Difference beschrieb Young unter anderem dieses Ungleichgewicht zwischen der hegemonialen "neutralen" Sicht und der "speziellen" Sicht der Minderheiten. Eine Erkenntnis daraus: Während die Angehörigen der Mehrheit typischerweise nicht einmal merken, dass auch sie eine Lebensweise, einen Körper, eine Sexualität, eine Sprache, eine Hautfarbe oder eine Meinung haben, sind es meist Angehörigen von Minderheiten, deren Sicht der Dinge als "speziell" auffällt und die gesondert erklärt, bewiesen, rechtfertigt und bestenfalls toleriert werden muss.

Zum Beispiel haben wir alle einen Körper, doch angeblich besitzen nur Menschen im Rollstuhl eine "besondere Art der Fortbewegung". Bei keinem heterosexuellen Ehepaar wird extra dazu gesagt, dass es eben heterosexuell ist; aber wenn Guido und Ingo zum Abendessen eingeladen sind, seit fünf Jahren verheiratet, kann es schon mal heißen: "Ein schwules Pärchen kommt auch." – Wieso eigentlich "-chen", in "Pärchen"? Eben weil alles, was nicht normal (= der hegemonialen Norm entsprechend) ist, als fragiler, extravaganter, potenziell gar lächerlich erscheint.

Hilal Sezgin, geboren 1970, studierte Philosophie und lebt als freie Schriftstellerin und Publizistin in der Lüneburger Heide. Im vergangenen Jahr erschien von ihr u.a. "Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen" im Verlag C.H. Beck. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ilona Habben

Aufs Gebiet des Journalismus übertragen: Alle Menschen haben Großeltern, aber nur wir mit Migrationshintergrund werden entsprechend kategorisiert, zum Beispiel als afro-deutsch oder türkisch-deutsch. Und auch wer mit Weihnachten, Ostern und Konfirmandenunterricht aufgewachsen ist, ist nun mal im weiteren Sinne christlich sozialisiert – selbst wenn er oder sie sich als agnostisch begreift und schon vor Langem aus der Kirche ausgetreten ist. Doch auch so jemandes Sicht ist nicht neutral, nicht völlig unparteilich, sondern ebenfalls kulturell eingefärbt; und wenn er oder sie über den Ramadan, den Koran oder über muslimische Jugendliche schreibt, schwingt eine andere Art von Distanz, ein Mir-ist-das-noch-nicht-vertraut mit. (Womit ich nicht Vorurteile oder gar Gehässigkeiten meine, sondern einfach die Brille oder die Voreinstellungen, die eben jede*r von uns hat.)

Ich musste dann übrigens zwar nie ins Ledermuseum, aber passend zum zwanzigsten Jahrestag hatte ich eine Art Déjà-vu. Ich nahm an einer Pressefahrt des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums teil, wir besichtigten einen sogenannten vorbildlichen Mast-Entenstall mit 4.500 Tieren. Die Enten waren drei Wochen alt, drei weitere Wochen später sollten sie zum Schlachter. Diese Tiere sind nämlich so verzüchtet, dass sie extrem schnell Fleisch anlegen, vor allem an der Brust; Skelett und Muskulatur können da oft nicht mithalten, die Tiere kippen um. Was dann folgt, kann man unter anderem hier sehen.

Fairness statt Unparteilichkeit

Als wir im Pulk den Stall betraten, liefen die Tiere weg, zwei fielen auf den Rücken und kamen von alleine nicht mehr auf die Beine. Ich näherte mich ihnen, drehte sie wieder um und, ja, ich gebe es zu, mir kamen ein paar Tränen. Wenig später rügte mich ein Kollege: "Sind Sie auch Journalistin? Es gibt da diesen Leitspruch: Man soll sich nicht mit einer Sache gemein machen."

Diese "Sache", das war dann wohl entweder die Ente oder der Tierschutz. "Ich mache mich nicht gemein – mit der Fleischindustrie", sagte ich patzig. Dabei hatte ich mich ja bereits mit meinen Tränen lächerlich gemacht, war wenig souverän gewesen, nicht professionell.

Aber hier nun meine Rückfrage an die Profession: Es gab bereits Dutzende von Enthüllungsberichten über das Leiden in den Ställen und über die Qualen im Schlachthof. Wie also können Journalisten noch heute, im Jahr 2016, in einen Stall voll Tausender gelb beflaumter, knopfäugiger Entenjungen gehen und nicht merken, dass es traurig und sogar moralisch grundfalsch ist, sie alle zu einem frühen, grausamen Tod zu verdammen? Wieso gilt es als Meinung zu sagen: "Dies ist Barbarei!", aber als unparteilich, direkt vor solch einer Barbarei zu stehen und in ungerührtem Ton darüber zu schreiben, als wäre alles in Ordnung? Ehrlich gesagt, weinte ich wohl nicht so sehr wegen der Entchen an sich, sondern vielmehr wegen des Gleichmuts meiner Kolleg*innen.

Und damit nochmals zurück zu den Tugenden, die sie uns beim Hessischen Rundfunk beibringen wollten. Das Ideal Unparteilichkeit mit einer gewissen Skepsis zu betrachten, heißt keineswegs, den Anspruch auf Sorgfalt ad acta zu legen – und genauso wenig, nicht fair zu sein. Fairness heißt doch eigentlich, Informationen und Meinungen von allen Seiten einzuholen; die Argumente der Gegenseite nicht zu verschweigen, wenn sie irritierend oder gar überzeugend sind, und Zitate nicht sinnentstellend zu verwenden. Fairness heißt auch, andere nicht lächerlich zu machen, nur um mit der eigenen Sprachgewandtheit zu punkten. Und natürlich müssen wir immer deutlich machen, ob es sich bei einem Text oder einer Passage eher um Wiedergabe, um Information oder Meinung handelt.

Aber Fairness erfordert nicht, keine Meinung zu haben; sondern im Gegenteil kann man doch erst wirklich fair sein, wenn man überhaupt weiß, welche eigene Meinung man besitzt (und diese gegebenenfalls auch zur Diskussion stellt). Wer hingegen die eigene Weltsicht wie ein Chamäleon dem hegemonialen Hintergrund anpasst, ohne darüber zu reflektieren, berichtet oft genug unfair über Lebensweisen und Ansichten anderer. Die kommen dem Chamäleon dann nämlich sonderbar schrill vor, selbst wenn es selbst momentan auf einem orange-gepunkteten Blatt sitzt und entsprechend aussieht.

Fairness heißt nicht zuletzt, diejenigen nicht zu unterschlagen, die an dem jeweiligen Geschehen beteiligt sind oder waren, freiwillig oder unfreiwillig, rühmlich oder ruhmlos. Köchinnen, Mütter, Konkubinen; all die der Industrialisierung in Ost und West zum Opfer gefallenen Kindheiten. Die Steinschlepper und Steinmetze. Die Hirsche. Die Enten.