Marcy Avenue ist der letzte Halt des J-Train in Brooklyn, bevor er die Williamsburg Bridge nach Manhattan überquert. Die Bänke am Bahnsteig werden mit Trennhölzern in Einzelsitze aufgeteilt. Südlich der Brückenauffahrt beginnt das weitläufige jüdische Viertel von Williamsburg. An diesem sehr heißen Sommertag eilen von dort die Männer mit Filzhüten und in langen schwarzen Mänteln zur Hochbahn. Ihre Ehefrauen tragen kinnlange Perücken, hochgeschlossene Schluppenblusen und lange schwingende Röcke zu flachen Schuhen und blickdichten Nylons. Von der nördlich gelegenen Bedford Avenue kommen halbnackte, ganzkörpertätowierte  Schönheiten, die sich die Mieten in Manhattan nicht mehr leisten konnten. Sie schauen auf ihre Smartphones. Die Juden blicken zu Boden. Ultraorthodoxe meiden Blicke auf fremde Frauen. Ihr Glaube verbietet es ihnen.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Auf einer Werbefläche über ihnen ist ein kopfloser Frauenkörper in weißem Zweiteiler abgebildet. "Fürchte dich nicht vor deinem Bikinikörper" steht da, und dazu die Lösung: "Neue Brüste, made in NYC, 3.900 Dollar". Der J-Train überholt auf seinem Weg über den East River zahllose schweißnasse Jogger, die auf der Williamsburg Bridge neben dem achtspurigen Autoverkehr ihre austrainierten Körper äußerst furchtlos der prallen Sonne und den Abgasen aussetzen.

In der gut gekühlten Metro halten die Fahrgäste auch ohne Trennelement auf den Sitzflächen mindestens eine Handbreit Abstand zum Sitznachbarn. Wird diese Sicherheitszone versehentlich unterschritten, hat das, wie auch sonst jeder versehentliche Körperkontakt, eine sofortige Entschuldigung zur Folge.

Spärlich bekleidete Jogger

Am Ausgang der Haltestelle Delancey Street umarmt eine muskulöse Latina eine zarte Frau, die ihren Körper an sie schmiegt, während die Arme entspannt herunterhängen. Diese nicht enden wollende Umarmung wirkt weder sexuell noch freundschaftlich, eher demonstrativ in ihrer Entschlossenheit. Sie erinnert mich an das Interview in der New York Times vom Wochenende, in dem die 30-jährige Managerin eines veganen Restaurants von ihrem Zweitberuf als "professional cuddler" erzählte. Für 80 Dollar pro Stunde umarmt sie Menschen oder pustet ihnen ins Ohr. Gelegentlich auftretende Erektionen beunruhigten sie nicht, gab sie an.

In die Delancey Street mündet auch der Laufweg der furchtlosen Brückenjogger. Die meisten Männer laufen mit nacktem Oberkörper, viele Frauen bauchfrei. Ihr Gesichtsausdruck ist entspannt, ihr Blick ins Irgendwo der Lower East Side gerichtet. Keinesfalls achten sie darauf, ob jemand auf sie und ihre muskulösen Körper schaut.   

Die sind bei Weitem nicht die Einzigen, die sich hier so sportlich wie spärlich bekleidet zeigen. Wenn die Frauen überhaupt etwas an den Beinen tragen, dann hauteng gespannte Leggings. Die meisten entscheiden sich allerdings für Mikrominis oder cut offs, die äußerst beherzt auf halber Po-Höhe gekürzt wurden. Was unten an Stoff nicht fehlt, wird oben auch nicht gebraucht: BHs sind vollständig sichtbar unter Cutout-Tops oder werden erst gar nicht getragen. Die zwischen den opulenten Tätowierungen freigelegte Haut schimmert in vielen Schattierungen. 

Ich scheine die Einzige zu sein, der angesichts frei wogender Brüste, gemeißelter Sixpacks und stramm ins Blickfeld gewölbter Pos die Augen übergehen. Die vollständig in die Sichtbarkeit gewuchtete Selbstaktualisierung unfassbar schöner Menschen läuft allerorts ins Leere ihrer ausbleibenden Betrachtung. Als habe das menschliche Auge Manhattans das Recht auf den ersten Blick an Überwachungs- und Handykameras abgetreten. Und den zweiten erst gar nicht mehr riskiert.

Dabei waren es die Straßen der Lower East Side, auf denen ich vor vielen Jahren das unverblümte Schauen gelernt hatte. Und ich hatte erlebt, mit wie viel Lust und Freude Fremde aufeinander reagieren können. Ob mir puertoricanische Transsexuelle staunend an die Brüste fassten "May I?", Obdachlose im Tompkins Square Park "Hey gorgeous" brüllten oder junge Frauen im Vorbeigehen Kleider, Taschen und Schuhe lautstark bewunderten – der öffentliche Raum war, weit über eindeutige Flirtrituale hinaus, randvoll mit Blicken und Begegnung. Die euphorische Extrovertiertheit steckte an und machte glücklich, jedes Kompliment wurde nur zu gern erwidert. Wie so viele andere, die in New York gelebt haben, nahm ich diese Energie mit nach Deutschland, wo noch bis Ende des vergangenen Jahrtausends befürchtet wurde, man könne Unbekannten bereits mit einem Lächeln zu nahe treten, und Lob als die Schwester der Schleimerei galt.

Das endete spätestens mit der Generation der HDGDL-Mädchen, die auch hierzulande das Kompliment anstelle des skeptischen Hinterfragens zum kommunikativen Standard machten. Noch bevor der Like-Button begann, weltweit Zuspruch zu formatieren, hatten wir uns auf New Yorker Weise locker gemacht.

Neue Grenzen der Anmache

Zehn Jahre nach meinem letzten Besuch treffe ich nun, mitsamt meiner verinnerlichten amerikanischen Herzlichkeit, auf eine Stadt, die niemals schaut. Die harte Gentrifizierung und eine vom Internet der Dinge virtualisierte Alltagskultur bieten sich als mögliche Erklärung an. Ebenso der geballte Zorn auf das sogenannte catcalling, die unablässige anzügliche Belästigung von Frauen auf ihrem Weg durch die Stadt. Das Video einer Schauspielerin, das 2014 einen solchen, zehnstündigen Spießrutenlauf durch die Straßen New Yorks abbildete, schärfte, nicht zuletzt aufgrund seiner 40 Millionen Abrufe, ein neues Bewusstsein für die Grenzen der Anmache.

Und doch vermag all dies das Paradox nicht aufzulösen, das sich mir auf den New Yorker Straßen, gleichsam im Zeitraffer der vergangenen zehn Jahre, darbietet: In eben dem Maß, wie die körperlichen Schauwerte immer spektakulärer hoch- und nachgerüstet werden, erzeugen sie eine visuelle Dysfunktion. Die Provokation frisst ihre Betrachter, Männer wie Frauen.

Auch hier scheint, wie bei den ultraorthodoxen Juden, ein Glaube den Blick zu verbieten. Bloß welcher. Wirklich jener an den Gott der kleinen Geräte, die das Anschauen monopolisieren, das Lächeln kassieren und Komplimente in ihr Inneres verschieben?

Mit der Green Line fahre ich am Abend auf die Upper Eastside, wo mir eine Bekannte ihren neuen Ehemann vorstellen möchte. Sie hat ihn auf einem Datingportal für "Menschen mit ernsten Absichten" kennengelernt. Im Subway-Abteil bewirbt Spotify ein personalisiertes Mixtape aus algorithmisch generierten Lieblingssongs mit Tweets seiner Abonnenten. "Ich wünschte, ich würde ein Mädchen treffen, das mich so tief versteht und liebt wie mein Spotify Discover weekly", schreibt ein "Monsieur Dwork". Elektronische Bigamisten, so scheint es, verstecken ihre bereits existierenden Bindungen erst gar nicht mehr. Sie werben mit ihnen.