Nachdem Jared Leto 2014 für seine Rolle der Trans*Frau Rayon in Dallas Buyers Club einen Oscar als "Bester Nebendarsteller" erhalten hatte, veröffentlichte IndieWire eine Liste mit zehn Trans*Schauspielerinnen, die Letos Rolle hätten übernehmen können. Als Anfang des Jahres The Danish Girl in die Kinos kam, wurde eine ähnliche Kritik in der Trans*Community laut: Warum wird hier schon wieder ein Trans*Charakter von einem Cis-Schauspieler verkörpert? Das Argument, es gäbe einfach keine professionell arbeitenden Trans*Schauspielerinnen, zählt spätestens seit der IndieWire-Liste nicht mehr.

Das Wesen des Schauspiels bestehe nun einmal darin, etwas darzustellen, was mensch nicht ist, könnte man jetzt dagegenhalten. Jared Leto hat im echten Leben kein HIV und Jennifer Garner arbeitet nicht als Ärztin, sondern als Schauspielerin. Keine_r der Darsteller_innen der Twilight-Reihe ist ein Vampir, und niemand aus Blade Runner ein Roboter. Außerdem: Impliziert die Forderung, Trans*Charaktere von Trans*Darsteller_innen verkörpern zu lassen, nicht eine Festlegung auf genau diese Rollen? Eigentlich sollte doch die Geschlechtsidentität eines/einer Darsteller_in nicht ausschlaggebend dafür sein, welche Rolle er oder sie spielen darf!

Zugegeben: ein schöner Gedanke. Aktuell leben wir aber in einer zweigeschlechtlich aufgeteilten Welt, in der weiße, heterosexuelle Cis-Männer als das "Normale", "Neutrale" gelten und geschlechtliche Uneindeutigkeit für Verwirrung, Ausgrenzung und Stigmatisierung sorgt. Und das trifft leider ganz besonders auf Hollywood zu. Noch bietet das Mainstreamkino fast ausschließlich binäre Rollen, die wenig Raum lassen für geschlechtliche Ambivalenzen. So wünschenswert es wäre, dass Trans*Menschen irgendwann ganz selbstverständlich auch Cis-Rollen übernehmen – noch ist diese Forderung utopisch.

Vielfalt an Lebensentwürfen

Aber, so könnte man jetzt hinzufügen, verschafft nicht gerade ein bekannter (ergo: Cis-männlicher) Schauspieler "dem Thema" eine größere Aufmerksamkeit?

Anja Kümmel studierte Gender Studies und Spanisch in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Seit 2011 lebt sie als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Im April 2016 erschien ihr dystopischer Zukunftsroman "V oder die Vierte Wand" im Hablizel Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Ja und Nein. Schaut man sich die genannten Filme – Dallas Buyers Club und The Danish Girl – einmal genauer an, zeigt sich, dass Werke, die ausschließlich von Cis-Menschen (in den meisten Fällen weißen, heterosexuellen Cis-Männern) erdacht, geplant und realisiert werden, dazu neigen, gängige Stereotype zu reproduzieren. Was nicht heißen soll, dass die Intentionen nicht durchaus wohlmeinend waren. Die Ergebnisse jedoch dienen letztlich eher dazu, Cis-männlichen Schauspielern Preise und Nominierungen einzubringen, als einen differenzierten Blick auf die Vielfalt an Lebensentwürfen und Selbstverortungen von Trans*Menschen zu werfen.

Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Die komplexe historische Figur der Lili Elbe droht hinter dem bis zum Platzen ausstaffierten, mit Schichten um Schichten klagender Geigen unterlegten Melodram The Danish Girl beinahe zu verschwinden. Schön anzusehen sind die Szenen allemal, in denen sich Lili stylishe Jugendstilroben überstreift, Perücken ausprobiert, auf der Straße feminine Gangart und Gesten einstudiert. Jedoch wird hier die äußerliche Transformation – Kleidung, High Heels, Make-up – derart fetischisiert, dass Lili nicht selten wirkt wie ein Transvestit, der bei der Berührung von Nylon, Seide und Spitze in Ekstase gerät. Für all diejenigen, die nicht zufällig Judith Butlers Ausführungen zu Gender als Performance gelesen haben, bestätigt The Danish Girl vermutlich eher das Klischee, Trans*Frauen seien eigentlich Männer in Drag.

Dallas Buyers Club ist zwar mit weniger Zuckerguss überzogen, doch auch hier beschleicht einen mitunter das Gefühl, einem "fishing for Oscars" beizuwohnen. Die fiktive Figur Rayon bedient so ungefähr jedes Klischee über Trans*Menschen, das man sich vorstellen kann (Sexworkerin, drogensüchtig, HIV-positiv) und dient in erster Linie dazu, aus dem homophoben Ekelpaket Ron Woodroof dann doch noch einen liebenswerten Kerl zu machen. Es geht nicht wirklich um die differenzierte Darstellung einer Trans*Person, sondern darum, Jared Leto vor den Augen des staunenden Publikums möglichst glaubwürdig mittels Kleidung, Make-up, Perücken und hochgepresster Stimme in eine Frau zu verwandeln: Wow, was für eine Transformation! Passend dazu machte Leto dann auch in seinen diversen Dankesreden lieber Witze darüber, wie er sich für seine Rolle den ganzen Körper mit Wachs epilieren musste, anstatt in irgendeiner Weise Bezug zur Trans*Community zu nehmen.