Heute Abend, zehn nach acht, öffnete ich endlich den Brief von der Krankenkasse. Vier Tage lang hatte ich ihn von einer Ablage in die andere geschoben; gelassener würde ich nicht werden, warum also nicht jetzt.

Es war die Ablehnung meines Widerspruchs. Nun würde ich mit einem Schlag 130 Euro mehr Beitrag im Monat zahlen und eine rückwirkende Zahlung anweisen müssen. Hatte ich tatsächlich geglaubt, ich würde Gehör finden mit meiner gestressten Darlegung, wie ich es mit meinen mageren Einkünften aus dem freien Kulturjournalismus kaum schaffte, zwei Personen halbwegs gut durchzubringen und solche Erhöhungen nun wirklich nicht leisten könnte?

Meine Tochter guckte nebenan fern, oder vielleicht schlief sie auch schon den gesegneten Schlummer ihrer 15 Jahre und ihrer ersten Berliner Sommerferien. Wir sind erst vor einem halben Jahr in die Hauptstadt gezogen, aber es ist das erste Mal, dass meine Tochter sich in einer Schulklasse komplett am richtigen Platz fühlt. Sie ist nun nicht mehr das etwas andere Kind einer der 16,7 Prozent Alleinerziehenden in Baden-Württemberg: In Berlin gehören wir zu der stolzen, knapp 32 Prozent großen Gruppe der Ein-Eltern-Familien.

Bernadette Conrad ist freiberufliche Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Literaturkritik, Porträt und Reisereportage; tätig für das Schweizer Radio SRF2, DIE ZEIT u.a. Zuletzt erschienen von ihr "Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind" (btb 2016) und zusammen mit Usama Al-Shahmani "Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister" (Limmatverlag 2016). © Ekko von Schwichow

Morgen werden wir mit großer Begeisterung einen der vielen Berliner Badeseen erkunden, samt Zeltplatz, heute zusammen mit unseren aus dem Süden Deutschlands angereisten Freunden. 

Aber erst mal muss der Brief verdaut werden, obwohl ich den Inhalt hätte kennen müssen. Anscheinend war ich wieder mal der irrigen Hoffnung erlegen, dass jemand sich für dieses Gebäude der Alleinerziehenden-Existenz interessiert, von der knallharten Versteuerung nach Singletarifen bis zu Versicherungssätzen, die sich an Kinderlosen orientieren. Angeblich gibt es 160 verschiedene Formen staatlicher Familienhilfe – ungefähr ein Drittel der 1,6 Millionen Alleinerziehenden verbringt einen guten Teil seiner Lebenszeit mit komplizierten Beantragungen für kleine Beträge, um so den minimalen Lebensunterhalt zusammenzukratzen.

Gefördert wird die Ehe – nicht die Familie

All diese Familienhilfen aber ändern nichts daran, dass unser Armutsrisiko fünfmal höher ist als das der Paarfamilien. Wie die gerade aktualisierte Studie der Bertelsmann-Stiftung erweist, ist das Risiko für Ein-Eltern-Familien weiter gestiegen, während es für Paarfamilien sank. Nicht unwesentlich zu unserer Armut trägt die teuerste Familiensubvention von allen bei: das Ehegattensplitting mit 22 Milliarden Euro, das ausschließlich Paarfamilien mit einem gut verdienenden und einem deutlich weniger gut verdienenden Ehepartner zugutekommt. "Gefördert wird in Deutschland die Ehe – nicht die Familie": so bringt es Steuerberaterin Reina Becker auf den Punkt, die seit Jahren von einer Instanz in die nächste gegen die Benachteiligung von Alleinerziehenden-Familien klagt.

Ich denke an Caroline. Sie ist eine von acht Müttern und einem Vater – 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen –, die ich für mein Buch auf weltweiten Reisen porträtiert habe. Die Floristin, Mitte 30, wusste zwar von Anfang an, dass sie allein sein würde, nicht aber, dass Zwillinge unterwegs waren. In der traumatischen Anfangszeit mit wenig Geld und überkritischen Erziehern im süddeutschen Lörrach träumte sie davon, nach Skandinavien auszuwandern. Als sie mit den achtjährigen Zwillingen keinen Job mehr fand, die Arbeitszeiten bei Lidl nicht machbar waren, traute sie sich den Sprung nach Schweden tatsächlich. Am Anfang unserer Bekanntschaft hatte sie mir geschrieben: "Ich bekomme viel Bewunderung dafür, dass ich den Schritt ins Ausland gewagt habe. Das Gegenteil ist der Fall: Ich weiß nicht, wie die Alleinerziehenden in Deutschland es hinkriegen."

Oder Martina: Auch die Politikwissenschaftlerin aus Prenzlauer Berg war von Anfang an allein mit ihrem Sohn, und als im Grundschulalter klar wurde, dass bei ihm mehrere Operationen in zeitlichen Abständen mit Nachsorge und so weiter anstünden, gab es kein Arbeitsverhältnis mehr, mit dem dies vereinbar war; sie schlug sich mit Hartz IV und Aufstocken durch.

Der blinde Fleck im Herzen der Gesellschaft

An mangelndem Arbeitswillen kann's nicht liegen: 60 Prozent der Alleinerziehenden arbeiten. Auch ich habe keinen Monat meines Lebens ausgesetzt; wie der größte Teil von ihnen zähle ich zu den gut ausgebildeten Niedrigverdienern, die der Altersarmut entgegengehen. Leider gehörte ich auch immer wieder zu der – man stelle sich das mal vor – Hälfte aller Alleinerziehenden, die überhaupt keinen Unterhalt erhält. Weitere 25 Prozent erhalten weniger, als ihnen zusteht. Ob man aber zu ihnen gehört – wie zum Beispiel ich mit 140 Euro im Monat – oder aber 500 Euro bekommt oder auch gar nichts, das interessiert weder das Finanzamt noch die Krankenkasse oder sonst eine Stelle, die Geld von mir will. Obwohl dies faktisch natürlich einen großen Unterschied macht.

Inzwischen kann ich sagen: Wir sind die Familienform, die in Deutschland nicht vorgesehen ist. Obwohl wir zahlenmäßig seit mehr als 20 Jahren stetig wachsen, mittlerweile ein Fünftel aller Familien ausmachen, sind wir ein großer blinder Fleck im Herzen der Gesellschaft.