Ein populärer Irrtum besagt, dass Leute auf Festivals, Konzerte und Bierfeste gehen, um ihre Pflichten zu vergessen und dem Alltag zu entkommen. Das hat eigentlich noch nie gestimmt: Spätestens seit dem Hambacher Fest war Feiern politisch. Gemeinschaftliche Trunkenheit war immer auch gegen jemanden gerichtet: in Woodstock gegen den militärisch-industriellen Komplex, auf der Loveparade gegen die inhaltliche Aufladung des Pop, beim Oktoberfest gegen den Verlust traditioneller Regionalismen. In der Festivalsaison 2016, die in Wacken gerade zu Ende geht, ist nun ein weiterer Gegner dazugekommen: der internationale Terrorismus.

Die deutsche Kriegsgeneration hat ihre Schlüsselerfahrungen in Schützengräben gemacht, ihre Kinder hingegen auf dem Festivalgelände, hat der Historiker Bodo Mrozek einmal gesagt. Mit dem Kuscheln im Schlamm waren auch die eigenen Eltern gemeint, die sich nicht vorstellen konnten, das so etwas charakterbildend sein soll. Jetzt sitzt die erste popsozialisierte Generation Deutschlands in den Rathäusern. Auf die Frage, ob man das Oktoberfest in diesem Jahr nicht besser absagen sollte, sagte Münchens Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) der Tageszeitung tz: "Wir dürfen unser Alltagsleben nicht ändern, sonst hätten die Terroristen gewonnen."

In verschiedenen Variationen fällt der Satz in letzter Satz relativ häufig. Auch der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler empfahl in der ZEIT "heroische Gelassenheit". Im Jahr 1986 waren es noch die Beastie Boys, die eine verunsicherte Jugend aufriefen, für ihr Recht auf Partys zu kämpfen. Heute sind es CSU-Bürgermeister und konservative Politikwissenschaftler. Festivalbesuche sind in Europa in diesem Spätsommer eine Art patriotische Bürgerpflicht geworden. Wie konnte es dazu kommen?

Was die Terroristen wollen

Dem amerikanischen Psychologen Max Abrahms ist nach den Anschlägen vom 13. November aufgefallen, dass man in den USA fast alles damit begründen konnte, dass es Gegenteil dessen sei, "was die Terroristen wollen". Es fanden also etwa Footballturniere statt, und Taxiunternehmen fuhren Bahnhöfe an, weil andernfalls "die Terroristen gewonnen hätten". Zuvor hatte Abrahms einige Jahre die Fatwas von Osama bin Laden erforscht, in denen es um alles Mögliche ging, um Football und Taxis allerdings nicht.

In der Harvard Business Review erklärte er, wie es dazu kommt: Menschen erschließen sich die Motive anderer anhand der Konsequenzen, die ihr Handeln nach sich zieht. Wenn also ein Kind beobachtet, dass seine Mutter die Zimmertür schließt und dann feststellt, dass es danach im Zimmer ruhiger ist, nimmt es an, dass die Mutter den Lärm verringern wollte. Das funktioniert auch, wenn die Mutter eigentlich ganz andere Absichten hatte.

Die Öffentlichkeiten in den USA und Europa verhalten sich wie der Junge aus der Geschichte: Sie erleben nach den Anschlägen ein diffuses Gefühl der Unsicherheit und nehmen deshalb an, dass es die Absicht der Attentäter gewesen ist, dieses Gefühl herzustellen. Dabei ging es in den meisten Fällen um etwas völlig anderes: Der Attentäter von München wollte so viele Ausländer wie möglich töten, der Mord in Reutlingen resultierte aus einem Beziehungsdrama, der Messerangriff in einem Berliner Krankenhaus wurde von einem verzweifelten Patienten begangen. Lediglich der Selbstmordanschlag in Ansbach, bei dem außer dem Attentäter niemand zu Tode gekommen ist, konnte bislang mit dem "Islamischen Staat" in Verbindung gebracht werden.