Mittlerweile hat es in Frankreich so viele größere und kleinere Attentate gegeben, die sich mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" in Verbindung bringen lassen, dass sich in der Bewältigungsrhetorik eine gewisse Routine eingestellt hat. Staatspräsident François Hollande drückt seine Betroffenheit aus, erklärt den internationalen Terroristen den Krieg und verspricht, mit allen Mitteln gegen den Terrorismus vorzugehen. Und damit waren bislang auch eigentlich alle einigermaßen zufrieden. Jetzt haben allerdings zwei der bekanntesten jungen Intellektuellen Frankreichs in einem Beitrag in der Tageszeitung Libération Einspruch erhoben und damit eine interessante Debatte unter Linken angestoßen.

Bei den Autoren handelt es sich um den 23-jährigen Schriftsteller Édouard Louis und den kaum älteren Soziologen Geoffroy de Lagasnerie. In ihrem Text heißt es: "Wir möchten folgende Frage stellen: Wenn die Attentate weitergehen, obwohl mit allen Mitteln gegen sie vorgegangen wird, muss man dann nicht die Wirksamkeit dieser Mittel überdenken?"

Louis und de Lagasnerie werfen der französischen Regierung vor, dass sie auf die Attentate lediglich mit sicherheitspolitischen Maßnahmen reagieren, obwohl die Täterprofile für gewöhnlich in eine andere Richtung weisen: "Jedes Mal, wenn die Biografie eines Attentäters veröffentlicht wird, lesen wir dort die Worte Gefängnis, Misere (nicht nur wirtschaftlich), Rassismus, Homophobie, Gewalt gegen Frauen, Arbeitslosigkeit, schulische Ausgeschlossenheit, städtischer Abstieg, Prekariat etc." Trotzdem seien es nicht etwa die Minister für Erziehung, höhere Bildung, Stadtentwicklung oder Gesundheit, die nach einem Attentat besondere Maßnahmen verkündeten, sondern die Minister für Verteidigung und Inneres. Allein: Die Bombardierung syrischer Städte bringe eher neue Attentäter hervor, als dass sie weiteren Anschlägen vorbeuge.

Strukturen der Ungleichheit

Solange es nicht die Kinder aus den besseren Vierteln, den bürgerlichen Gymnasien und den Eliteuniversitäten seien, "die mit einer Kalaschnikow auf die Straße gehen, um ein Attentat zu begehen, ergibt jede Diskussion, die keine soziologische ist, streng genommen keinen Sinn", schreiben die Autoren. Premierminister Manuel Valls und Staatspräsident François Hollande hätten "nichts gegen den Terrorismus unternommen, weil Sie mit Ihrer Kriegsrhetorik in keinem Moment die Strukturen der Ungleichheit gemeint haben, die das Leben unerträglich machen".

Die Antwort des Premierministers folgte nur einen Tag später, wiederum in der Libération: "Zwei linke Intellektuelle in einer linken Zeitung verdienen von einem linken Premierminister eine klare Antwort." Von seinen Positionen rückt er allerdings nicht ab: Louis und de Lagasnerie hätten eine Blindheit offenbart, die zweifellos sehr bequem sei, schreibt der Premierminister. Blindheit für die Zusammenhänge innerhalb der Behörden, Blindheit dafür, wie tief die Wurzeln der Bedrohung lägen. Die Regierung habe in den vergangenen drei Jahren eine ganze Reihe sozialer Maßnahmen ergriffen, die sich zum Beispiel gegen die Segregation in den Städten wendeten und der Radikalisierung junger französischer Muslime vorbeugen wolle.

Pauschale Verdachtsmomente

Dann geht Valls selbst in die Offensive: Es sei nicht seine Strategie, die die Gesellschaft spalte, sondern das deterministische Weltbild von traditionellen Linken wie Louis und de Lagasnerie. Der entscheidende Satz lautet hier: "Wenn man ein Profil der Terroristen zeichnet, in dem die gemeinsamen Punkte die Exklusion, die soziale Verzweiflung sind – was im Übrigen bei Weiten nicht in jedem Fall feststeht – entwerfen Sie indirekt eine Form des Determinismus, die alle Jugendlichen in den Arbeitervierteln zu potenziellen Terroristen macht." Dieser Diskurs sei gefährlich: Er produziere pauschale Verdachtsmomente, vertiefe die Trennungen innerhalb der Gesellschaft und spiele das Spiel der Populisten.

Oft sind Dialoge dann am aufschlussreichsten, wenn die Beteiligten aneinander vorbeireden. So ist es auch hier: Obwohl sich beide Parteien als Linke verstehen, liegen sie in ganz fundamental weltanschaulichen Fragen maximal weit auseinander. Die Kritik von Geoffroy de Lagasnerie und Eduard Louis erinnert an die Kritik von Karl Marx an Ludwig Feuerbach, deren letzter Satz – "Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern." –  bis heute in der Eingangshalle der Berliner Humboldt-Universität zu sehen ist: Es geht im Kern um die Frage, wie groß der Einfluss der sozialen Umstände auf die persönliche Entwicklung des Einzelnen ist.